Drowse - Cold air

Drowse- Cold air

The Flenser
VÖ: 09.03.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

In Deinem Kopf

Man möchte nicht Kyle Bates sein. Allein beim Lesen des Promotextes zu seinem neuen, zweiten Album als Drowse breitet sich ein dumpfer Schmerz in der Magengegend aus. Dort bekommt man zwar nur den flüchtigsten aller möglichen Eindrücke, in welch tiefschwarzen Löcher die vielen Wege der mentalen Instabilität führen können, aber das reicht schon für längere Zeit. Paranoia, Depression, Suizidgedanken, Psychosen, diverse Schmerzkiller, der kalte Entzug von selbigen, Nervenzusammenbrüche, Scham, Halluzinationen, neue Medikamenteneinstellung, Alkoholmissbrauch: All das steckt drin in den paar Zeilen, die man zu "Cold air" erhält. Dieses Mal sind sie sogar wichtig. Nicht wegen des niederschmetternden Inhalts, sondern weil Bates sein Schaffen als Selbstoffenbarung verstanden haben will.

Das Vehikel zu dieser Form der Therapie nennt er dann Drowse und beschreibt es wahlweise als Dark-Pop, Gray-Pop, oder noch passender als all das, was er gerade braucht. Dass man es dabei selten mit leicht verdaulicher Kost zu tun bekommt, muss man wohl niemandem erklären. Man muss diese Herangehensweise noch nicht einmal besonders mögen, wird man doch in gewisser Weise zu einem voyeuristischen Akt gezwungen. Wer Drowse hört, blickt in Kyle Bates' Kopf, ob er nun will oder nicht. Und wer Drowse hört, muss bereit sein, auch den ein oder anderen musikalischen Schmerz zu ertragen. Allein die Tatsache, dass es Bates trotz all dieser miserablen Voraussetzungen – der Typ hat sein erstes Album nur auf Kassette veröffentlicht – inzwischen zu einer gewissen Aufmerksamkeit gebracht hat, dürfte deutlich machen, dass sich all das lohnt. Weil "Cold air" trotz seiner scheinbar hässlichen Oberfläche, die man ganz vage als eine abgefuckte Mischung aus Mount Eerie, Grouper, The Cure und vielleicht High Plains bezeichnen könnte, immer wieder Brotkrumen streut, die den Weg ins Album weisen.

Ganz vorne dabei bei dieser Verteilungsaktion ist natürlich die Single "Quickening", die nach dem verstörenden Opener "Small sleep", der zur Eröffnung den Textfetzen "Breathe / Fear / Sounds / More fear" in den Raum stellt, so ziemlich das Eingängigste darstellt, was Bates auf dieser Platte in petto hat. Die aber auch zeigt, wie stark Bates' Songwriting mitunter ist. So würde der Song, der sich jeglicher Klassifikation verweigert, vermutlich in so ziemlich jeder Genrevariation funktionieren: Man könnte wohl genauso einen Popsong aus "Quickening" machen wie ein fieses Black-Metal-Mistvieh. Überhaupt beherrscht Bates dieses Dazwischen ganz hervorragend, weil er all die Schichten und Texturen, mit denen er in Songs wie "Rain leak", das sogar ein paar Streicher willkommen heißen darf, oder dem akustisch gehaltenen "Klonopin" hantiert, ganz und gar hervorragend im Griff hat. Hilfreich ist natürlich auch die Mitarbeit von Maya Stoner, die mit ihrem Gesang zusätzliche Facetten in das Gesamtbild einbringt und einen angenehmen Kontrapunkt darstellt. Schmerz klingt nur selten so einnehmend wie auf "Cold air". Kyle Bates möchte man trotzdem nicht sein. Man möchte ihm nur alles Gute wünschen.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Quickening
  • Rain leak
  • Shower

Tracklist

  1. Small sleep
  2. Quickening
  3. (Body)
  4. Rain leak
  5. Klonopin
  6. (Bedroom)
  7. Death thought
  8. Two faces
  9. Put me to sleep
  10. Knowing
  11. (Person)
  12. Shower

Gesamtspielzeit: 45:35 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-03-02 13:57:09 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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