Orphaned Land - Unsung prophets & dead messiahs

Orphaned Land- Unsung prophets & dead messiahs

Century Media / Sony
VÖ: 26.01.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Grenzenlos

Die Weisheit, dass Musik Brücken schlagen kann, ist so alt wie abgedroschen. Spannend wird es, wenn diese Brücken Kulturkreise oder Ideologien verbinden, die einander komplett verfeindet gegenüberstehen. Orphaned Land ist die wohl einzige israelische Band, die in der Türkei auftreten durfte und bei ihren dortigen Shows Zuschauer aus dem kompletten Mittleren Osten anzog. Antreiber und Vordenker ist Kobi Farhi, der für sein Engagement 2013 gar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde. Doch Farhi ist kein Prediger für die eine oder die andere Seite. Der Israeli möchte vor allem eins: Zum Nachdenken anregen, aufrütteln. Und ins Bewusstsein rufen, dass Judentum, Islam und Christentum zwar momentan wenig Schnittmengen aufweisen, am Ende jedoch auf gemeinsame Wurzeln blicken können. Wenn also ein solcher Musiker mit seiner Band ein Konzeptalbum ankündigt, dürfte klar sein, dass es hier nicht um abstruse Science Fiction geht.

Nein, "Unsung prophets & dead messiahs" beschäftigt sich intensiv mit Platons Höhlengleichnis, einer Allegorie, für deren vollständige Rezeption das ein oder andere Semester Philosphie nicht von Nachteil sein dürfte. Am Ende geht es darum, dass die Menschheit eine Urangst vor Veränderungen besitzt, diese gar aktiv bekämpft. Streng genommen hat die Band selbst einen solchen Ausbruch aus der Komfortzone gewagt, als sie durch die Mischung von Metal mit traditionellen Instrumenten ein Genre begründeten, was später Oriental Metal genannt werden sollte. Und diesen Oriental Metal bieten Orphaned Land in Perfektion. Mehr noch als auf dem eher ruppigen und kompakten Vorgänger "All is one" vermischen die Israelis die zahlreichen Einflüsse dieses für Außenstehende so verwirrenden und doch faszinierenden Kulturkreises zu einem magischen Ganzen.

Nehmen wir direkt "The cave", das mit einem verträumten Intro beginnt und in einen wuchtigen Bombast-Rocker mündet, dabei fette Chöre mit donnernden Riffs und einem wüst gekeiften Chorus mischt. So überladen wie dies scheinen mag, so schlüssig, so aus einem Guss klingt das Ergebnis, vom derzeit wohl angesagtesten Metal-Produzenten Jens Bogren überragend in Szene gesetzt. Denn, das dürfte nun dem Letzten klar geworden sein, Orphaned Land sind vor allem eines: Heavy fuckin' Metal. Und genau deshalb ist es völlig legitim, wenn die giftig gefauchten Strophen von "We do not resist" in eine wunderbare Bridge münden, nur um bei "In propaganda" alles Gefühl dieser Welt in den Gesang zu legen. Oder wenn Tomas Lindberg, Frontmann von At The Gates, dem brutalen "Only the dead have seen the end of war" noch mehr Härte verpasst, während kurze Zeit später Steve Hackett seine Gitarre zu "The manifest - Epilogue" leise weinen lässt.

Nun lebt Oriental Metal im Grundsatz schon vom Eklektizismus. Orphaned Land gelingt es allerdings auf unnachahmliche Weise, diese Fülle an Ideen zu einem jederzeit schlüssigen Bild zu verweben. Und dies ist teilweise derart ergreifend schön, dass man vor lauter Ergriffenheit doch glatt die Matte (so denn vorhanden ...) zu schütteln vergessen könnte. Oder aber dem so vermeintlich banalen, aber dadurch umso ergreifenderen "Like Orpheus" nachhängt, das die simple Begegnung zweier Metalheads erzählt, die durch ihre Religion voneinander getrennt sind, während sie auf dem Konzert am Vortag noch gemeinsam feierten. Ja, das ist schon fast anrührend einfach. Im Nahen Osten aber dennoch Utopie. Doch selbst wenn man den lyrischen Aspekt einmal beiseite lässt, ist "Unsung prophets & dead messiahs" eine unfassbar spannende Platte, ein Album, das immer wieder neue Facetten bietet. Das beinharten Metal mit orientalischer Tradition auf grandiose Weise verbindet. Und somit das Opus Magnum für die Israelis werden könnte.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • The cave
  • We do not resist
  • Like Orpheus
  • Only the dead have seen the end of the war

Tracklist

  1. The cave
  2. We do not resist
  3. In propaganda
  4. All knowing eye
  5. Yedidi
  6. Chains fall to gravity
  7. Like Orpheus
  8. Poets of prophetic messianism
  9. Left behind
  10. My brother's keeper
  11. Take my hand
  12. Only the dead have seen the end of war
  13. The manifest - Epilogue

Gesamtspielzeit: 63:40 min.

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User Beitrag
Zappy
2018-01-23 07:32:30 Uhr
Ich bin ja der Meinung, dass man bei Genre-Zuordnung mittlerweile bei Orphaned Land ein "Disney-" vors "Oriental Metal" anbringen müsste. Da stand mal eher "Progressive-"...
Für meine Begriffe ging es ab "Mabool" nur noch bergab. "The never ending way..." hatte noch einiges zu bieten, vor allem in der Produktion noch einen gewissen dynamischen Saft. Die orientalischen Elemente klangen sogar bis zum letzten Album noch recht natürlich, mittlerweile klingt es für mich gekünstelt. Aufgesetzt, in dem Sinne, dass es überproduziert ist und im Kontext der vielen westlichen Elemente (die mittlerweile viel zu pompöse Orchestrierung des Chors und des Orchesters spielt hier vor allem eine entscheidende Rolle) nicht mehr fundament- bildend scheint bzw. dem westlichen untergeordnet und somit nur noch als "Gimmick" seinen Wert findet.
Auch die kompositorischen Ideen leiden für mich unter gewisser Redundanz... Schade auch; habe mir gestern nach langer Zeit mal wieder "Mabool" durchgehört und war erneut sehr begeistert. Orphaned Land haben für mich über die Jahre wirklich an Qualität verloren und das in fast allen Bereichen.
Goschy
2018-01-19 22:08:33 Uhr
Traumhafte Kombination von klassischem heavy-metal und orientalischen Klängen, einzigartig in perfekter professioneller ausführung
Gebuesch
2018-01-19 09:46:25 Uhr
*raschel*

Armin

Postings: 11013

Registriert seit 08.01.2012

2018-01-18 21:58:56 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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