Idles - Brutalism

Idles- Brutalism

Balley / Cargo
VÖ: 30.06.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Britain's not dead

So manch einer hat am Morgen des 24. Juni 2016 sein Smartphone, sein TV-Gerät oder den Konversationspartner – wer auch immer Übermittler der unglaublichen News war – ziemlich blöd angeschaut: Auch rückblickend erscheint der "Brexit", der den Austritt des UK aus der EU beschreibt und der nach dem Referendum vom 23. Juni tatsächlich Realität wurde, weiterhin suspekt. Nicht nur für viele Menschen in Großbritannien. Auch, weil dieser Paukenschlag das erste beängstigende Resultat des schleichenden, politischen Transformationsprozesses durch den national-konservativen Populismus war, dessen Wortführer mit Fremdenfeindlichkeit und Meinungsmache agieren statt mit Fakten, und der trotzdem – oder gerade deswegen – immer mehr Früchte trägt.

Von vielen Heimatverfechtern gefeiert, hat der Kater des Unumstößlichen nach dem Aufwachen mindestens ebenso vielen Briten Kopfschmerzen bereitet. Resultat: Unverständnis, Unbehagen und Wut, die sich lange zuvor bereits aufgestaut hatte. Wut über dreiste Lügen, über die immer sichtbarer zutage tretenden, unsozialen Gebaren des Neoliberalismus auf der Insel, über korrupte Politiker und ungezügelten Lobbyismus. Wut, die ein Ventil braucht: Wer im Jahr 2017 ähnlich gesinnt war und den passgenauen Soundtrack suchte, um bei einem Spaziergang den doppelten Mittelfinger suchte, kam um Idles aus Bristol nicht herum.

"Mother" ist der Hit, der einen in "Brutalism", diese Bestie von Debütalbum, eintauchen lässt, der die moderne Ausbeutung der Arbeiterklasse auf den Punkt bringt: "My mother works 16 hours / 6 days a week." Und der die unwiderstehliche DNA dieser Band prima einfängt: wenn ein rumpelndes, wuchtiges Schlagzeug in stoischem Takt den Garagenstaub aufwirbelt, der sich zugleich auf destruktiv-düstere Gitarrenwände legt. Wenn all das auf den zynischen Habitus trifft, den Sänger Joe Talbot charmant wie einst Eddie Argos in den Nacken seiner Hörer pustet: "The best way to scare a Tory / Is to read and get rich." Britischer Humor? Natürlich staubtrocken.

"Brutalism" aber ist vielmehr ein gar nicht mal lustiges, nur dem bitteren Ernst der Realität der englischen Gesellschaft geschuldetes Tagebuch, das nicht viele Textzeilen braucht, um heftig vor den Kopf zu stoßen. Idles deuten ihre Beobachtungen skizzenhaft an, zeichnen unvollständige Bilder, doch kotzen sich dabei mächtig aus. Über neuen Rassismus, über das alternativlose Mantra des Wirtschaftswachstums. Oder zeichnen Schicksale eines kaputt gesparte n Gesundheitssystems, schildern ungeschminkt den Frust im Alltag, der regelmäßig in Kneipenschlägereien münzt und lästern im brutal sarkastischen "Well done" über in Stein gemeißelte gesellschaftliche Zwangsauflagen: "Why don't you get a job? / Why don't you get a degree!? / Why don't you win a medal!?"

Was der moderne Post-Punk von den Genre-Pionieren der späten Siebzigern gelernt hat, ist der Umstand, dass sich Revolutionen nicht nur mit Kompromisslosigkeit, sondern wie im Falle der Hits "Date night" und "Rachel Khoo" auch mittels Tanzbarkeit ausrufen lassen. Klar, all das, was Idles auf "Brutalism" liefern, ist musikalisch wie thematisch keineswegs neu, und inhalltich durchaus auch Gegenstand der öffentlichen Debatte. Aufgeladene Zeiten wie diese jedoch brauchen ein solches Album in just dieser ungeschminkten Form, mit gezielten Provokationen und musikalischen Faustschlägen, die die Menschen wachrütteln und aus ihrer längst auch selbstverwalteten Lethargie reißen sollen. "Brutalism" zeigt nicht nur an dieser Stelle eindrucksvoll: Punk's not dead!

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Well done
  • Mother
  • Date night
  • Rachel Khoo

Tracklist

  1. Heel / Heal
  2. Well done
  3. Mother
  4. Date night
  5. Rachel Khoo
  6. Faith in the city
  7. Divide & conquer
  8. 1049 Gotho
  9. Stendhal syndrome
  10. Exeter
  11. Benzocaine
  12. White privilege
  13. Slow savage

Gesamtspielzeit: 41:47 min.

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2018-01-09 15:49:44 Uhr
Immer noch eine meiner Lieblingsplatten 2017.
Messer Jockel
2018-01-09 07:40:32 Uhr
Neben Pardoner und Protomartyr das beste Album des Jahres!

MasterOfDisaster69

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2018-01-05 10:53:16 Uhr
better late than never !
Meinung
2018-01-04 22:57:55 Uhr
Es wurde Zeit !

Armin

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2018-01-03 21:40:42 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert als "Vergessene Perle".

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