Anna von Hausswolff - Dead magic

Anna von Hausswolff- Dead magic

City Slang / Universal
VÖ: 02.03.2018

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Die Grabesspenderin

... und auf einmal ist es dunkel, inmitten des Satzes, inmitten der Gedanken. Sprachlosigkeit. Gedankenlosigkeit. Das Licht ist verschwunden. Weg. Fort. Ade. Stattdessen: "Dead magic", das neue, irre Album der irren Anna von Hausswolff: Die Magie des Kaputten, Erledigten und Toten. Die Schwedin macht sich ein heftiges, sinnliches Vergnügen daraus, sanft zu traumatisieren. Immer ein wenig, als wüsste sie mehr, als sähe sie mehr und könnte alles durchschauen. Während wir nur unvermögend lauschen. Eine Schwarzseherin war sie schon zuvor, ihre Songs verabschiedeten den moribunden Geliebten, sie beerdigte ihren künftigen Nachwuchs. Das Tumbe und Zerrissene war für diese morbide Nabelschau essenziell. "Dead magic" geht da weiter, wirbelt einen Sog des Schmerzes, der Enttäuschung und des Leidens auf. Nicht ein Ich spricht hier – stattdessen sind es mannigfaltige Ichs, zusammengesetzte, wiederauferstanden aus den antiken Mythen und skandinavischen Sagen.

Diesen surrealen Traum durchdringt ein Lärm. Ein Lärm, der flimmert, wabert, schabt. Ein Lärm, der dröhnt, flirrt, vibriert. Wie konsequent: Polterte auf dem Vorgänger "Ceremony" die Orgel, nahmen in "The miraculous" die fiebrigen Percussions Räume ein, bis diese voll und bedrückend klaustrophobisch zu zerbersten drohten, setzt der Nachfolger auf eine zwar drückende, jedoch nicht alles dominierende Orgel. Etwa im zwölfminütigen "The truth, the glow, the fall", das trödelig beginnt, an die Schwere von Spiritualizeds "Broken heart" erinnert, sich langsam schichtet, aber nicht in eine Kakophonie mündet – wie es solche Songs erwarten lassen. Dabei trägt dieses Album eine Radikalität im Klang mit sich. Eine, die sonst von den Krachfetischisten Swans ausgelebt wird, die von Hausswolff jüngst auf Tour begleitete: Lärm als Leben, Lärm als Regung, als etwas, das wie eine hässliche Vergegenwärtigung dessen funktioniert, dass da noch etwas ist, trotz Dunkelheit, Blindheit und tauber Herzen. Lärm ist hier nicht andauernd laut, sondern das Fortbleiben der Ruhe.

"My love is not enough to save me" schreit von Hausswolff in "The mysterious vanishing of Electra". Sie wiederholt das, bis sie in Hysterie verfällt, in einen schmutzigen, derben Wahn. Der Gesang ist famos – sie schlittert die Tonhöhen hoch und runter, zittert die Worte aus der Gurgel, presst sie dann wieder klar und kalt. Der Gesang wird Physis. Zehrend. Auf Tour mit Swans bemerkte sie, wie beeindruckend die Band auf der Bühne agiert, wie sie in völliger Körperanspannung die Musik aus ihren Poren quetschen, dabei schwitzen und bluten. "Dead magic" nimmt das auf – vor allem im akzentuierten Gesang. Die Verstörung und das Zermürbende kommen auf, wenn an den Fingerkuppen genagt und gebissen wird, bis Rot hinab tropft. Wobei das beinahe übertrieben Artikulierte, dass nichts geheilt oder behandelt werden kann, nur klappt, weil so passend aufgenommen und produziert wurde. Weite Teile wurden an einer massiven Orgel in der Kopenhagener Frederikskirche eingespielt, unterstützt von Streichern, Dronesounds und einer fünfköpfigen Begleitband. Fertig sind Songs für Horrorfilme, die sich kaum jemand zu sehen traut.

Wobei Übertreibung ein wesentliches Element spielt: Nicht mehr das Dunkle, eher das Dunkelste, nicht mehr Leid, dafür das Leidvollste – von Hausswolff spielt mit unheiligen Superlativen. Weshalb auch ihre kryptischen Songs die großen Erzählungen und Schicksale aufgreifen, wie in "The mysterious vanishing of Electra": Es könnte auf den Mythos der Elektra verweisen; Sie und ihr Bruder Orest rächen sich an der Mutter Klytaimnestra. Die Mutter muss sterben, hat sie doch den Tod des Vaters Agamemnon angezettelt. Eine weitere Interpretation schließt an: der Elektrakomplex, ausformuliert von C.G. Jung als weibliche Entsprechung des Freudschen Ödipuskomplexes, einer überstarken Bindung der Tochter an den Vater. Einer verbotenen Liebe. Zumindest die Ausgrabung und Flucht im dazugehörigen Musikvideo würden passen: Wegrennen vor der niemals loslassenden Schuld eigener Gelüste.

Oder es ist schlicht Teil der Anna Michaela Ebba Electra von Hausswolff, wie sich der Name dieser Künstlerin in voller Schönheit ausschreibt. Wobei: Eine solche Zurückhaltung würde eher der geheimnisvollen Melancholie entsprechen, die von Hausswolff auf ihrem Debüt aufwarf. Die Vaterfigur bleibt dennoch präsent: Carl Michael von Hausswolff kratzt Klänge aus Interferenzen und gestörten Radios, er oszilliert Töne aus Paranormalem, Unsichtbaren, den Geistern im Raum. So experimentell ist "Dead magic" nicht – dafür sind die Harmonien zu stark, die Übergänge zu geschlossen, die Dramaturgie zu fesselnd. Der Albtraum kommt auf, aber "The marble eye" ist als somnambules, instrumentales Orgelwerk zu nah an der Schönheit und Erhabenheit eines Johann Sebastian Bach. Eben nicht blankes Grauen und bloße Verwüstung.

"Ugly and vengeful" steht im Zentrum, das längste Stück. Es ist die Überwältigung, der Drall und Schlag, die Überforderung. Als hätten Sunn O))) nach ihrem Projekt mit Scott Walker ein neues mit Kate Bush und PJ Harvey aufgenommen: Songs für einen Exorzismus zu schreiben. Das ist nach außen hin heftig, mutig – nach innen aber fragil und zart. Wie in "Källans återuppståndelse", dem gemächlichen, erneut stark sakrosankten Schlusspunkt. Ein solch heftiger Zwist kann nur an der Orgel ausgetragen werden. Und wie die Orgel hier rumort, so hat man sie noch nicht gehört. So, wie auch eine Stimme aus diesen Songs aufbegehrt, die literarisch am ehesten von Emily Dickinson bekannt ist: "Verrücktheit – göttlichste Vernunft. [...] Vernunft – schierste Verrücktheit." "Dead magic" ist der dunkle, verrückte Spiegel, in den sich niemand zu schauen erdreistet.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • The mysterious vanishing of Electra
  • Ugly and vengeful
  • The marble eye

Tracklist

  1. The truth, the glow, the fall
  2. The mysterious vanishing of Electra
  3. Ugly and vengeful
  4. The marble eye
  5. Källans återuppståndelse

Gesamtspielzeit: 47:16 min.

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User Beitrag

MopedTobias

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Registriert seit 10.09.2013

2018-11-24 10:35:41 Uhr
Das hat nichts mit Trump zu tun, aber Pitchie war, was europäische Alben angeht, schon immer merkwürdig unvollständig, auch wenn sie genau in ihr Spektrum gepasst hätten. Sollte man nicht zu viel drauf geben.
retro
2018-11-24 10:34:15 Uhr
Ne, der Vorgänger wurde ja bewertet, sogar ziemlich gut. Keine Ahnung, wie das dort untergehen konnte.
Verschwurblungstheoretiker
2018-11-24 10:14:12 Uhr
Pitchfork war schon immer eine Amiseite, die feiern stets ihre amerikanischen Helden, Antihelden und Themen ab. In Zeiten von America 1st hat sich das noch zugespitzt. Was über ihren limitierten Horizont hinaus geht, existiert für sie nicht. Was will man ihnen in Zeiten eines Donald T. da vorwerfen?
Skinhead O'Märtyrerin
2018-11-24 05:41:53 Uhr
Zwar eine Frau, aber sie ist weiß - das geht schon mal gar nicht. Ich hasse alle Weißen!
retro
2018-11-23 23:12:58 Uhr
Keine Rezi auf Pitchfork für eines der besten Alben des Jahres? Was für eine dumme Seite...
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