Nightmares On Wax - Shape the future

Nightmares On Wax- Shape the future

Warp / Rough Trade
VÖ: 26.01.2018

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Sanfte Bruchlandung

Die falsche Tür im Flur genommen. In die falsche U-Bahn gestiegen. Oder auch nur aus Versehen auf RTL II geschaltet. Alles führt zur selben Frage: Wo bin ich denn hier gelandet? "Back to nature", der Opener des achten Albums von Nightmares On Wax – welches ambitioniert "Shape the future" betitelt wurde – ruft eine ähnliche Reaktion hervor. Ein langsam trottender, weicher Beat trifft auf sanfte, sich im Hintergrund herumdrückende Streicher. Und dann fängt jemand mit sedierter Stimme zu blafaseln an – über die Erde, die Planeten, die Natur, die Liebe, deine Mudder. Abwechselnd dazu quasselt ein anderer ein wenig unverständliches Zeug dazwischen. Das Ziel war wohl, eine transzendentale Wirkung auf knapp acht Minuten hervorzurufen. Dass dafür echte Angehörige eines indigenen mexikanischen Stammes gewonnen werden konnten, ist ehrenhaft und sicher in guter Absicht. Doch das Ergebnis klingt mehr nach Meditationskurs-Berieselung um 15 Uhr 30. Eine unglaubliche Bruchlandung.

Leider hat Mastermind George Evelyn noch mehr esoterische Weltverbesserung in den folgenden Tracks zu bieten. "Tell me vision" bewegt sich auch nur zwischen einschläfernden Synths und Lamentationen über Weltraumfahrt und Krebsheilung, "On it maestro" fährt mit seinem Klavier idyllisch einen ruhigen Wasserkanal entlang. "Shape the future"? Fraglich, ob dies durch das Wildern in festgefahrenem Neunzigerjahre-TripHop geschieht. Koryphäen wie Massive Attack bekamen eben das vor einem Vierteljahrhundert deutlich stimmiger und spannender hin. Oder auch Nightmares On Wax selbst auf "Carboot soul" von 1999, das hier vielleicht so etwas wie die musikalische Blaupause sein sollte. Vom zwischenzeitlichen Pop-Flirt hat sich Evelyn bereits auf den Vorgängern zugunsten weltmusikalischer Einflüsse verabschiedet, auf "Shape the future" wird allerdings deutlicher als je zuvor die Sackgasse erkennbar.

Dabei ist zumindest nicht alles im diesigen Chillout-Nebel verloren, wenn man etwas ausharrt. Schon der Titeltrack deutet zumindest an, dass nicht alle Ausflüge in die Muzak-Area schlecht sein müssen, erst mit "Typical" hat man jedoch den Eindruck einer echten dynamischen Entwicklung innerhalb eines Songs – und nicht das Totreiten einer einzigen Idee. Das unnötigerweise doppelt vorhandene "Citizen Kane" sorgt endgültig dafür, dass die zweite Albumhälfte zumindest einen katastrophalen Gesamteindruck klar abwenden kann. Mozez von Zero 7 gastiert, der Beat kommt kraftvoller und aufweckend aus den Boxen, der Background-Chor gefällt. Noch besser ist die Rap-Version mit dem sich prächtig einfügenden Allen Kingdom, welche die Platte beschließt. Und kurz davor zeigt Evelyn, dass er doch noch irgendwo die Gliedmaßen in Bewegung setzen kann, wenn "Gotta smile" einen flotten Samba aufs Parkett legt und die E-Gitarre mächtig Laune bereitet.

An dieser Stelle ist es jedoch bereits zu spät, um aus "Shape the future" doch noch ein ordentliches Album zu machen. Dafür wird in dieser knappen Stunde Spielzeit zu viel mäandert, zu viel ins Leere musiziert und Spiritualität mit Langeweile verwechselt. Die Tracks eignen sich perfekt als unaufdringliche Hintergrundtextur, halten aber selten einer näheren Betrachtung stand. Dabei will Evelyn viel unter einen Hut bekommen: Ethnopop, TripHop, Reggae, Dub, Latino-Klänge. Trotz der vielfältigen Einflüsse verbleibt "Shape the future" größtenteils in einem eintönigen Trott, der die diversen Klangfarben einfach absorbiert. Wo sind wir hier also gelandet? Sicher nicht an einem Ort, an dem die Zukunft geformt wird. Stattdessen passt zu diesem akustischen Limbo-Zustand ein anderes Textzitat als Zusammenfassung: "Tomorrow seems so far."

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Gotta smile
  • Citizen Kane (Rap version) (feat. Mozez & Allan Kingdom)

Tracklist

  1. Back to nature (feat. Kuauhtli Vasquez & Wixarika Tribe)
  2. Tell my vision (feat. Andrew Ashong)
  3. Shape the future
  4. On it maestro
  5. Tomorrow (feat. LSK)
  6. Typical (feat. Jordan Rakei)
  7. Tenor fly
  8. Citizen Kane (feat. Mozez)
  9. Deep shadows (feat. Sadie Walker)
  10. Gotta smile
  11. The othership
  12. Citizen Kane (Rap version) (feat. Mozez & Allan Kingdom)

Gesamtspielzeit: 57:19 min.

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Felix H

Postings: 2644

Registriert seit 26.02.2016

2018-01-19 09:53:27 Uhr
Vielen Dank!
Roger
2018-01-19 09:19:44 Uhr
Die Kritik ist großartig geschrieben!

Armin

Postings: 11883

Registriert seit 08.01.2012

2018-01-18 21:58:42 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Postings: 11883

Registriert seit 08.01.2012

2017-11-01 17:18:32 Uhr - Newsbeitrag
Liebe Leserinnen und Leser,



wir bitten um Ankündigung der folgenden Nachricht!



Nightmares On Wax kündigt neues Album an: „Shape The Future“ erscheint am 26. Januar 2018 bei Warp Records ++ Neue Single & Video zu „Citizen Kane“ feat. Mozez & Allan Kingdom ab sofort!







Eine der größten Ikonen, die das Label Warp Records in den letzten 25 Jahren hervorgebracht hat, meldet sich zurück: Electronica-Pionier Nightmares on Wax hat sein neues Album „Shape The Future“ angekündigt, das am 26. Januar 2018 erscheinen wird. Noch immer steht der Name Nightmares On Wax für eine einzigartige Mischung aus Hip-Hop und Soul, aus Dub und Club-Sounds – und auf „Shape The Future“ klingt diese nun schon über Jahrzehnte hinweg perfektionierte Gratwanderung so flüssig und schlüssig wie nie zuvor.





Inspiriert von zahllosen DJ-Sets und Studio-Sessions in ganz unterschiedlichen Ecken der Welt, untermauert Nightmares On Wax mit diesem neuesten Sound-Update abermals seine Ausnahmestellung in der elektronischen Musiklandschaft. Auf die bereits veröffentlichte erste Single „Back To Nature“, die mit schamanistisch klingenden Vocals die Verbindung zwischen Mensch und Mutter Erde adressierte, folgt nun die brandneue Single „Citizen Kane“, für die George Evelyn (so der N.O.W.-Mastermind bürgerlich) als Vokalgäste Mozez und Allan Kingdom (u.a. Kanye West, Flume) an seine Seite geholt hat.



„Die Arbeit an ‘Shape The Future’ war in vielerlei Hinsicht eine Reise“, holt George aus. „Eine Reise in mein Inneres und eine Reise um den gesamten Erdball. Eine körperliche und emotionale Reise. Ich glaube fast, ich musste erst noch reifer werden, um dieses Album überhaupt machen zu können – denn es war mit vielen Herausforderungen verbunden, mehr, als ich erwartet hätte. Man ist jeden Tag ein neuer Mensch, insofern könnte ich so oder so nie dasselbe Album noch einmal machen – der ganze Ausdruck verändert sich. Und ich habe dieses Mal viel mit anderen Musikern gearbeitet und mit viel Orchestrierung. Sehr viel satter klingt das Ergebnis daher. Ich entdecke mit jedem Album etwas Neues und zugleich spiegelt es den Ist-Zustand wider: Als Spiegel, der mir zeigt, wo ich über einen gewissen Zeitraum stehe im Leben, während ich das Material schreibe und auf Tour bin... All das inspiriert mich, prägt meine Weltsicht, meine Sicht auf die Dinge, was sich dann wieder in der Musik niederschlägt: Sie bringt eine Message zum Ausdruck, zeigt verschiedene Stimmungen, Emotionen, die aktuelle Einstellung zu unserer Wirklichkeit...“



Allein der neue Track „Citizen Kane“ belegt, was für eine Reise und was für eine Entwicklung George im Verlauf seiner einflussreichen Karriere zurückgelegt hat. Indem er noch mehr als zuvor auf tiefschürfenden, in Gospel-Sounds getränkten Hip-Hop setzt und seine ganze Erfahrung als Producer durchschimmern lässt, trägt der neue Track noch immer den unverkennbaren klanglichen Stempel von Nightmares on Wax. Das Video, in dem es um die Wiedergeburt des US-amerikanischen Deep South geht, entstand im Sommer in New Orleans. Die Regie des Clips, in dem Langston Fishburne zu sehen ist, führte James Burns.



„Schon als ich ‘Citizen Kane’ zum ersten Mal gehört habe, kamen mir sofort etliche Bilder und Assoziationen in den Sinn, die mit dem Süden der USA verbunden sind“, berichtet der Regisseur. „In dem Clip steht unser Protagonist vor einer großen Entscheidung. Er steht am Scheideweg, und das wird in zwei Szenen dargestellt – zum einen führt es zurück in seine düstere Vergangenheit, zum anderen in eine mögliche Zukunft, die sehr viel besser aussieht. Wir brauchten daher eine Location, die beides perfekt einrahmt. Die Geschichte von Louisiana ist so eng verwoben mit dem Befreiungskampf der Afroamerikaner, und wenn man diese Mangrovenwälder sieht, wo Virginia-Eichen und Louisiana-Moos wachsen, dann fühlt man automatisch das ganze Gewicht dieses Konflikts. In der Stadt New Orleans gibt es dazu diesen krassen Kontrast zwischen Altem und Neuem. Es ist eine Stadt, die wirklich neu geboren werden musste nach der Katastrophe – auch deshalb war sie der ideale Ort, um unsere Geschichte zu erzählen. Ich wollte einen Hybrid aus Musikvideo und Kurzfilm machen: Etwas, in das man wirklich eintauchen kann, das sich wie ein richtiger Film anfühlt. Mit Bildern und Szenen, die einen hineinziehen in diese Atmosphäre; mit Charakteren, an die man noch lange danach zurückdenkt – es ist eine Mischung aus ikonischen Bildern und Futuristischem, aus dem Kontrast zwischen Dunkelheit und Licht. Die Crew hat dabei einen Wahnsinnsjob geleistet. Alles lief ganz familiär ab, und auch mit George und Allen zu arbeiten war einfach grandios. George hat so viel positive Energie. Er hat eine klare Vision und ist einfach ein echter Künstler. Ich glaube, unsere Ideen ergänzen einander sehr gut, und das Ergebnis fühlt sich an wie ein Ausschnitt aus einer sehr viel größeren Story.“



Nightmares On Wax zählt zu den einflussreichsten Künstlern seiner Generation: In den letzten 25 Jahren haben seine Aufnahmen etliche Musiker und Produzenten inspiriert. Als der am längsten aktive Künstler, der bei Warp unter Vertrag steht, hat er nicht nur das Spektrum des Labels erweitert, sondern ist zugleich Wegbereiter für Label-Kollegen wie Flying Lotus, Hudson Mohawke und Mount Kimbie.

Artist: Nightmares On Wax

Album: Shape The Future

Label: Warp Records

VÖ: 26.01.2018



www.nightmaresonwax.com

www.facebook.com/nightmaresonwaxofficial

www.warp.net
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