Pianos Become The Teeth - Wait for love

Pianos Become The Teeth- Wait for love

Epitaph / Indigo
VÖ: 16.02.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Niemals ganz

Wenn man jemand ganz Besonderen verloren hat und das Schicksal eine Lücke ins Leben gerissen hat, dann begreift man das erst spät. Weil zunächst der Schock regiert. Weil das Gemüt nur langsam und widerwillig verarbeitet. Weil die Psyche das Gleichgewicht vor sich hertreibt, und letzteres sich dabei total verirrt. Als der Vater von Kyle Durfey, Sänger des Baltimore-Fünfers Pianos Become The Teeth, im Jahr 2010 seinen Kampf gegen den Krebs verlor, waren Trauer und erdrückender Schwermut allgegenwärtig. Wut und Verzweiflung jedoch waren stärker und lauter, sodass Durfey die ersten, wuchtigen Tiefschläge auf "The lack long after", dem Zweitling seiner Band, noch mit kantigem Screamo selbst massivste Brückenpfeiler zerbeulte. In ähnlicher Manier, jedoch nicht ganz so musikalisch reif wie Jeremy Bolm dies 2016 vermochte, als er "Stage four" zu einem aufwühlenden Nachruf für seine verstorbene Mutter machte.

Die tiefe Trauer zu kanalisieren, das gelang Durfey dann eindrucksvoll mit "Keep you". Mit diesen zehn Stücken zwischen Verzweiflung, Zerrissenheit und Innehalten, die musikalisch die ungestüme Jugend hinter sich ließen und die inneren Kämpfe ans nackte Tageslicht zerrten, die zuvor tief in Durfeys Innerstem verhüllt waren. "Keep you" wurde zum zugleich hübschesten und intensivsten Magenhaken seit langem und ja, auch das darf unterstrichen werden: zum modernen Meilenstein des Genres. Pianos Become The Teeth hatten sämtliche Gepflogenheiten und Fanerwartungen negiert, sich aus dem Bauch heraus aus dem Einheitsbrei des Post-Emo-Whatever-Core erhoben, indem sie die Schublade auftraten und erst weit hinter sich wieder zudrückten. Umso gespannter war die Öffentlichkeit auf "Wait for love", dieser Standortbestimmung nach dem Meisterwerk, und war verblüfft, als der Vorbote "Charisma" ertönte: Zur gewohnt kreativen Trommelkunst David Haiks wagen sich Pianos Become The Teeth tatsächlich zwischenzeitlich in Uptempo-Gefilde und entfachen mit fuzzigem Basslauf und New-End-Original-Flair exakt den beinahe positiven Sog, den das Leben nach Durchwandern einer dunklen Tunnelröhre bereithält.

"Fake lightning" trägt die gespannten Lauscher der Hörerschaft zuvor dezenter, aber nicht weniger Drumspiel-fokussiert ins Album herein, wartet dabei mit Atmosphäre auf, die auf den Schultern von Ambient-Gitarren steht. "Bay of dreams" kommt noch ruhiger daher, baut lediglich auf Stimme, Percussion und Keyboard. Echtes Gefühlskino indes bringt das fantastische "Bitter red", das Spannung aufbaut und mit wunderbarem Finale ein nachhaltiges Funkeln in den Augen entfacht. Durfey hat während der Aufnahmen, denen sich erneut Will Yip (Circa Survive) annahm, intensiv an seiner Sangesperformance geschraubt, bemüht sich um einen besonders weichen, abgerundeten Stimmeinsatz. Viele Arrangements wirken durchdachter, ausgefeilter und mit mehr Ambition verziert als noch auf "Keep you", so dass das mit leichten und zugleich intensiven Riffings versehene "Bloody sweet" wie auch "Dry spells", ein funkelnd-sphärisches Stück Rockmusik, nicht zufällig an Dredgs albumgewordene Glanzpolitur namens "Catch without arms" erinnern.

Anhänger des Vorgängers jedoch müssen sich ein wenig in Geduld üben, um dieses erneut intim arrangierte, sehr kohärente "Wait for love" ebenso lieben zu können: Die emotionale Tiefe kommt nicht mehr nur aus dem Bauch heraus, übermannt einen nicht mit gleichgearteten Gänsehaut-Schauern. Doch daran wären Pianos Become The Teeth vermutlich auch nur gescheitert, und so ist es nicht weniger schön festzustellen, dass selbst anfangs routiniert wirkende Stücke wie "Forever sound" und "Love on repeat" sich mit der Zeit als großartige Songs einer Band entpuppen, die sich nach wie vor in einem mutigen, kreativen Prozess wähnen darf. Am Ende wird dann sowieso alles gut, wie Optimisten wissen: Durfey ist mittlerweile selbst Vater geworden und so scheint es nur logisch, dass mit "Blue" gerade das traurigste Stück der Platte den verstorbenen Vater explizit ins Gedächtnis ruft, um ihn mit der neuen Liebe, der neuen Zuversicht vertraut zu machen. Besondere Menschen gehen niemals ganz.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Charisma
  • Bitter red
  • Dry spells
  • Love on repeat

Tracklist

  1. Fake lightning
  2. Charisma
  3. Bitter red
  4. Dry spells
  5. Bay of dreams
  6. Forever sound
  7. Bloody sweet
  8. Manila
  9. Love on repeat
  10. Blue

Gesamtspielzeit: 49:52 min.

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User Beitrag

Dumbsick

Postings: 26

Registriert seit 31.07.2017

2018-11-03 19:46:14 Uhr
Mittlerweile hat sich Dry Spells als mein Lieblingslied von diesem Album gemausert.

rainy april day

Postings: 539

Registriert seit 16.06.2013

2018-10-27 21:19:12 Uhr
Ich kann es dir nicht verübeln, einige Songs sind auch aufs zweite Ohr eher unscheinbar. Dafür haben gerade die mich jetzt erst so richtig gekriegt. Forever sounds, manila, Love on repeat.
seesawseen
2018-10-26 15:20:01 Uhr
Echt? Dann muss ich wohl noch mal reinhören. Hatte die so ein bisschen weggelegt.

rainy april day

Postings: 539

Registriert seit 16.06.2013

2018-10-26 14:29:37 Uhr
Ziemlich sicher mein Album des Jahres. Für mich auch mittlerweile stärker als Keep You. Einige Songs sind richtig schlimmer Grower, vor allem in der zweiten Hälfte, die ich inzwischen auch besser finde als die erste. Ab Forever Sounds hab ich durchgehend Gänsehaut.
Donti
2018-10-06 19:41:26 Uhr
Läuft wieder seit ein paar Tagen. Hat ein halbes Jahr Pause sehr gut überstanden. Ich finds nachwievor super gut!
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