Superorganism - Superorganism

Superorganism- Superorganism

Domino / GoodToGo
VÖ: 02.03.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Frankensteins Pop-Album

Stell Dir vor: Du bist in Deinem Lieblings-Internetforum unterwegs, tauschst Dich mit Gleichgesinnten über Deine Lieblingsmusik-, -filme oder wahlweise auch die ideale Größe von Kaffeefiltern, aus und ein Jahr später stehst Du mit ebenjenen – den Gleichgesinnten, nicht den Filtern – auf einer Bühne bei BBC-Legende Jools Holland und trittst unmittelbar nach Noel Gallagher auf, während Tom Hanks im Publikum sitzt. Ziemlich genau so lässt sich die Erfolgsgeschichte hinter Superorganism skizzieren. Acht Menschen aus England, Australien, Neuseeland, Korea und Japan lernen sich über den virtuellen Austausch im Netz kennen, teilen eine künstlerische Vision und verstehen sich dabei auch noch so super, dass sie kurzerhand alle ein gemeinsames Haus in East London beziehen. Im Januar 2017 ließen sie dann einen aus unzähligen Sample- und Soundschichten zusammengesetzten Pop-Frankenstein namens "Something for your M.I.N.D." als Single aus dem Labor, es folgten Millionen von Streams innerhalb weniger Tage, Lobpreisungen von Frank Ocean, Josh Homme und Ezra Koenig, sowie Spekulationen darüber, welcher verrückte Wissenschaftler hier denn jetzt genau hinter stecke, wobei Namen wie Damon Albarn oder Tame Impalas Kevin Parker im Raum zirkulierten.

Zugegeben, in einer Zeit, in der so ziemlich jede Art sozialer Interaktion mittlerweile von einer App erledigt werden kann, ist diese Geschichte einer ungewöhnlichen Zusammenkunft eher Alltagsgeschäft als modernes Märchen, während der Hype mit dem erst ein Jahr später erscheinenden, selbstbetiteltem Debütalbum schon zur unbedeutenden Fußnote zu werden droht. Dem Oktett selbst wird das aber wohl ziemlich egal sein, denn dass "Superorganism" in erster Linie ein riesengroßer Abenteuerspielplatz für alle Beteiligten sein soll, hört man ihm zu jeder Sekunde an. "It's all good" beginnt bereits als Muster-Absolvent der Flaming Lips'schen "Wie-schreibe-ich-einen-eingängigen-und-trotzdem-komplett-bekloppten-Popsong"-Akademie, eine unmenschlich verzerrte Stimme weckt Sängerin Yoshimi, pardon, Orono aus ihrem Halbschlaf, Gitarrist Harry spielt ein liebenswert-nerdiges Riff, und im Refrain schmettern dann alle zusammen die titelgebenden dreieinhalb Worte in Richtung der Festival-Publika dieser Welt.

Auch in der folgenden halben Stunde versuchen nicht nur schwurbelige Synthies, sondern auch Reifenquietschen, Wasserplätschern, Kassenklingeln und circa zehntausend andere Geräusch- und Stimm-Samples erfolglos zu kaschieren, dass Songs wie "Everybody wants to be famous" oder "The prawn song" im Grunde zwar gute, aber auch simpelste und zugänglichste Pop-Stücke sind. Damit diese nicht gerade subtile Edginess nicht zu unangenehm aufdringlich wird, gibt es zum Glück einen willkommenen Kontrastpunkt in Form der erwähnten Orono. Als bekennender Weezer- und Pavement-Fan bringt die bei Bandeintritt gerade mal 17-jährige Japanerin genau diese 90er-Indie-Coolness ihrer Vorbilder mit rein, singt staubtrocken und minimalistisch Zeilen wie "I'm the K-mart soda jerk", während um sie herum der bunteste und lauteste Karneval nördlich der Kölner Innenstadt tobt. Nur in "Reflections on the screen" lässt sie sich zu einem etwas hingebungsvolleren Vortrag mitreißen, der diesem auf seine eigene Art wirklich schönem Computerliebe(s)lied aber auch angemessen ist.

Doch auch trotz Oronos zurückhaltendem Charme und dem Gespür für tolle bis fantastische Popsongs, das Haupt-Songwriterin Emily zweifelsfrei hat, überzeugt "Superorganism" nicht auf der gesamten Länge. Dafür ist es einfach etwas zu gleichförmig, es gibt zwar keinen wirklichen Ausfall, doch sind sich Melodieführungen und Soundspielereien so ähnlich, dass sich vor allem in der zweiten Hälfte manchmal etwas Eintönigkeit einstellt. Und möchte man das Album, ähnlich wie beispielsweise das ungleich radikalere "Pop 2" von Charli XCX, als Dekonstruktionsversuch von Mainstream-Pop begreifen, muss man einfach konstatieren, dass es dafür deutlich zu zahm ist, seine Songs durchweg brav an der Drei-bis-dreieinhalb-Minuten-Grenze entlang bewegen lässt und Ausbrüche wie den kurzen Noise-Ausflug in "Nobody cares" immer nur andeutet und nie ausformuliert. Einen großen Spaß macht die Sache aber trotzdem, und deshalb wäre es ungemein schade, wenn Superorganism wirklich das Schicksal vieler großer Internet-Hypes ereilt und sie in wenigen Monaten komplett vergessen sind. Auch wenn die nächste in einem Online-Forum gegründete Band dann sicherlich schon bereit stünde. Vielleicht dann "Achim und die Hubschrauberpiloten"?

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • It's all good
  • Reflections on the screen
  • Something for your M.I.N.D.

Tracklist

  1. It's all good
  2. Everybody wants to be famous
  3. Nobody cares
  4. SPRORGNSM
  5. Something for your M.I.N.D.
  6. Nai's march
  7. The prawn song
  8. Relax
  9. Night time

Gesamtspielzeit: 33:09 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
subhuman
2018-04-14 14:16:55 Uhr
Als ich irgendwo im Internet gelesen habe, dass die bei McDonalds gespielt werden, habe ich irgendwie das Interesse an der Band verloren.

MopedTobias

Postings: 10482

Registriert seit 10.09.2013

2018-04-12 00:02:07 Uhr
Spaß macht's schon, aber würde da auch nicht hinterhertrauern, wenn nichts mehr kommt. Wenig Substanz am Ende und auf Dauer etwas anstrengend.

Croefield

Postings: 1028

Registriert seit 13.01.2014

2018-04-11 21:03:39 Uhr
Hype hin oder her. Die Mukke ist schon in Ordnung. Macht Spaß.

XTRMNTR

Postings: 660

Registriert seit 08.02.2015

2018-04-11 20:10:23 Uhr
Ich glaube der Hype dieser Hipster-Combo ist schon wieder vorbei.

Armin

Postings: 13593

Registriert seit 08.01.2012

2018-04-11 19:15:25 Uhr - Newsbeitrag


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