U.S. Girls - In a poem unlimited

U.S. Girls- In a poem unlimited

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 16.02.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Finger in die Wunde

Von kurzen, heftigen Eruptionen über kalte und stille Ablehnung bis hin zur jahrelangen Unterdrückung, die irgendwann möglicherweise fatal für sich oder andere endet. Wut kann viele Ausdrucksformen haben und spätestens seit Oktober 2017 und "Mad as hell", der ersten Single von U.S. Girls' bereits sechstem Album "In a poem unlimited", gehören auch beschwingte 70er-Disco-/Glam-Pop-Nummern zwischen Bowie und Gloria Gaynor dazu. Meg Remy – alleiniger Kopf des irreführend betitelten Projekts – ist immer noch verdammt angepisst, doch anstatt in bester Protest-Punk-Manier den Sechssaiter zu schreddern, kanalisiert sie ihre Wut weiterhin in ein Genre, dem sonst immer mehr Konformität als Rebellion nachgesagt wird: Dem Pop. Besagtes "Mad as hell" schießt dabei interessanterweise nicht auf das populäre Ziel der aktuellen US-Regierung, sondern nimmt stattdessen deren Vorgänger ins Visier. Vor einer glamourösen Soundkulisse zeichnet Remy diesen kräftezehrenden achtjährigen Weg nach, von der Hoffnung auf ein besseres politisches Zeitalter bis zur Enttäuschung über einen Mann, der hinter seiner sympathischen Fassade die Bewilligungen von Drohnenangriffen wohl genauso locker sitzen hatte wie Trump den Tweet-Button. "I wont forget, so why should I forgive?" Etwas anderes hätten wir auch nicht erwartet.

Wo sich der Gemütszustand der Wahlkanadierin seit ihrem letzten Album "Half free" offensichtlich nicht verändert hat, sieht das bei ihrer Musik schon ganz anders aus. Auf "In a poem unlimited" entledigt sich Remy ihrer Lo-Fi-Wurzeln vollends und wird neben von Produzent und Ehegatten Max Turnbull nun auch vom kanadischen Instrumental-Kollektiv The Cosmic Range unterstützt. Diese sorgen nicht nur für ein kohärent im klassischen Funk und Psychedelic Rock angesiedeltes Soundbild, sondern liefern auch einen musikalischen Punch, der der immensen Wirkungskraft Remys zumeist feministischer Texte angemessen ist. "Act like you got some velvet for sale / Then you destroy their hope for deliverance", heißt es im fantastischen Opener, einer Hymne gegen das Patriarchat, begleitet von einem Bläsermeer, jaulenden Gitarren und einer gleichermaßen wuchtigen wie groovenden Rhythmussektion. "Rage of plastics", ein Cover der ebenfalls kanadischen Band Fiver, schließt nahtlos daran an, lässt ein rastloses Piano tanzen und seine Protagonistin gegen ein Frauenbild auflehnen, das nicht über "the backside of some skirt in some old man's dream" hinausgeht. Von dem im Interlude "Why do I lose my voice when I have something to say?" angesprochenen Stimmverlust ist nichts zu spüren.

Denn zu sagen gibt es auf "In a poem unlimited" definitiv genug und das nicht nur auf der inhaltlichen Ebene. Remys Lyrics sind elaboriert genug, um nie in stumpfen Männerhass abzudriften, und die enorme Kreativität und Virtuosität ihrer Band fängt sehr gut auf, dass U.S. Girls hier nicht mehr ganz so hyperaktiv die Genres wechselt wie auf früheren Werken. Egal, ob "Incidental boogie" die Noise-Gitarre loslässt oder sich "Rosebud", "Poem" und das tolle "L-over" in etwas gemächlicheren R'n'B-Gefilden bewegen, The Cosmic Range wissen ihr Können immer zu demonstrieren, ohne je die Songorientierung außer Acht zu lassen. Nur im finalen "Time" verlieren sie jedes Maß, was dann aber auch gleich in einem unglaublich dynamischen und mitreißenden Jam endet, der auch mühelos Platz auf Funkadelics Genre-Meisterwerk "Maggot brain" gefunden hätte. Es ist durchaus interessant, dass dieser fast rein instrumentale Achtminüter den Schlusspunkt eines Albums darstellt, das sonst mit Gesellschaftskritik nur so um sich spuckt. Für Remy ist die Musik offenbar nicht nur Trägermedium, sondern mindestens gleichwertig mit ihrem Protest und das ist dann auch das Faszinierendste an dieser ruhelosen Ausnahmekünstlerin: Dass sie den Finger in die Wunden einer immer verdorbener werdenden Welt legt und sich dabei anhört, als würde sie sie verarzten wollen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Velvet 4 sale
  • Rage of plastics
  • L-over
  • Time

Tracklist

  1. Velvet 4 sale
  2. Rage of plastics
  3. Mad as hell
  4. Why do I lose my voice when I have something to say?
  5. Rosebud
  6. Incidental boogie
  7. L-over
  8. Pearly gates
  9. Poem
  10. Traviata
  11. Time

Gesamtspielzeit: 37:57 min.

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User Beitrag
humbert dumbert
2018-02-15 02:50:55 Uhr
Niemanden interessiert meine Meinung.

humbert humbert

Postings: 1628

Registriert seit 13.06.2013

2018-02-15 02:21:52 Uhr
Schließe mit saihttam an. Das letzte Album war spitze und dieses wohl wieder auch, nach allem was ich bisher gehört habe.

saihttam

Postings: 1009

Registriert seit 15.06.2013

2018-02-15 00:59:52 Uhr
Bin gespannt. Werde demnächst mal reinhören. Das letzte Album war durchaus gut.

Armin

Postings: 10983

Registriert seit 08.01.2012

2018-02-08 20:36:01 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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