Haiyti - Montenegro Zero

Haiyti- Montenegro Zero

Vertigo / Universal
VÖ: 12.01.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

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Jaja, wer kennt sie nicht. Die gute alte Debatte um Frauen in der Rapmusik. Es ist zwar ein alter Schuh, aber hier muss es noch mal kurz sein. In den Staaten gibt es Nicki Minaj und neuerdings mit Cardi B eine upgedatete Version von Nicki Minaj. Um die Jahrtausendwende bekam man beispielsweise durch Missy Elliott, Lil Kim oder Foxy Brown schon auch hierzulande mit, dass raue Wortakrobatik keine ausschließlich männliche Domäne ist. Vielleicht denkt der eine oder andere noch schmerzverzerrt an Sabrina Setlur, wenn er sich an die Versuche in deutschen Gefilden erinnert. Wer jedoch Augen und Ohren aufmacht, erkennt, dass die Zeit der Unterrepräsentation weiblicher Rapperinnen immer mehr der Vergangenheit angehört. Neben SXTN, Schwesta Ewa sowie neuerdings Eunique hat vor allem der einzig wahre "Girl-Boss-Gangsta" Haiyti dazu beigetragen, dass öfter über Songs und nicht über das Geschlecht diskutiert wird. Das Hamburger Energiebündel hat sich der Dauerproduktivität verschrieben. Seit Jahren hagelt es Alben, Mixtapes und EPs. Das bisherige Untergrund-Phänomen mit einer Stimme, die man wohl nur lieben oder hassen kann, spielte sich mittels fast schon penetrantem Output in den Vordergrund. Wie einst Money Boy flutete Haiyti das Netz mit ständig neuer Musik und naiv inszenierten Musikvideos. Das Ende dieser vielen Lieder besteht darin, dass die großen Player der Plattenindustrie auf die querschießende Kunststudentin aufmerksam wurden und nun "Montenegro Zero" erscheint – ein Major-Debüt, das die Vorannahmen zerhäckselt, durch die Luft wirbelt und notdürftig zusammenflickt. Die Hinwendung zum Pop macht die ungekrönte Trap-Queen zur unangepassten Prinzessin ihrer selbstbestimmten Sparte "Gangsta-Pop". Ähnlich wie beim Wiener Phänomen Yung Hurn stellen sich da minütlich Fragen an sich, an den Sinn und an die eigenen Hörgewohnheiten.

Wen bereits die Vorab-Singles irritiert zurückgelassen haben, der wird auf Plattenlänge sein neonfarbenes Wunder erleben. Der Bühnenderwisch legt mehr Eier auf den Tisch als Dutzende männliche Genre-Protagonisten. Das Album macht seinem Namen alle Ehre und tut gar nicht so, als hätte es irgendeine Pflicht irgendjemanden gegenüber. Zero Grenzen bedeuten volle Freiheit. Helden, zu denen sie aufschauen könnte, sieht sie laut dem Song "Kate Moss" eh nicht. Selbst die eigene Historie taugt kaum als Anhaltspunkt. Harte Trap-Bretter der 2015/16er-Version der Hamburgerin wie "Runter von der Straße" oder "Szeneviertel" sind – wenn überhaupt – nur Marginalien zwischen Ideenreichtum, Stilwechseln und Experimentierfreude. Das vermeintlich am ehesten in die olle Cloudrap-Schublade passende Soundbild um die "Toxic EP" mit Kitschkrieg ist ähnlich abhanden gekommen. Eigentlich ist kaum etwas davon übrig, das sich noch an der ursprünglichen Straßenrapperin orientiert, die wahlweise auch als Miami, Ovadoze oder Robbery in die testosterongeladene Szene platzte und skilltechnisch so einige in die Gucci-Bag stopft. Statt an die ziemlich rotzigen 2017er-EPs "Follow mich nicht", "White Girl mit Luger" und "Jango EP" anzuknüpfen, legt sie ein Album vor, das vielleicht als Neo-Deutsche-Welle durchginge. Mit allerlei Straßen-Vokabular, süßlicher Romantik und Songs zwischen Blümchen in der Spätphase und Eins-zwei-Polizei-Reimen werden Bereiche der Popkultur geremixt, die viele zu verdrängten versuchen. Einerseits ist das bemerkenswert frech und erfrischend. Anderseits wirken dadurch manche Tracks unfertig und skizzenhaft und rattern einfach im Stakkato-Flow vorbei. Die erste deutsche Rapperin, die es auf das Juice-Cover geschafft hat, könnte die bloßen Straßenrapfans bedienen wie keine Zweite. Aber sie will nicht. Die "100.000 Fans" müssen zweifelsohne noch erspielt werden und sich durch ein kunterbuntes Mischmasch von Platte wühlen. Viele haben den Anspruch, ihrem Werk einen roten Faden zu verpassen. Haiyti hat hier nicht mal Garn dabei.

In all der konsequenten Inkonsequenz ist es schwer, noch etwas ausfindig zu machen, das nicht zumindest irritiert. Die Achtziger und ihre Stilblüten zeigen sich durch das "Serienmodell" unmittelbar. Bei "Monacco" und "Berghain" kommen House- und Elektroelemente besonders gut zur Geltung. Kaum zu glauben, dass hier die selben Produzenten am Werk waren, die auch Trettmanns "#DIY" veredelten. "Bitches" oder "Mafioso" sind am ehesten klassische Haiyti-Songs, falls es so etwas überhaupt gibt. Auf letzterem ergießen sich Mafia-Fantasien über einem wummernden Beat. Die Hook fräst sich ins Gehör und wäre noch griffiger, wenn die gebrüllte Verwandtschaftsbeziehung nicht so derart übersteuert wäre. Diese Ungeschliffenheit gehört einfach dazu. Sie schreibt, macht und haut raus. Der frisch formulierte Qualitätsanspruch drosselt die Produktionsgeschwindigkeit nur minimal. Bei diesem Pensum ist Melodie manchmal Trumpf und so erweisen sich "Gold" und "Sunny driveby" als die sonnig-sanften Autotune-Schnuckelchen, die auch früher schon mal hier und da auf den Veröffentlichungen zu finden waren. Es geht natürlich auch um Persönliches, aber die frühere Zerrissenheit von "Messer" oder den scheppernden Seelenstriptease von "Angst" erreicht kein Track auf "Montenegro Zero". Aus all den Haiyti-Songs, die im Netz hinterlassen wurden, ließe sich ein bemerkenswertes Rap-Album erstellen. Diese Platte ist auch bemerkenswert, aber vor allem, weil sie Pop neu und anders denkt. Wenn zum Schluss der "American Dream" einsetzt, wundert einen rein gar nichts mehr, und dass es quasi um eine Lagerfeuer-Nummer handelt, fällt kaum weiter ins Gewicht. Was Übersee-Weirdo Young Thug mit "Beautiful thugger girls" kann, kriegt Haiyti schon lange hin. Das Spektrum des Pops ist weit, und diese Weiten hat sich selten jemand so gnadenlos zu eigen gemacht.

(Michael Rubach)

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Highlights

  • 100.000 Fans
  • Mafioso

Tracklist

  1. 100.000 Fans
  2. Sunny driveby
  3. Gold
  4. Mafioso
  5. Berghain
  6. Kate Moss
  7. Bahama mama
  8. Serienmodell
  9. Bitches
  10. Haubi
  11. Monacco
  12. American dream

Gesamtspielzeit: 39:57 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Vlonzzo
2018-04-13 18:49:55 Uhr
Flim-Flam-Euteria-Bam
Geh nicht geh nicht
bleib auf dem Damm
der Er-kennt-nix

Drum Drum und dann damn
ya ya ya es geht voräm
vor ähm vor ähm
und hintendran

Tik tik tik die Uhr geht tik
Tak war gestern tak tak tak

Vlonzzo
lol
2018-04-13 12:50:39 Uhr
tolle aufmerksamkeit von so einer heuchelei-veranstaltung

qwertz

Postings: 335

Registriert seit 15.05.2013

2018-04-13 11:35:31 Uhr
Ausgezeichnet mit dem "Echo"-Kritikerpreis. Freut mich für sie, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für das tolle Album schadet nicht.
Hustensaft Lutscher
2018-02-04 02:59:42 Uhr
Havarie war noch ein richtig gutes Album, danach gings bergab

Mister X

Postings: 2032

Registriert seit 30.10.2013

2018-01-16 15:22:32 Uhr
Uff. Sehr sehr viel unertraegliches dabei. Mir reicht ein Einziger Satz als Songtext jetzt nicht :D
Hier und da aber auch wirklich gute Momente vorhanden. Haette vll lieber ne Ep werden sollen
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