Nai Palm - Needle paw

Nai Palm- Needle paw

Masterworks / Sony
VÖ: 26.01.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Die Ruhe nach dem Sturm

Auf jede Flut folgt eine Ebbe, auf jeden Sturm die Stille und auf jeden Drogenrausch eine mal mehr, mal weniger erholsame Phase der Ausnüchterung. "Choose your weapon" hieß das polyrhythmische, kaum zu bändigende Biest, das das australische Neo-Soul-Kollektiv Hiatus Kaiyote 2015 auf die Welt losließ. Zweieinhalb Jahre später sucht Frontfrau Naomi Saalfield a.k.a. Nai Palm nun die Ruhe nach diesem Exzess und kommt auf ihrem Solo-Debüt "Needle paw" mit nicht mehr als Gitarren- und Stimmen-Arrangements aus. Dass man sich hier als Hörer aber nicht allzu entspannt zurücklehnen sollte, verrät bereits ein Blick auf die Tracklist, denn die Zusammenstellung der Songs ist für ein Debütalbum höchst unkonventionell: Es gibt nur eine handvoll bisher unbekannter Eigenkompositionen, der Rest besteht aus minimalistischen Neu-Interpretationen von Hiatus-Kaiyote-Stücken sowie einigen teils in Medleys zusammengefassten Covern. Auch musikalisch ist das Album alles andere als leicht verdaulicher Singer-Songwriter-Folk, doch erzeugt es etwas, das bei Hiatus Kaiyotes überdrehter Virtuosität nur in den allerseltensten Momenten aufzufinden war: Intimität.

Bei all seiner Vetracktheit ist "Needle paw" in seinem Herzen zuallererst eine Ode an die menschliche Stimme. Das muss nicht immer Saalfields eigene sein, so eröffnet und beschließt der indigene australische Yolngu-Sänger Jason Guwanbal Gurruwiwi das Album, und auch sonst versuchen teils chorale Background-Gesänge immer wieder, die Aufmerksamkeit weg von Saalfields Konversationen mit sich und der Natur zu lenken. Es könnte kaum ein schwierigeres Unterfangen geben, denn wenn die 28-Jährige in ihrer ursprünglichen Bandversion laute und wilde Songs wie "Atari" bis zur Unkenntlichkeit reduziert, ist es ihr nicht nur technisch, sondern auch in seiner unglaublichen Wärme beeindruckendes Organ, das den einzigen Fixpunkt darstellt. Ohnehin ist Saalfields frischer Blickwinkel ein wahrer Segen für die sperrigen Hiatus-Kaiyote-Tracks. Aus "Moebius" entfaltet sich langsam eine absolut fantastische Melodie, die man zuvor nur erahnen konnte, und wenn der Grundakkord von "Breathing underwater" als Ausgangspunkt für ein hochambitioniertes, knapp zehnminütiges Medley genutzt wird, das sich von Bowies "Blackstar" über den Refrain von Radioheads "Pyramid song" bis zurück zum Ausgangsstück entwickelt, ist das nicht weniger als phänomenal.

Dass all diese so gegensätzlichen Cover überhaupt auf einem Album zusammen funktionieren, liegt an der Hingabe und dem Respekt, mit denen Saalfield allen ihren Stücken begegnet. Aus dem originären Folk von "Crossfire" entspinnt sie Tamias "So into you" und macht damit ihre Liebe zu 90er-R'n'B deutlich, während ihre Interpretation der Jimi-Hendrix-Ballade "Have you ever been (to Electric Ladyland)" dem klassischen Blues huldigt. Wenn man unbedingt etwas an "Needle paw" zu meckern haben will, dann, dass es sich einen kleinen Mangel mit den Hiatus-Kaiyote-Alben teilt. Bei all den unkonventionellen Songstrukturen und dem hypnotischen Fluss, bestärkt durch das spärliche Instrumentarium, ist manchmal nicht so recht feststellbar, wo der eine Song aufhört und der andere anfängt. Ein bisschen fehlende Dynamik ist aber mehr als verschmerzbar, wenn die Atmosphäre so wunderbar stimmig ist, jazzige Gitarren und interessante Vocal-Arrangements regelmäßig Reizpunkte setzen und Saalfields Vortrag konstant unter die Haut geht. "When the damn thing breaks / I'll be there to take you home", heißt es in "Atoll", dem am tiefsten berührenden unter lauter tief berührenden Songs. Wer hätte gedacht, dass das Solo-Debüt der einstigen Shaolin-Monk-Motherfunkerin ein so vor verständnisvoller Intimität strotzendes Werk sein würde?

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Crossfire/So into you
  • Moebius
  • Atoll
  • Blackstar/Pyramid song/Breathing underwater (feat. Amadou Suso)

Tracklist

  1. Wititij (Lighning snake), Pt. 1 (feat. Jason Guwanbal Gurruwiwi)
  2. Atari
  3. Crossfire/So into you
  4. Haiku
  5. Moebius
  6. Molasses
  7. Have you ever been to (Electric Ladyland)
  8. Atoll
  9. When the knife
  10. Blackstar/Pyramid song/Breathing underwater (feat. Amadou Suso)
  11. Borderline with my atoms
  12. Homebody
  13. Wititij (Lighning snake), Pt. 2 (feat. Jason Guwanbal Gurruwiwi)

Gesamtspielzeit: 57:26 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-01-18 21:58:29 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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