Feine Sahne Fischfilet - Sturm & Dreck

Feine Sahne Fischfilet- Sturm & Dreck

Audiolith / Broken Silence
VÖ: 12.01.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Ballast der Republik

Erwischt man die Jungs von Feine Sahne Fischfilet in einem der selten gewordenen, ruhigen Momente, blickt man in glückliche, aber keineswegs satte oder zufriedene Augen. Die Punkrocker aus "Meck-Pomm" baden ein wenig in der aktuellen Resonanz, brennen aber nach wie vor für ihre Sache und wollten die Momente der Extase der letzten Jahre, wie sie selbst sagen, in Form von "Sturm & Dreck" auf Platte bannen. "Alles auf Rausch" lautet das Motto, spätestens in die Wände geritzt durch den Ska-Punker an Position zwei ihres fünften Albums, der penetrant nach Dosenbier duftet und blaue Flecken einfordert. "Ich kann immer noch nicht singen / Und spiel jetzt bei Rock am Ring", stellt Jan "Monchi" Gorkow nüchtern fest. 2013 noch in den kleinen Läden des Landes unterwegs, füllt die Truppe mit meist simplem, aber hymnischem und effektivem Punkrock samt Bläser-Einschlag längst die Hallen der Republik.

Erklären können sich die sechs aus dem Nordosten den Erfolg nicht wirklich plausibel, denn als Musiker haben sie immer nur gemacht, was aus dem Bauch kommt und Spaß bringt. Und als Menschen konsequent die politische und soziale Haltung vorgelebt, für die sie einstehen. Ohne Rücksicht auf Karriere, auf To-Dos und No-Gos, auf Anfeindungen und auf die zum Teil mit kruder Akribie aufgeführte Strafverfolgung durch mehrere Landesbehörden: gegen Nazis und für den sozialen Zusammenhalt, ganz gleich welcher Herkunft, Abstammung oder Konfession. Dass die Band und im Speziellen Frontmann Monchi als "alte Bekannte" des Widerstands gegen Rechts einen unfassbar langen Atem benötigt und nicht selten unter der eigenartigen Gesetzesauslegung durch den Staatsschutz leidet, zeigt sich dabei leider öfter als nötig. Was sie daraus jedoch machen: immer wieder höchst amüsant.

Mit der Hymne "Zuhause" gehen Feine Sahne Fischfilet ein anderes Wagnis ein: Das Stück behandelt Freundschaft, Vertrautheit und in Teilen – tatsächlich – das Thema Heimat und Zuhause, unter Linken oft ein Tabu. Müßig zu erwähnen, dass die Truppe ohne die andernorts verknüpfte Blut-und-Boden-Idiotie oder Werte-Geschwafel auskommt, die Herkunft und Abstammung zur Abgrenzung nutzen. Feine Sahne Fischfilet haben ihren Bezug zu Mecklenburg-Vorpommern nie verleugnet, sind gerade dort, wo Landflucht herrscht, die Globalisierung Jugendliche und Ältere am Straßenrand vergisst und rechte Ideologien die Menschen einzufangen versuchen, seit jeher politisch aktiv. Doch möchte der Song ein Zeichen setzen, das Thema nicht per se verdammen und dieses Feld nicht gänzlich national gesinnten Populisten überlassen, da Zuhausesein so viel bedeuten kann: Vertrautheit und Ruhe für die einen, für die anderen Schutz vor Krieg und Verfolgung – für jeden etwas anderes. Zuhausesein ist nämlich ein menschliches Grundbedürfnis und völlig okay, sofern man es nicht zur Ausgrenzung anderer missbraucht: "Reiß ihre Mauern ein / Reiß ihre Zäune ein / Zuhause heißt / Wenn die Angst der Freundschaft weicht / Wir schützen uns / Alle sind gleich."

Stilistisch liefert das Sextett mit dem fünften Streich wenige Veränderungen, bemerkenswert ist die Produktion von Tobias Kuhn (Thees Uhlmann, Die Toten Hosen), die zwar ein bisschen an Staub und Dreck einbüßt, aber das leicht erweiterte Stil-Spektrum hin zum Pop trägt. Auch dürfen Trompete und Posaune öfter das Geschehen bestimmen, als dies der Vorgänger "Bleiben oder gehen" zuließ. Abseits von Momenten des milderen Anstrichs, etwa wenn "Alles anders" zur sehnsüchtigen Posaune emotional wird und "Niemand wie Ihr" persönliche Einblicke zulässt, machen Feine Sahne Fischfilet mit dem Brecher "Dreck der Zeit" klar, dass sie bei gewissen Entwicklungen auch in Zukunft nicht tatenlos zusehen werden. Zeilen wie "Wir sind zurück in unserer Stadt / Mit zwei Promille durch die Nacht / Und scheißen vor Eure Burschenschaft" aus dem polternden Opener "Zurück in unserer Stadt" gehören dabei sicher nicht zur lyrischen Haute Couture des Deutschpunk, aber entlocken dem Hörer ein breites Grinsen und machen eine Menge Spaß. Ein Stichwort, das auf "Sturm & Dreck" und natürlich auch bei den Konzerten der Ostsee-Punks bekanntlich nicht zu kurz kommt. Ruhige Momente? In diesen Zeiten? Vergesst das.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Zurück in unserer Stadt
  • Alles auf Rausch
  • Zuhause
  • Suruç

Tracklist

  1. Zurück in unserer Stadt
  2. Alles auf Rausch
  3. Angst frisst Seele auf
  4. Schlaflos in Marseille
  5. Zuhause
  6. Alles anders
  7. Dreck der Zeit
  8. Ich mag kein Alkohol
  9. Suruç
  10. Wo niemals Ebbe ist
  11. Wir haben immer noch uns
  12. Niemand wie Ihr

Gesamtspielzeit: 38:53 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Entsorgungszentrum Nord
2018-01-18 22:34:33 Uhr
Hi Hi, ich habe "entsorgt" gesagt. Bin voll auf Provo.
wilson (ausgeloggt)
2018-01-18 22:05:24 Uhr
@meinen faker:
so so...feinde des lebens!? interessant...wen du damit wohl meinst?

...und wer ist hier eigentlich "brainwashed"?
wilson (ausgeloggt)
2018-01-18 21:57:58 Uhr
ich bin natürlich so brainwashed, dass ich mir die Nasenbären, wie Klassen, Links & Rechts und Kosmopolitismus von den Feinden des Lebens aufschwatzen habe lassen und tanze wie versessen röchelnd den Grätentanz.
wilson (ausgeloggt)
2018-01-18 20:49:42 Uhr
@noertz:
deutschland bzw. das konstrukt nation im allgemeinen zuhassen/abzulehnen ist völlig in ordnung...

selbsthass ist allerdings nicht angebracht...es sei dann man ist nationalsozialist!

@Campinos Freunde:
hast du außer den onkelz sonst noch (rechts-)politisch korrekte musiktips auf lager?

fight for your CLASS, NOT for your COUNTRY!
Campinos Freunde
2018-01-18 20:15:25 Uhr
Hi Hi, bin übrigens Fascho. Hat keiner gemerkt, oder?
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