Banner, 120 x 600, mit Claim

Ezra Furman - Transangelic exodus

Ezra Furman- Transangelic exodus

Bella Union / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 09.02.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Flucht ins 21. Jahrhundert

Man stelle sich vor: Engel sind verboten. Wer ihnen Unterschlupf gewährt, macht sich strafbar. Und Ezra Furman? Der hat, je nach Wahrnehmung, entweder das große Los gezogen oder ein Problem, denn er liebt einen von ihnen. Und so befindet sich der Mann aus Berkeley, seit einiger Zeit auch abseits der Bühne mit Make-Up, Perlenkette und in Frauenkleidern unterwegs, zusammen mit dem angebeteten Astralwesen auf der Flucht – so weit, so romantisch. Die "queer outlaw story", die Furman auf seinem sechsten Album erzählt, spielt jedoch nicht etwa in einer fernen, dystopischen Zukunft, sondern im Hier und Jetzt, sodass "Transangelic exodus" vor allem als Parabel auf die Ausgrenzung von Minderheiten, restriktive Regierungen und gesellschaftliche Paranoia funktioniert. "Perpetual motion people" einmal anders – und das gleich in mehrerlei Hinsicht.

War der Vorgänger trotz Themen wie Heimatlosigkeit oder Mobbing nämlich eine schnittige kleine Indie-Rock-Kostbarkeit inklusive Doo Wop und Rock'n'Roll, beginnen sich auf "Transangelic exodus" Risse zu zeigen, aus denen verstimmte Gitarren, schrottreife Streichinstrumente sowie aus Leibeskräften krakeelte Liebesschwüre oder waidwundes Gecroone quillen. Und auch wenn sich der geschwinde Einstieg "Suck the blood from my wound" mit quietschiger Synthie-Linie um die Nachfolge des launigen Popowacklers "Restless year" bewirbt, sorgen plötzliche Breaks samt auf- und abschwellender Twangs für genug Unebenheiten, um ein kratzbürstiges Roadmovie zu inszenieren. Die Hauptrollen könnten auch Jack White und Beck Hansen übernehmen – stimmlichem Feuer, knackig abgezirkeltem Arrangement und sicherem Hit-Gespür sei Dank.

Spektakulärer Auftakt einer wilden Jagd, in deren Verlauf Furman und sein himmlischer Begleiter ihren Verfolgern stets einen Schritt voraus sind. Wie im Video zum sich stetig steigernden Folk-Groover "Driving down to L.A.", wo das dynamische Duo ein faschistisches Killer-Kommando zur Strecke bringt, oder beim bläserstrotzenden, perkussiven Western-Blues "No place", der schon früh einen bizarren Showdown hinaufbeschwört, obwohl die Reise ins gemeinsame Glück noch lang ist. Und oft ausnehmend schräg: Da hämmern beide in "The great unknown", einer rudimentär scheppernden Hymne auf neue Horizonte, rhythmisch gegen die Türen ihres Gefährts, während sich "Come here get away from me" als halb Männlein, halb Weiblein respektive als halb linkischer HipHop, halb Nashville Pussy ohne Pussy erweist. Sternstunden der Desorientierung.

Vermutlich wird Furman dabei nicht die ganze Zeit die Klamotte getragen haben, die "Maraschino-red dress $ 8.99 at Goodwill" seinen Titel gibt. Als akustisches Pendant dazu funktioniert der gleichnamige Song mit der zersplitternden The-Strokes-Gitarre und den durch die muffige Luft schwirrenden elektronischen Stechmücken jedoch hervorragend – und steckt von gebrochenem Lo-Fi-Flair bis hin zur latenten Manie im Gesang zudem bestmöglich das Terrain dieses charmant ramponierten, zwischen Liebe und Gefahr hin- und hergerissenen Albums ab. Erst beim rührseligen Kammerpop-Gerumpel "Love you so bad" atmet "Transangelic exodus" allmählich durch, bis es am Ende gar zu fröhlichem Getröte und dem glückseligen Geständnis "I lost my innocence to a boy called Vincent" reicht. Ein wirksames Gegenmittel für die Paranoia des 21. Jahrhunderts.

(Thomas Pilgrim)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Suck the blood from my wound
  • No place
  • Maraschino-red dress $ 8.99 at Goodwill
  • Love you so bad

Tracklist

  1. Suck the blood from my wound
  2. Driving down to L.A.
  3. God lifts up the lowly
  4. No place
  5. The great unknown
  6. Compulsive liar
  7. Maraschino-red dress $ 8.99 at Goodwill
  8. From a beach house
  9. Love you so bad
  10. Come here get away from me
  11. Peel my orange every morning
  12. Psalm 151
  13. I lost my innocence

Gesamtspielzeit: 42:25 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Gordon Fraser

Postings: 1726

Registriert seit 14.06.2013

2020-04-11 19:43:05 Uhr
https://ezrafurman.bandcamp.com/album/to-them-well-always-be-freaks

Hier gibt's jedemenge Outtakes, alternative Versionen und co.

javra

Postings: 48

Registriert seit 29.07.2014

2019-01-23 23:26:38 Uhr
Ich war etwas enttäuscht, dass sich hier nicht mehr Freunde des Albums gefunden haben. Für mich schon eines der Top-Alben des Jahres gewesen!

Mister X

Postings: 3359

Registriert seit 30.10.2013

2018-02-12 23:06:11 Uhr
hatte den vorgaenger als flippige standardkost im kopf. das hier hat mich aber echt beeindruckt !

MM13

Postings: 1966

Registriert seit 13.06.2013

2018-02-09 18:55:08 Uhr
sehr stark,geänderter sound aber immer noch unverkennbar ezra,gefällt mir sehr gut.jetzt noch einmal live sehn wär perfekt.vor 2 jahren in stgt. war genial.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18895

Registriert seit 08.01.2012

2018-02-01 22:03:41 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify