Tocotronic - Die Unendlichkeit

Tocotronic- Die Unendlichkeit

Vertigo / Universal
VÖ: 26.01.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Vom Mond aus betrachtet

Captain Buzz Lightyear lässt grüßen: "In die Unendlichkeit, und noch viel weiter", so kündigt Dirk von Lowtzow im bereits ausgekoppelten Titeltrack und Opener des neuen Tocotronic-Werks die bevorstehende Reise an. "Die Unendlichkeit" setzt fort, was die letzte Platte, "Tocotronic (das rote Album)", erstmals lancierte, nämlich die persönliche Nähe zwischen Künstler und Publikum, aber auch das Konzept eines Albumkonzepts an sich, und schafft nur einen weitläufigeren Rahmen. Einen unendlichen eben. So vereinen Tocotronic die (autobiografische) Rückschau mit der Gegenwart und dem Ausblick: Nach dem bereits erwähnten, die Universalität der Dinge proklamierenden Prolog spannen die Hamburger eine Klammer vom Coming of Age in der ersten Albumhälfte, über Gedanken zur Lebensmitte und dem Tod im zweiten Abschnitt, bis hin zum abermals holistische Ansätze probenden Abspann "Alles, was ich immer wollte, war alles".

Dem so abgesteckten Pfad entsprechend wagen Tocotronic den ein oder anderen musikalischen Ausflug, und verpassen den Tracks einen jeweils zutreffenden Sound, der sich dem Gefühl des Titels oder aber schlicht der zeitlichen Einordnung unterordnet. Aber der Reihe nach: Den sphärischen, infernal ausstaffierten Shoegaze-Klängen von "Die Unendlichkeit" folgt das unaufgeregte "Tapfer und grausam", das zunächst fast akustisch auskommt und dabei weiche Violinen integriert, während es die Kindheit Revue passieren lässt und im letzten Drittel Rick McPhail ein Gitarren-Solo gönnt. Die offenbar bereits im Infantenalter gehegte Liebe zur "Electric guitar" thematisiert das gleichnamige Stück mit flottem Rhythmus und einer Flasche Apfelkorn. "Du" nennt von Lowtzow sein sechssaitiges Gegenüber, im Songverlauf aber mogelt sich eine weitere Person ins Geschehen, die er ebenso anspricht: der Partner erster sexueller Erfahrungen im Teenager-Alter. "Sex and drugs im Elternhaus", lautet so die essenzielle Zeile, die zwischen verlockender Spannung und verheerender Scham fast alles beinhaltet.

Die Erfahrung gestaltet sich aber durchweg positiv, denn mit neuem Selbstbewusstsein nähert sich anschließend der vorausgekoppelte Garage-Rock-Brecher "Hey Du", der vom Anderssein in der Provinz berichtet, und die Zeile "Bin ich was, das Du nicht kennst / Dass Du mich Schwuchtel nennst" schon allein aufgrund ihrer expliziten Ausdrucksweise tief ins Herz brennt. Ebenso lässt "Ich lebe in einem wilden Wirbel" die Gitarren tanzen, während "1993" zunächst mit gewöhnungsbedürftiger Autotune-Einleitung aufwartet, um dann so richtig loszurocken. Auf flotten Sohlen beschreibt es den Weg aus der "Schwarzwaldhölle" nach Hamburg. Dem Verlangen nach Freiheit untergeordnet, erscheint der einhergehende Abschied fast unwichtig, gleichzeitig ist die Erzählung vom blutigen Gesicht nach dem Tresensturz auch 25 Jahre später noch legendär. Die ungewohnte Grenzenlosigkeit, die neuen Ufer, sie verleihen Flügel. Doch der im Gründungsjahr der Band angesiedelte Track beschließt gleichzeitig die erste, jugendlich aufbegehrende Hälfte der Platte.

Mit "Unwiederbringlich" stehen düsterere Zeiten ins Haus: Streicher und Flöten erklingen wie tickende Uhren, denn jemand Nahestehendes liegt im Sterben. Zurückblickend kontrastiert der Titel das Gestern und Heute: "Es gab noch keine Handys", heißt es da, und so erfährt der Erzähler erst bei seiner Ankunft in der Heimat vom Tod der geliebten Person. Was folgt, ist Depression: "Bis uns das Licht vertreibt" macht mit dem Protagonisten die Nacht zum Tag und sehnt sich nach Nähe. Ein schmerzerfülltes Piano, das den zackigen Breakbeat überlagert, untermalt dabei die Stimmung zwischen panischer Hektik und tieftrauriger, in der Sucht gefangener Ohnmacht. Es wird Zeit für eine Erlösung: Hier ist es der Umzug nach Berlin und bzw. oder ein neues Gegenüber. "Nicht schön und doch kein Biest", ist zwar kein sonderliches Kompliment, das große Dankeschön zwischen dramatischen Geigen und flirrenden Gitarrensaiten aus "Ausgerechnet Du hast mich gerettet" dafür umso mehr.

"Ich würd's Dir sagen" tauscht die Seiten und nimmt sich in Begleitung der Akustischen liebevoll einer besorgten Seele an, bevor das endzeitliche "Mein Morgen" mit seinen Glockenspielen und Achtzigerjahre-Anspielungen mit der Ausleitung des Kanons beginnt, und auf die eigene Unerheblichkeit, das Kleinsein im großen Ganzen verweist und ein gedankliches Entrückungs-Experiment wagt, vom Begrenzten ins Nimmerendende. So ist das abschließende "Alles, was ich immer wollte, war alles" als Fazit einer gelungenen Unternehmung zu betrachten: "Was ich geschrieben habe, wird jetzt ausradiert / Als hätt' es niemals wirklich existiert", singt von Lowtzow und stellt sich trotzig dem Lauf der Dinge entgegen, während die Gitarre rotzig den negierenden Aufstand untermalt. Ein musikalisiertes "Alles oder nichts", das im Zwischenmenschlichen finaler Weise sein Seelenheil findet.

Der Facettenreichtum von "Die Unendlichkeit" und seinen Geschichten ist in Schriftform kaum wiederzugeben. Obwohl die Spieldauer locker unter einer Stunde bleibt, wiegt es wahnsinnig schwer, ist zum Zerbersten vollgestopft mit Details – sowohl erzählerisch als auch im musikalischen Sinne. Das Persönliche im Vordergrund ist dabei so fesselnd, dass seine Brisanz im Augenblick des Hörens den Zündstoff aus gesellschaftlichen Fragen saugt, die in diesen Zeiten ansonsten so angebracht erscheinen. Dabei gehen die Hamburger noch ein Stück tiefer als auf "Tocotronic (das rote Album)", denn nicht die Leichtigkeit ist hier das treibende Element, sondern vielmehr die Schwermut. Obgleich die erste Albumhälfte sich aus juvenilem Sturm und Drang speist, begleitet die Retrospektive immer auch der Schmerz. Trotzdem – und das ist das Bemerkenswerte – bringt fast jeder Song auch einen fröhlichen Singalong mit sich. So zeigt sich die Universalität der Dinge abschließend als Konzept, das jeglichen Gram aufzusaugen weiß, weil ein übergeordneter Blick neue Einordnungen bereithält. Denn vom Mond aus betrachtet spielt das alles hier gar keine so große Rolle.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Electric guitar
  • 1993
  • Ausgerechnet Du hast mich gerettet
  • Alles, was ich immer wollte, war alles

Tracklist

  1. Die Unendlichkeit
  2. Tapfer und grausam
  3. Electric guitar
  4. Hey Du
  5. Ich lebe in einem wilden Wirbel
  6. 1993
  7. Unwiederbringlich
  8. Bis uns das Licht vertreibt
  9. Ausgerechnet Du hast mich gerettet
  10. Ich würd's Dir sagen
  11. Mein Morgen
  12. Alles, was ich immer wollte, war alles

Gesamtspielzeit: 45:28 min.

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The MACHINA of God

Postings: 9348

Registriert seit 07.06.2013

2018-05-22 23:09:52 Uhr
Conne Island!

Stephan

Postings: 743

Registriert seit 11.06.2013

2018-05-22 14:55:11 Uhr - Newsbeitrag

Nach einer ausverkauften Hallentournee im Frühjahr und einer erfolgreichen Festivalsaison setzen Tocotronic "Deutschlands intelligenteste Band" (ARD) ihre unendliche Tour im Herbst fort. Allerdings werden bei Tocotronic -Konzerten, entgegen dem Klischee, keine Seminararbeiten ausgegeben. Vielmehr handelt es sich um magische Märchenstunden mit krachenden Gitarren und dröhnenden Feedbackgewittern. Dunkel, schön, schnörkellos und auf den Punkt bietet diese Ausnahmeband live einen Querschnitt durch ihr musikalisches Schaffen der letzten 25 Jahre. Vergießt kollektive Freudentränen bei "Drüben auf dem Hügel", reckt die linke Faust bei "Aber hier Leben, nein Danke" und schwelgt gemeinsam zu "Electric Guitar". Kurz: Geht mit Tocotronic auf die Reise. In die Unendlichkeit - und noch viel weiter.


TOCOTRONIC
„DIE UNENDLICHKEIT LIVE 2018“

präsentiert von Spex / Kulturnews / Diffus Magazin / Pro Asyl

06.11.18 Rostock – M.A.U. Club
07.11.18 Kiel – Die Pumpe
08.11.18 Bochum – Bahnhof Langendreer
09.11.18 Marburg – KFZ
10.11.18 Aschaffenburg – Colos Saal
12.11.18 Kaiserslautern – Kammgarn
13.11.18 Augsburg – Kantine
14.11.18 Chemnitz – AJZ
15.11.18 Leipzig – Conne Island
16.11.18 Potsdam – Waschhaus


Tickets sind ab 26,00 € zzgl. Gebühren unter www.tocotronic.de sowie ab dem 25.05.18 ab 11 Uhr an den bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich!

Armin

Postings: 11884

Registriert seit 08.01.2012

2018-05-17 20:33:03 Uhr - Newsbeitrag
Tocotronic, Tocotronic kündigen Remix-EP für 08. Juni an ++ Tourdaten

Tocotronic
Tocotronic kündigen Remix-EP für 08. Juni an ++ Tourdaten
Am 08. Juni veröffentlichen Tocotronic eine Remix-EP mit neuen Version von "Die Unendlichkeit" und "Bis uns das Licht vertreibt". Natürlich ist es kein Zufall, dass Dettmann, Flügel und Mayer sich genau diese beiden Stücke des aktuellen Tocotronic-Albums ausgesucht haben. „Die Unendlichkeit“ und „Bis uns das Licht vertreibt“ könnten Motti für eine gelungene Ausgehnacht sein.

Humorvoll und „voller Zuneigung und Zärtlichkeit“, wie Dirk von Lowtzow in „Die Unendlichkeit“ singt, widmen sich die drei DJs und Produzenten dem Quellmaterial. Ein fröhlicher Historismus nimmt seinen Lauf, jeder Track triggert ziemlich genau zu benennende Momente der Dance Music-Geschichte. Roman Flügel ruft in seinem „Die Unendlichkeit“-Clubmix jenen New York-Sound der achtziger Jahre auf, von dem sich einst New Order inspirieren ließ. Eher unheimlich und latent gefährlich klingt Marcel Dettmanns Remix von „Bis uns das Licht vertreibt“, der perfekt zu spätmorgendlichen Transzendenzerfahrungen im Berghain oder an ähnlichen Orten passt. Am buntesten und witzigsten treibt es Michael Mayer. Für seinen „Nikotin Dub“ hat er sich eine Textstelle, die vom Zigarettenrauchen handelt, geschnappt. Ein repetitives Hust! Hust!- Sample begleitet den Track, der an Soul II Soul, Dee-Lite und das vergessene Genre Hiphouse erinnert. Und dann noch das: „Dirk’s Diner Remix“ reanimiert den lethargischen Groove aus Suzanne Vegas „Tom’s Diner“. Jahrzehntelang wollte man von diesem Lied nichts wissen, doch Mayer zeigt uns wie auch Flügel und Dettmann, dass das Archiv voller Überraschungen und ungehobener Schätze ist. Unendlich könnte es so weiter gehen, doch leider hat das Maxi-Format nur begrenzten Speicherplatz.

Tocotronic live:
19.05.2018 Eichstätt, Open Air am Berg
02.06.2018 (AT) Linz, Stream Festival
09.06.2018 Berlin, Waldbühne (zu Gast bei den Beatsteaks; ausverkauft)
14.07.2018 Düsseldorf, Open Source Festival
26.07.2018 Kassel, Kulturzelt
27.07.2018 Jena, Kulturarena
28.07.2018 (AT)Wien, Arena Open Air
29.07.2018 Passau, Eulenspiegel Zeltfestival
04.08.2018 Luhmühlen, A Summer`s Tale Festival
05.08.2018 Dangast, Watt En Schlick Festival
08.-12.08.2018 Eschwege, Open Flair Festival
09.08.2018 Offenbach, Büsing Open Air Festival
11.08.2018 Schorndorf, Manufaktur
17.08.2018 CH-Winterthur, Musikfestwochen
18.08.2018 Dornstadt/Ulm, Obstwiesenfestival

Weitere Informationen:
http://www.tocotronic.de/
https://www.universal-music.de/tocotronic
https://www.facebook.com/Tocotronic/

dieDorit

Postings: 98

Registriert seit 30.11.2015

2018-04-24 01:01:05 Uhr
Au ja :)

manukaefer

Postings: 206

Registriert seit 16.06.2013

2018-04-23 18:39:17 Uhr
jo
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