Typhoon - Offerings

Typhoon- Offerings

Roll Cat / House Arrest / Alive
VÖ: 12.01.2018

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Anfang der Parabel

"Asa Nisi Masa" hallt es durch die Gehörgänge. Die erdachte Phrase aus Federico Fellinis Filmopus "8½" aus dem Jahr 1963 bildet den zentralen Baustein dessen, was Typhoon ihrem fiktiven Albumprotagonisten in "Offerings” nach und nach nehmen: jede noch so kostbare Erinnerung. Analog zum Filmcharakter vergisst die Hauptfigur sich mit fortwährender Spieldauer gänzlich selbst, verzweifelt am eigenen Verblassen, klammert sich an musikalische Eselsbrücken, um nicht gänzlich mit der Ebbe in den Fluten zu verschwinden. "Floodplains" heißt so passenderweise der erste Akt von vieren – am Ende wartet ebenso adäquat die "Afterparty". Das bis zu elfköpfige Art-Pop-Kollektiv um Frontmann und Mastermind Kyle Morton sowie Sängerin Shannon Steele begibt sich damit nach vier Jahren Schaffenspause auf die Suche nach dem wesentlich Menschlichen und seziert in vierzehn kleinen Kunstwerken unser Bedürfnis nach Relevanz und Bestimmung.

"Au revoir my little memories / Tell me: This is not your loss, this is your offering." So schließt der Opener "Wake" zu schriller Geige und öffnet gleichzeitig den Kreislauf der Selbstdekonstruktion. Das Cover der Platte zeigt einen mutmaßlich nackten Mann vor den brennenden Trümmern seiner Existenz stehend, einen Kanister in der Linken. Ganz so dunkel, ganz so pointiert martialisch ist "Offerings" aber nur teilweise, spektakulär jedoch auf jeder Ebene. "Remember" bricht zum Beispiel nach kurzem Intro in einen unwiderstehlichen Gitarrenjingle aus – später wird das Motiv verlangsamt wieder aufgegriffen, diesmal untersetzt von Steeles bittersüßem Sopran. Nach kurzer Interlude gewinnt dieser im nachfolgendem "Coverings" erneut die Oberhand und besingt zu schwelgenden Streichern im Midtempo das letzte Flimmern des Gedächtnisses: "Saw you in a dream before / Standing at my open door." Unweigerlich fühlt man sich an Régine Chassagne erinnert und so hören sich Typhoon in Teilen wie ein uneheliches Kind aus den frühen Arcade Fire, Modest Mouse und einer frischen Brise apokalyptisch-orchestraler Experimentierfreude an. Nicht unbedingt die schlechtesten Referenzen also.

Überhaupt ist auf "Offerings" grundsätzlich kein Stein unbedacht gelegt. Kein Song der Platte wirkt im Gesamteindruck überflüssig oder beliebig. Immer wieder schafft es Morton dank seines Kompositionstalents abwechslungsreich und doch stets auf Erzählstruktur fokussiert Vorangegangenes zu kontrastieren oder wieder aufzugreifen. "Algernon" nimmt demnach vorweg, was im einminütigen "Mansion" so etwas wie das Mantra, den Mittelpunkt des Albums stellt: "I am lying down / In the neighbors lawn / In my swimming trunks / With the sprinklers on." Und auf gewisse Weise sieht man ihn vor sich: den Unbekannten in Badehose, Schneeengel im Gras formend, dabei gedankenlos in einen tiefer hängenden Himmel starrend.

Die Platte entzieht sich in diesen Momenten gekonnt der Wertung des Erzählten und wird zum Soundtrack eines Kopffilmes, der einen paradoxerweise nicht mehr loslassen möchte. Das unterstreichen nochmals das ungemein atmosphärische "Darker" mit nimmermüder Geige über pochenden Synthie- und Gitarrenwänden oder das Closer-Epos "Sleep", dessen dreiminütiges Weltraumrauschen durch Chorgesang aufgerüttelt in einer fröhlichen Folkpop-Nummer endet. Was hier entstanden ist, ist mehr als die Summe seiner an sich schon verneigenswerten Einzelteile.

So ist Typhoon mit "Offerings" ein tiefmenschliches und poetisches Meisterwerk am Rande des Konkreten gelungen, das trotz aller Ambition gleichzeitig vielschichtig und homogen bleibt. Wie die besungene Erinnerung flackern die vierzehn Songs der Platte durch den luftleeren Raum, immateriell und schließlich doch nachhaltig verwurzelt im eigenen Gedächtnis. Selten bis nie wurde Vergessen schöner vertont und passender in Szene gesetzt als auf diesem Album. "And so the light fades / It's still your birthday / Blow out your past lives like they're candles on the cake" haucht Morton in "Empiricist". Puh. 2018 – was bist Du und was willst Du noch werden, das Jahr mit einem solchen Schmuckstück zu beginnen?

(Robin Hartmann)

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Highlights

  • Rorschach
  • Empiricist
  • Remember
  • Coverings
  • Darker
  • Sleep

Tracklist

  1. Wake
  2. Rorschach
  3. Empiricist
  4. Algernon
  5. Unusual
  6. Beachtowel
  7. Remember
  8. Mansion
  9. Coverings
  10. Chiaroscuro
  11. Darker
  12. Bergeron
  13. Ariadne
  14. Sleep

Gesamtspielzeit: 65:17 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Donti
2018-01-16 22:11:57 Uhr
Ich schließ mich meinen Vorrednern an. Unglaublich groß, unglaublich viel zu entdecken. Braucht bestimmt 12-15 Durchgänge bis man es komplett erschlossen hat. Aber macht mit jedem Hören mehr Spass. Die 9/10 sehe ich definitiv als gesichert an. Merci PT für diese grandiose Entdeckung! Eigentlich brauch ich jetzt erst mal 4 Wochen gar kein anderes Album! ;-)

Gomes21

Postings: 1925

Registriert seit 20.06.2013

2018-01-13 12:14:34 Uhr
@Achim

fand ich anfangs super geil, hat sich aber (für mich) leider innerhalb von 2 Wochen so unglaublich schnell verbraucht

Achim

Postings: 5553

Registriert seit 13.06.2013

2018-01-13 10:41:46 Uhr
@Gomes: Was war mit denen? :-)

MartinS

Postings: 413

Registriert seit 31.10.2013

2018-01-13 10:31:13 Uhr
Gestern erstmals reingehört. Scheint ein erstes Highlight des Jahres zu sein. Wird bestellt.

Gomes21

Postings: 1925

Registriert seit 20.06.2013

2018-01-13 01:33:42 Uhr
Hat wirklich was, könnte ne 8/10 werden.
Aber seit protomartyr bin ich wieder vorsichtig mit vorschnellen Bewertungen
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