Nils Frahm - All melody

Nils Frahm- All melody

Erased Tapes / Indigo
VÖ: 26.01.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Neues vom Hörfunk-Flurfunker

Saal 3. Klingt eigentlich unspannend. Nach Universität. Oder sogar gleich nach Justizgebäude. So oder so: eher unschön. Nicht aber, wenn die Rede von Saal 3 im Berliner Funkhaus ist, in dem früher der DDR-Hörfunk beheimatet war. Dort, direkt neben der Spree, ist ein gewisser Nils Frahm öfter anzufinden – der eigentlich in Hamburg geborene Pianist ist dort mittlerweile quasi zu Hause und hat die olle Bude sogar seinen Vorstellungen entsprechend umgebaut. Auch aufgrund dieser geradezu heimeligen Atmosphäre fühlt sich "All melody", das nunmehr siebte Studioalbum des 35-Jährigen, an wie ein alter Bekannter. Ein guter Freund, der sich nicht mehr einschmeicheln muss und es dennoch tut. Frahms Tastenschläge sind wie warme, vertraute Berührungen. Das ist nicht neu, und trotzdem überrascht es immer wieder. Wie macht der das nur?

Womöglich, weil er die Musik einfach selbst machen lässt. "All melody" ist, und irgendwie verrät das ja schon der Titel, ein vor Melodien strotzendes Konstrukt, das sich in regelrecht fasznierenden 74 Minuten ein ums andere Mal selbst renoviert, entkernt, neu aufbaut und doch immer wieder einen entlegenen Winkel versteckt, in den man sich erstmal hineintrauen muss. Da wäre etwa der leicht ätherisch anmutende Opener "The whole universe wants to be touched", der mit einer Art Kirchenchor und unheilschwangerer Orgel ins düstere Kellerabteil zu führen versucht, ehe das darauffolgende "Sunson" sich heldenhaft und bärenstark mitten in den Weg stellt und dennoch mit Neo-Klassik- sowie Electronica-Anleihen nicht nur für Licht, sondern für ebenso viel Schatten sorgt.

Verkündete Frahm vorab, dass das Album zwar ein Spiegelbild seiner zum Aufnahmeprozess vorherrschenden Vorlieben sei, die Musik aus seinem Inneren wohl aber nie auf Platte zu hören sein wird, lässt "All melody" lieber Taten sprechen: Das hauchzarte "Forever changeless" tropft vom Piano herab, knistert hier ein bisschen und atmet dort etwas lauter, als wäre es direkt nebenan. "Kaleidoscope" sorgt mit chaotischem Weltmusik-Allerlei für erhöhten Puls und projiziert ganz ohne halluzinogene Mittel leuchtend-funkelnde Farben direkt an das Brett vorm Kopf, und "Fundamental values" ist mit Unterstützung von Streichern und Bläsern weder Film- noch Funkmusik, aber dennoch der perfekte Soundtrack für noch kommende wunderschöne Momente, die in ihrer Besonderheit noch nicht abzuschätzen sind.

Nach der Produktion eines Albums würden die Stücke schon selbst verraten, was sie sind und vor allem, was sie nicht sind, so Frahm weiter. Kaum auszudenken, was etwa der zwischen Hoffnung und Verderben wandelnde Titeltrack ursprünglich werden sollte. Oder wie freundlich das mysteriös-unnahbare "Momentum" womöglich einmal war. Und obwohl "All melody" vor genau diesen denkwürdigen Eingebungen strotzt, fühlt es sich doch vertraut an – und ist ein grandioses Beispiel dafür, warum Frahm nicht nur einfach international erfolgreich, sondern wirklich einer der besten seiner Generation ist. Wer so innovativ, experimentierfreudig und doch so unverkennbar echt sein kann, darf getrost alle Hütten abreißen und neu aufbauen. Wie passend auch fürs Album: Hinterher ist alles immer schöner.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Sunson
  • Forever changeless
  • Fundamental values
  • Kaleidoscope

Tracklist

  1. The whole universe wants to be touched
  2. Sunson
  3. A place
  4. My friend the forest
  5. Human range
  6. Forever changeless
  7. All melody
  8. #2
  9. Momentum
  10. Fundamental values
  11. Kaleidoscope
  12. Harm hymn

Gesamtspielzeit: 74:09 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Yannick
2018-12-03 20:25:25 Uhr
@explodinghead @masterofdisaster69
Das selbe hat er in München beim Konzert auch gesagt. Nur hat er da noch angemerkt dass die panflötensounds aus seiner selbst gebauten Orgel kommen, in die viel Arbeit gesteckt wurde und er sie nicht wegwerfen will. Er selbst sagte dass er den Sound nicht gut findet, aber dass es vielleicht gerade die Kunst ist dann damit weiter zu arbeiten und zu versuchen es "gut" klingen zu lassen :)

VelvetCell

Postings: 1053

Registriert seit 14.06.2013

2018-11-22 17:41:21 Uhr
Ich mag "All Melody" sehr. Tatsächlich ist es möglicherweise sogar mein meistgehörtes Album 2018, da ich es oft bei konzentrierter Schreibtischarbeit über Kopfhörer höre. Was allerdings auch bedeutet, dass man es gut nebenbei hören kann, was ja nicht wirklich eine Auszeichnung ist. "All Melody" kann aber irgendwie beides: Einen fesseln. Oder auch nur begleiten.

MasterOfDisaster69

Postings: 424

Registriert seit 19.05.2014

2018-11-21 18:50:07 Uhr
Gute Frage. Hatte ich mich auch gefragt, auch warum er uns das alles erzählt. Also fast so als Entschuldigung, dass sie was mit Panfloeten ausprobieren wollten, da lange an der Synthesizer-Verbindung gearbeitet hatten (also Arbeit rein-gesteckt hatten),
um am Ende festzustellen, dass sich Panfloeten Schei… anhören. Dann gemixt mit anderen “coolen” Sounds aber nicht mehr so schlimm und einigermaßen vorzeigbar…
Schon ne lustige Type, hoffentlich macht er noch lange Musik.

ExplodingHead

Postings: 13

Registriert seit 18.09.2018

2018-11-21 18:29:39 Uhr
"Sicher gute 5 Minuten lang beschrieb er zB die schwierige Aufgabe, nervige Panfloeten mit anderen Sounds zu mischen, damit am Ende was Akzeptables bei raus kommt."

Hat er auch gesagt, warum er die nervigen Panflöten nicht einfach weglässt, wenn sie es dem akzeptablen Sound so schwer machen?

MasterOfDisaster69

Postings: 424

Registriert seit 19.05.2014

2018-11-20 13:16:50 Uhr
Mein erstes Nils Frahm Konzert. Wirklich toll, einzigartig. Schwierig in Worte zu fassen. Ist er immer so gesprächig live? Sicher gute 5 Minuten lang beschrieb er zB die schwierige Aufgabe, nervige Panfloeten mit anderen Sounds zu mischen, damit am Ende was Akzeptables bei raus kommt. Ein echter Soundfreak.
Auch nach dem Konzert war er da, obwohl sichtlich fertig, offen für ein paar Worte und LP-Signings.

Ein Erlebnis.

Wer die Möglichkeit hat, ihn dieser Tage auf seiner Tour zu sehen, wird es nicht bereuen...

Beachtlich, welcher Aufwand das ist, sein ganzes Equipment, diverse Pianos / Synthesizer, Lichteffekte etc. durch ganz Europa per 40-Tonner zu bewegen und täglich alles auf- und wieder abzubauen. Und dann kosten die Tickets hier zumindest gerade mal 20-30EUR.

https://www.youtube.com/watch?v=IySstD4RopM
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