Will Varley - Spirit of Minnie

Will Varley- Spirit of Minnie

Xtra Mile / Indigo
VÖ: 09.02.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Psssst, nicht weitersagen

Manchmal können Zahlenspiele frustrierend sein. Nimmt man zum Beispiel den YouTube-Kanal von Will Varley, dem nach "Kingsdown sundown" und gerade "Postcards from Ursa Minor" völlig zurecht hochgejubelten britischen Barden, sieht man nur 143 Abonnenten. Beim Kanal eines Ed Sheeran wird man dagegen von der vergleichsweise unvorstellbaren Zahl Siebenundzwanzigmillionen, Einhundertvierzehntausend und Fünfhundertvierundachzig erschlagen. Selbst an den eher semi-interessanten Texten des bekannteren Briten scheinen die Menschen wesentlich interessierter zu sein, kommen beim Lyrics-Portal Genius.com doch auf einen spärlichen Follower für Varley ganze 2.515 für Sheeran. Ob das neue Album namens "Spirit of Minnie" zu Gunsten des besseren Briten an diesen Zahlen rütteln wird?

Die starken politischen Zwischentöne der Vorgänger zumindest sind kleinen Untertönen in einzelnen Songs gewichen, was "Spirit of Minnie" durchaus massenverträglicher macht, als Will Varley es bisher je war. Auch der Einstieg mit den Ohrwürmern "All those stars" und "Seven days" ist noch wesentlich eingängiger als insbesondere "Kingsdown sundown". Wer hier aber nun wie so oft die Anbiederung eines heimlichen Lieblings an den Mainstream befürchtet, darf durchaus beruhigt werden. Denn noch immer stehen bei Varley ausgefeilte Geschichten im Vordergrund, die nun schlicht insgesamt dem breiteren Soundgewand einer Band zum Trotz vor allem introspektive Räume beleuchten und folglich nicht immer den großen politischen Umbruch im Blick haben. So nimmt "All those stars" alle in den Arm, die voll Sehnsucht nach etwas Größerem als dem eigenen Scheißleben in den Nachthimmel schauen, sich in den Sternen verlieren und am Ende doch wieder zu viel trinken, niedergeschlagen auf den Knien landen und von den aufziehenden Wolken bis auf die Knochen durchnässt werden. Das nicht minder starke "Seven days" wiederum hat neben einer feinen Melodie auf den Lippen alle Aufbruchsstimmung, die es tragen konnte, auf den Rücken geschnallt und befürchtet doch wehmütig, ob es nicht vielleicht schon zu spät ist: "We were young then / But are we still young now?"

Alleine dafür müsste man "Spirit of Minnie" schon lieben, und Varley tut auch gut daran, sich direkt zu Beginn aller Sympathien zu versichern. Denn der Rest gestaltet sich wesentlich weniger eingängig, teilweise gar schwer zugänglich wie das abschließende "Insect", das gleich mit der Zeile "My parents made me out of alcohol and boredom" Gift verspritzt, nur um sich dann in immer dramatischere Streicher zu steigern und in einer angsteinflößenden Soundkulisse zu kollabieren. Nur noch das Schlagzeug schlägt tapfer weiter, als wollte es die restlichen Klangkörper am Leben halten, obwohl die doch schon längst aufgegeben haben. Etwas gewohnter von Varley ist man da schon feine Balladen wie den Titeltrack, "Let it slide", das das Lebensgefühl "Reckless like new born wolves" beschwört oder das betörende "Breaking the bread", an dessen Ende selbst die Toten noch einmal zum Leben erwachen, um bei der ausgerufenen Hochzeit mitzuschunkeln. Wenn man überhaupt ein wenig meckern muss, dann höchstens darüber, dass "Screenplay" selbst bei Varleys ausgeprägter Pathospflege doch etwas dick aufträgt oder das nette "Statue" ein wenig zwischen den funkelnderen Stücken vor sich hin plätschert. "Spirit of Minnie" ist eben ein unreiner Diamant, den man wegen seiner kleinen Fehler aber nicht weniger ins Herz schließen muss. Vielleicht erkennt man seine wahre Schönheit erst nach mehreren Blicken, und vielleicht verkauft er sich deshalb auch nicht so gut. Aber wer ihn hat, sollte ihn nicht mehr hergeben. Und ihn für sich behalten, sonst läuft hinterher noch jeder damit rum. Also wehe dem, der es ausgeplaudert hat.

(Marcel Menne)

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Highlights

  • All those stars
  • Seven days
  • Breaking the bread
  • The postman

Tracklist

  1. All those stars
  2. Seven days
  3. Screenplay
  4. Breaking the bread
  5. Statue
  6. Spirit of Minnie
  7. Let it slide
  8. The postman
  9. Insect

Gesamtspielzeit: 42:37 min.

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seno

Postings: 3181

Registriert seit 10.06.2013

2018-02-02 08:37:30 Uhr
Den Vergleich der Follower zu Beginn der Rezension hätte man auch weglassen können. Was bringt das?

Ansonsten schöne Rezension. Album wird sowieso gekauft.

Armin

Postings: 11033

Registriert seit 08.01.2012

2018-02-01 22:05:00 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
TobiH
2018-01-24 13:46:16 Uhr
Die Vorboten versprechen einiges. Freue mich sehr aufs Album!

seno

Postings: 3181

Registriert seit 10.06.2013

2018-01-15 10:53:06 Uhr
Sowas hat er ja bei "Weddings & Wars" schon mal gemacht. Aber sehr schönes Lied und Video.

Die anderen bisher bekannten Songs konnten noch nicht so zünden. Aber den Vorgänger habe ich auch erst nach einiger Zeit so richtig schätzen gelernt.

Armin

Postings: 11033

Registriert seit 08.01.2012

2018-01-12 20:04:27 Uhr - Newsbeitrag
Der animierte Clip zu "Seven Days" stammt von WIll selbst, inspiriert wurde er dabei von 8-Bit DOS Spielen aus seiner Kindheit, viel Spaß!


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