Legend - Midnight champion

Legend- Midnight champion

Artoffact / Cargo
VÖ: 13.10.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Ein Horn im Auge

Merke: Jeder Mensch kann sein, was immer er will. Eine Ausnahme tritt in Kraft, wenn man ein Einhorn sein kann. Dann natürlich ... Sie wissen schon. Im Artwork des zweiten Legend-Albums jedoch kein Zuckerschlecken: Das Fabelwesen ärgert sich schwarz, da es als Trophäe an der Wand hängt und nur mehr ein kopfloser Torso über das Backcover galoppiert. Nach dem ominösen Grinsen auf ihrem Debüt sollte man bei Krummi Björgvinsson und Halldor Á. Björnsson also erneut genauer hinschauen. Und auch sonst ist bei den Isländern längst nicht alles, wie es scheint. Denn obwohl man Björgvinsson ansonsten von den Noise-Rockern Mínus oder dem eisigen Post-Punk von Döpur kennt und Björnsson oft mit den Doom-Landsleuten Sólstafir im Studio weilt, knirschte "Fearless" zu düster-triumphalem Synthie-Pop und stählerner EBM mit den Zähnen.

Auch auf "Midnight champion" ist Eindimensionalität Legends Sache nicht: Statt wie auf ihrem ersten Longplayer der rein elektronischen Lehre zu frönen, graben die beiden auf dem Nachfolger deutlich mehr und tiefere Löcher, sodass sich die Stücke lediglich allmählich häuten. Den Drum-Computer hat das Duo weitgehend durch einen Schlagzeuger ersetzt, an die Stelle vergleichsweise simplen Gerumpels wie "City" treten mit dem metallisch knurrenden Opener "Cryptid" oder dem einen hymnischen Bogen spannenden Glanzstück "Adrift" verschwenderisch angelegte Schleicher, bei denen sich der chronisch biestig dreinschauende Björgvinsson zudem als brillanter Sänger hervortut. Und sehnt er noch "I can't believe what I've become / How long will it take to be as one?", haben Gitarren und Synthies diesen Schritt längst vollzogen.

Nur folgerichtig also, dass die Elektrolurche unter diesen opulenten Umständen verschüchtert den Rückzug in die zweite Albumhälfte antreten. Ausnahme: "Time to suffer", das mit steifer Sequenz und eher flachbrüstigen Maschinenbeats anhebt, ehe handgespielte Drums und mörderisches Metal-Gewühl rabiat in den Song einfallen und ihm zu gleichen Teilen ungeheure Dynamik und Power verleihen. Ein Paradebeispiel für zweckmäßig dosierte Brutalität – als würden Combichrist bei "Maggots at the party" nicht sätliche Alkoholvorräte auf einmal leersaufen, sondern stattdessen in maßvollen Abständen nur jeweils einen, dafür aber umso mehr reinhauenden Schnaps kippen. Da zieht selbst ein Brecher wie das noch massiver um sich tretende "Scars" den Kürzeren, doch die Kernkompetenz von "Midnight champion" liegt ohnehin woanders.

Vor allem in der Kunst, unsanfte Elektronik mit groß auftischenden Riffs und vergletscherte Melancholie mit erhabenen Pop-Momenten zu versöhnen. Weite Teile dieses Albums stehen dem Spätwerk von Depeche Mode oder der zwischen sperrig und eingängig oszillierenden Progressivität von Archive oder neueren Ulver nämlich näher als Heavy Metal oder Electronic Body Music, zumal Björgvinsson stets betont, mit Letzterer sowieso wenig am Hut zu haben. Mit etwas Fantasie könnten die rührende Sterblichkeitsklage "Gravestone", das mit abstraktem Techno kumpelnde "Liquid rust" und das so weitschweifige wie weißglühende Titelstück sogar in dem veganen Restaurant laufen, das der Frontmann in Reykjavik betreibt. Oder wenigstens auf einem Gnadenhof für malträtierte Einhörner – nach diesem Meisterwerk werden ihre Augen glitzern. Ganz bestimmt.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Cryptid
  • Time to suffer
  • Adrift
  • Midnight champion

Tracklist

  1. Cryptid
  2. Frostbite
  3. Time to suffer
  4. Adrift
  5. Captive
  6. Midnight champion
  7. Scars
  8. Liquid rust
  9. Gravestone
  10. Children of the elements

Gesamtspielzeit: 59:26 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Lars
2018-01-06 03:02:04 Uhr
Ich trauere immer noch den genialen Dredg-Erstlingen hinterher.... und siehe da, bei dieser (Zu recht als solche gehighlightete) Perle, kommen so manche Dredg Momente auf.

Herzlichen Dank für das Aufmerksammachen....

Armin

Postings: 12904

Registriert seit 08.01.2012

2018-01-03 21:41:06 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert als "Vergessene Perle".

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