Olli Schulz - Scheiß Leben, gut erzählt

Olli Schulz- Scheiß Leben, gut erzählt

Trocadero / Indigo
VÖ: 02.02.2018

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Olle Schachtel

"Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen: Man weiß nie genau, was drin ist." Nein, keine Sorge, liebe Leser, Sie sind nicht auf der Maus ausgerutscht oder bei der Web-1.0-Retro-Adaption von "Nachdenkliche Sprüche mit Bilder" gelangt. Zumal wir bei Plattentests.de nicht nur auf Pilzrahmsuppe, sondern bekannterlich auch für futuristische digitale Lösungen stehen, wie ähm ..: unser Webdesign! Befremdlich dennoch, dass die eingangs erwähnte Biedermann-Floskel einen gewissen Olli Schulz ganz gut beschreibt. Unvorhersehbarkeit wohnt dem Schaffen des Hamburger Künstlers schon immer inne. Ob als kauziger Songwriter, als manisch-bekloppter Sidekick in beliebten TV-Shows, als ungehobelter Talk-Gastgeber und "Schulz in the box"-Leihgabe oder als unzähmbarer Radio- und Podcast-Quatschkopf: Der Schulz ist sich für nichts zu schade – solange er es selbst irgendwie geil findet. Und betrachtet man die letzten Jahre, so gebührt ihm ausdrücklicher Dank für ein gepflegtes Chaos, welches der Entertainer der meist biederen und verstockten deutschen TV- und Rundfunk-Landschaft spendierte.

Als Musiker, Anfang der Nuller beim Nachsitzen an der Hamburger Schule erstmals in Erscheinung getreten, ist Schulz für manche ein eher unbeschriebenes Blatt. Dabei machte der Stellinger nie einen Hehl daraus, dass ihm das mit den Songs wirklich wichtig ist. Zu schade, dass seine wunderbar bekloppten, als Lieder verkleideten Geschichten rund um naive Spielerfrauen, drogenabhängige Ego-Frontmänner oder gefräßige Ehepartner einst nur wenige Zeitzeugen hatten. Mit "Feelings aus der Asche", seinem besten Album seit dem tollen Debüt "Brichst Du mir das Herz, brech ich Dir die Beine"mit Der Hund Marie, bewies der Songwriter Schulz bei aller ihm innewohnenden Schelmenhaftigkeit, dass er eine ernsthafte und musikalisch ambitionierte Platte schreiben kann. Der Kanon war sich einig: Würde dies der weitere Weg des Musikers Schulz sein, wäre das toll. Aber eben auch vorhersehbar. Konsequent also, dass das erste Drittel von "Scheiß Leben, gut erzählt" darauf ähm, scheißt, und so gut wie nichts mit dem Vorgänger gemein hat: Nicht die Schmissigkeit von "So muss es beginnen", nicht das Songwriting von "Als Musik noch richtig groß war", ja beinahe nicht einmal mehr das Genre. Das zynische, düstere "Schockst nicht mehr" wabert dafür auf einem funky Basslauf, während Schulz stoisch-nüchtern sprechsingt und dabei ein wenig Nils Koppruch in Erinnerung ruft – bis ein wuchtiges Finale das letzte Wort hat.

Noch dunkler und desillusionierter gerät "Ganz große Freiheit", in dem der äußerliche Schein der Protagonisten hinter der Fassade ganz andere Bilder zeichnet. So schön böse in Fahrt, bekommt der crazy Zeitgeist auch noch eins auf die Mütze, dazu rappt Schulz in "Ambivalent" mit Ali As um die Wette, stülpt dem Stück ein dickes Synthie-Riff förmlich mit der Bratpfanne über und lässt Linda Zervakis eine Tagesschau-Meldung verlesen. Mal abgesehen davon, dass sich der Song als fieser Ohrwurm entpuppt: Ist der Olli jetzt größenwahnsinnig? Oder hat er nur viel Zeit vor dem PC verbracht und ein paar Synthie- und Elektrobeat-Knöpfe entdeckt? So ein bisschen mutet der Erstkontakt mit dieser Platte an wie ein sonniger Frühlingsmorgen, an dem man sich auf den ersten heißen Kaffee freut, um dann festzustellen, dass heute Fernet Branca in der Tasse ist: nicht schlimm, aber eben unerwartet. Wer sich also nach gut zehn Minuten "Scheiß Leben, gut erzählt" die Ohren wischt, um nachzusehen, ob eine falsche CD in die Hülle geraten ist oder Spotify etwas massiv verbaselt hat, dem sei gesagt: Ist halt ein Schelm, der Schulz. Der verbaselt das lieber allein. Ob er bloß das Blödelbarden-Kostüm mal wieder anprobieren wollte? Wie sonst kam es wohl zum eher unlustigen "Schmeckt wie ...", oder ist ein Nerv-Track wie "Sportboot" zu erklären?

Dass er Bock auf Seltsames hatte, war im Vorfeld klar: Kein Vorabsong, keine Vorabbemusterung. Nur dieses Potpuorri-Filmchen. "Scheiß Leben, gut erzählt" ist dennoch keine schlechte Platte, denn Schulz fängt seine Leute gerade nochmal ein, bevor sie sich ihn schönsaufen müssen. Mit der ebenfalls ulkigen, auf schlimme Wort-Kalauer bauenden Songwriter-Hymne "Junge Frau sucht..." zum Beispiel, denn hier stellt sich ein breites Grinsen ein, wenn das Wort "Reifenmann" in leuchtenden Lettern vor dem geistigen Auge über dem Klempnerladen prangt. "Wölfe" wirft Offbeat, Psychedelia und Trompeten-Fanfare in den Raum, Schulz tanzt und singt, begibt sich auf die Suche nach Kippen und dem Stroh-Rum. Und ein gewisser Jan Delay sehnt sich nach 2006, denn so lange ist es her, dass der zum letzten Mal derartige Laune verbreitet hat. Auch "Wachsen (im Speisesaal des Lebens)" macht Spaß, wenngleich sich die Synthies mit Bluegrass- und Blues-Elementen zu einem etwas abwegig anmutenden Pop-Cocktail mixen.

Die Schauspieler- bzw. Comedian-Kumpels Bjarne Mädel und Olli Dittrich mischen bei "Skat spielen mit den Jungs" mit, einer reduzierten Ode an die Männerfreundschaft, die gleichzeitig einer Verflossenen die Leviten liest. Dankbar nehmen wir den Pop-Hit " Schmeiß alles rein" an und übernehmen den "tief gefallenen Engel" aus diesem Song nicht als Sinnbild dieser Rezension. Den Heldenstatus können wir Olli Schulz für seine Musik dieses Mal aber nicht verleihen. Olli, wir sind trotzdem bei Dir. Und ziemlich sicher, dass Du Dich mit diesem nach spontanem Schnellschuss klingenden Experiment von Platte nur kurzzeitig verirrt hast. Und falls Du nach dieser (nicht einmal) halben Stunde noch Luft für weitere mutige Projekte haben solltest, hätten wir da eine Crowdfunding-Idee, der Du Dich widmen könntest: ein frisches, smaragdblau-ockergelbes Webgewand für Plattentests.de. Du willst es doch auch!

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Junge Frau sucht ...
  • Skat spielen mit den Jungs
  • Schmeiß alles rein

Tracklist

  1. Schockst nicht mehr
  2. Ganz große Freiheit
  3. Ambivalent
  4. Wölfe
  5. Wachsen (im Speisesaal des Lebens)
  6. Junge Frau sucht ...
  7. Skat spielen mit den Jungs
  8. Sportboot
  9. Schmeiß alles rein
  10. Schmeckt wie ...

Gesamtspielzeit: 29:18 min.

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slowmo

Postings: 189

Registriert seit 15.06.2013

2018-02-11 20:24:35 Uhr
So sehr ich Olli Schulz als Person mag, so wenig gibt mir doch seine Musik.


Volle Zustimmung. Olli Schulz hat es irgendwie geschafft als Person des öffentlichen Lebens über diverse Medien sich wie kein zweiter als sympathischer Kumpeltyp zu profilieren und eigentlich ist er aus der deutschen Medienlandschaft auch nicht mehr weg zu denken, auch wenn er selbst sich wohl immer in erster Linie als Musiker sieht. Seine Musik ist zwar hin und wieder auchmal ganz nett, aber das muss man leider sagen, haben andere seines eigentlichen Fachs dann doch deutlich besser drauf.

S.v.K.

Postings: 131

Registriert seit 13.06.2013

2018-02-10 13:25:03 Uhr
Für mich auch eine 7/10. Hab von der Platte nichts erwartet, aber sie ist tatsächlich gut.

The MACHINA of God

Postings: 9335

Registriert seit 07.06.2013

2018-02-09 19:02:01 Uhr
"Letzter Platz im Klebeclub... Sportboot!". Mega.

The MACHINA of God

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Registriert seit 07.06.2013

2018-02-09 18:45:57 Uhr
Obwohl ich meine Aussage von oben etwas revidieren muss. Hör mich derzeit etwas rein udn das ist schon recht sympathish. Singen kann er halt nicht, behauptet er ja aber auch nicht. Das neue Album wirkt wie ein absichtlicher Schnellschuss. Ein kleines Häppchen zwischen drin. Auch irgendwie sympathisch. So isser halt. Mein Lieblingstrack wird wohl aber tatsächich "Sportboot". :D

The MACHINA of God

Postings: 9335

Registriert seit 07.06.2013

2018-02-09 08:03:22 Uhr
Obwohl ich gerade "Sportboot" ganz geil finde. :D
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