First Aid Kit - Ruins

First Aid Kit- Ruins

Columbia / Sony
VÖ: 19.01.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Helle und die Dunkle

Sonnenschein und Schwermut passen nicht gut zusammen – das bemerkten Klara und Johanna Söderberg von First Aid Kit, als sie sich zum Schreiben ihrer neuen Platte eine Weile in Kalifornien aufhielten. Laut eigenen Aussagen fühlte es sich falsch an, sch bei aller Geschäftigkeit und sommerlichen Temperaturen den eher düsteren Themen zu widmen, um die es auf ihrem vierten Album "Ruins" geht. Es mag auch überraschen, dass die bildhübschen und allseits geliebten schwedischen Schwestern nach fünf Jahren äußerst erfolgreichen Dauertourens überhaupt solche Dunkelheit und Traurigkeit in sich tragen konnten. Schon der erste Song "Rebel heart" sprüht offensichtlich vor Lebensfreude und Optimismus: "I don't know what it is / That makes me run / That makes me wanna shatter everything that I've done" heißt es da.

Viele der Texte auf "Ruins" sind offensichtlich als Reaktion auf Klaras Trennung von ihrem langjährigen Freund entstanden, was aber nicht nur zu einem Hadern mit der Liebe, sondern vor allem mit sich selbst und dem Leben als solchem führt. Gut für uns, denn zu Liebeskummer passt der schluchzende Harmoniegesang der Geschwister ganz hervorragend. Nachdem in einer gewundenen Melodie das Leid geklagt wurde, enden Klara und Johanna auf lang ausgehaltene, sich leicht reibende Töne, und wie zum Trost setzt aus der Ferne ein zweiter, rhythmischerer Teil mit Gitarre, Streichern und einer Trompete ein. Doch nicht zu früh aufatmen: Gerade die Koexistenz von Licht und Dunkel ist es, die Fist Aid Kit fasziniert. Ob hier vielleicht auch die Wahl ihrer Haarfarben den Ursprung hat, wäre zu diskutieren.

Auch die Vorabsingle "It's a shame" klingt zunächst beschwingt in bester Lagerfeuermanier, und im zugehörigen Video tanzt Johanna durch das Leben, schwingt das Tambourin und hüpft leichten Fußes über Hindernisse in ihrem Weg. Auf der anderen Seite des Splitscreens jedoch läuft Klara mit gesenktem Kopf die gleiche Strecke ab, mitten in die Pfütze rein, und singt dazu Zeilen wie "I cannot get it right / The emptyness I feel, and now none of it seems real". Das Video spielt übrigens im dunklen, regnerischen Stockholm – das passte wohl besser als ein Setting im sonnengefluteten L.A. "Fireworks" hingegen steht offen zu seiner Traurigkeit, wird hier doch darüber sinniert, wie trostlos es ist, am Ziel angekommen zu sein – ohne denjenigen, mit dem man dieses Ziel eigentlich erreichen wollte. Dazu erklingt eine Melodie im Dreiertakt, die ein Wiegenlied zum in-den-Schlaf-weinen sein könnte. Soweit hält "Ruins" also jede Menge jener poppigen Elemente bereit, die First Aid Kit über Genregrenzen hinaus den Status Jedermanns Liebling verlieh.

Im weiteren Lauf wird aber deutlicher noch als auf den Vorgängeralben klar, dass Johanna und Klara ihre Wurzeln eigentlich im Country haben. "Postcard" kommt im Cowboy-Outfit gemütlich dahergestiefelt, und das Motto wird konsequent durchgezogen; die Steel Guitar spendiert ein paar Seufzer für die Pausen, der Kontrabass trabt gemütlich weiter, nur dem Klavier ist ein wenig Improvisation erlaubt. In der zweiten Hälfte des Albums wird der musikalische Einfallsreichtum insgesamt etwas zurückgedreht und ganz auf akustische Gitarre, eingängige Melodien und den zugleich glasklaren und glasharten Gesang der Schwestern fokussiert. Eine Ausnahme ist "My wild sweet love": Langgezogene "Uuhuuh"s zu Beginn kündigen einen hymnenhaften Charakter an, doch dann wird es erst mal ganz ruhig. Nur das Klavier und ein leicht federnder Rhythmus sind vernehmbar, erst beim zweiten Refrain kommen ein paar sehnsüchtige Streicher dazu. Dazu wird derart viel Pathos angedeutet, dass man einen emotionalen Ausbruch erwartet, stattdessen aber verharrt der Song doch im Sanften, Subtilen.

"Nothing has to be true" entfernt sich nach und nach von der anfänglichen Country-Stimmung, zu Gesang und Gitarre schieben sich weitere Klangschichten von oben und unten dazu, bis unter einem ekstatischen Schlagzeugsolo fast eine Art Rock-Attitüde entsteht. Vielleicht findet das Duo doch gemeinsam einen Weg aus dem Tal der Traurigkeit – die letzte Szene in oben beschriebenen Musikvideo, in dem Goldmarie und Pechmarie nach dem durchwachsenen Tag im Aufzug wieder aufeinanderstoßen und sich gegenseitig anlächeln, deutet es bereits an.

(Eva-Maria Walther)

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Highlights

  • Rebel heart
  • It's a shame
  • My wild sweet love

Tracklist

  1. Rebel heart
  2. It's a shame
  3. Fireworks
  4. Postcard
  5. To live a life
  6. My wild sweet love
  7. Distant star
  8. Ruins
  9. Hem of her dress
  10. Nothing has to be true

Gesamtspielzeit: 39:30 min.

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musie

Postings: 2202

Registriert seit 14.06.2013

2018-01-23 07:48:59 Uhr
Vorweg Kompliment für die sehr gute Rezi. Mit der Punktzahl schauts bei mir allerdings ein bisschen anders aus, bin ziemlich angetan vom Album. Der Beginn ist sehr stark. Bin positiv überrascht. Aber so gings mir jedes Mal, wenn ich First Aid Kit an einem Festival gesehen oder in ein Album reingehört habe...

The Hungry Ghost

Postings: 746

Registriert seit 15.06.2013

2018-01-21 11:40:51 Uhr
@Crossfield:
Ich bin gespannt auf das neue Album "Ruins", habe es noch nicht gehört, obwohl ich mich auch seit der "Stay Gold" mehr oder weniger als "Fan" bezeichnen würde.

Sehe die "The Lion's Roar" im Übrigen in etwa gleichauf mit "Stay Gold", bin aber von den neuen Songs abgesehen vom hervorragenden Fireworks noch nicht so richtig begeistert...

Crossfield

Postings: 10

Registriert seit 29.11.2017

2018-01-20 23:29:16 Uhr
Heute gehört - von mir gibt es eine 7/10 (bzw. 6.6/10.0). Schönes Album mit den Highlights "It's a Shame" und "Nothing Has to Be True".
An den Zweitling kommt "Ruins" aber nicht ran, "The Lion's Road" ihre nach wie vor stärkste Platte u.a. mit dem fantastischen "King of the World".

Ich muss gestehen, dass ich die Söderberg-Schwestern zunächst eher so in die Schublade Teen-Pop gepackt habe, bis ein langjähriger Freund, der für mich in Sachen Musikgeschmack eine Autorität darstellt und meinen eigene musikalische Geschmackssozialisation stark beeinflusst hat, offenbarte, Fan der Band zu sein.

Dass sich Klara und Johanna auch politisch klar positionieren (http://www.intro.de/popmusik/first-aid-kit-im-gesprach-im-herzen-punks), macht sie für mich noch sympathischer.

Freue mich schon auf ihren Hamburg-Auftritt im März!




ALMA X
2018-01-20 18:18:03 Uhr
Schön und gut diese Rezension. Man erfährt so einiges, doch für eine 6/10 fehlt die eine oder andere Zeile von dem "warum?" dieser Bewertung. Ich persönlich gehe mit einer 6/10 mit, da sich thematisch bei dem Duo nur wenig verändert und da reicht dann denke ich auch ein einziges Album.
mei meinung
2018-01-17 14:04:32 Uhr
kann ich erst am 19.1. zur vö mitteilen.

aber ich freue mich darauf!
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