The Courtneys - II

The Courtneys- II

Flying Nun / Cargo
VÖ: 17.02.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

The not so lost girls

Es gibt ein paar wenige Momente in Joel Schuhmachers "The lost boys" – einer Achtzigerjahre-Kultkomödie mit Vampiren, Teenie-Romanzen und einem nach Billy-Idol-Rip-Off aussehenden Kiefer Sutherland –, in denen der Film bei all seinem Quatsch und Kitsch echtes emotionales Gewicht und einen ernsten Zugriff auf seine Charaktere zu haben scheint. Das ist hier nicht nur deshalb relevant, weil The Courtneys auf ihrem passend betitelten zweiten Album "II" einen direkten Bezug zu dem Film herstellen, sondern gerade auch, weil dieser kleine cineastische Exkurs als Schablone für ihr Werk selbst dienen kann. Einen etwas komischen Humor haben die Kanadierinnen auf jeden Fall. Tatsächlich gibt es in der Band nur eine einzige Courtney und ein erster Blick auf Tracklist und Lyrics enthüllt allerlei nerdige Filmreferenzen und Songs über Eisenmangel und Alien-Entführungen. Und auch der Musik, diesen als Lo-Fi-Rock getarnten Power-Pop-Hymnen, scheinen Sonne und Spielfreude so sehr aus dem Gesäß, dass irgendeine Form von weiterem Tiefgang überhaupt gar nicht dahinter stecken kann. Oder?

"And nothing you say / And nothing you do / Can stop me from thinking about you", schmettert Sängerin und Drummerin Jen Twynn Payne im zu Beginn lospolternden "Silver velvet", ein Refrain, der laut und schief auf sonnigen Cabrio-Fahrten mitgegrölt werden muss und trotzdem schnörkellos offenbart, dass "II" in seinem Kern ein Herzschmerz-Album ist. "I never wanted you to go / But you had to", heißt es weiter in "Minnesota", in "Country song" zweifelt Payne dann an sich selbst: "I know I'm going but I don't know when." Zugegebenerweise ist all die Melancholie aufs erste Ohr aber noch kaum wahrnehmbar, denn wo es inhaltlich um Unsicherheiten und wechselhafte Gefühle geht, ist die Musik immer erstaunlich fokussiert und direkt. Nicht nur ist ungefähr jeder der zehn Songs ein mitreißender, unglaublich dynamischer Ohrwurm – auch wenn sich etwa das fast siebenminütige "Lost boys" in einem instrumentalen Rausch ergeht, verliert sich dieser nie in sich selbst, bleibt tight im Aufbau und hält die Spannung des Hörers konstant hoch.

Ohnehin ist das Album auch musikalisch so viel mehr als die etwas kratzbürstigere Version von Best Coast, die es aufs erste Ohr noch zu sein scheint. "II" hat ein Bein im Stadion, eins im Punk, mindestens einen kleinen Finger im Krautrock und den Kopf sowieso ganz woanders. Die Ästhetik hat viel von Neunzigerjahre-Grunge und Spät-Achtziger-Indie – es ist sicher kein Zufall, dass The Courtneys als erster ausländischer Act überhaupt vom legendären neuseeländischen Label Flying Nun, der Heimat von unter anderem The Clean und The Bats, gesignt wurden. Doch kanalisieren sie ihren DIY-Geist durch einen unwiderstehlichen Pop-Appeal. Das ist deshalb so faszinierend, weil es verbindet, was eigentlich nicht zusammenpasst. Songs wie "Minnesota" oder "Virgo" leben vom Kontrast von Courtney Garvins dreckig verzerrten Fuzz-Gitarren und Sydney Kokes punkigen Bassläufen zu Paynes melodieverliebten cleanen Vocals, die manchmal wie aus einer komplett anderen Band gerissen wirken.

So bewahrt sich "Iron deficiency" trotz kantigem Post-Punk-Gerüst und Sprechgesang stets seine Eingängigkeit, während "Mars attacks" seine Androhungen extraterrestrischer Invasoren in Cheerleader-Shouts verpackt. Und dann ist da noch "Tour", jene noch ein bisschen heller als alle anderen funkelnde Songperle, in der Payne begleitet von sonnendurchtränkten Riffs von Roadtrips singt, endlos, repetitiv und doch zu jedem Zeitpunkt so voller Bedeutung und Lebensfreude, was die Seele ihrer Band perfekt auf den Punkt bringt. "II" beweist mit seinem gleichermaßen rastlosen wie nachdenklichen Esprit eindrucksvoll, dass sich hinter simplen Ansätzen oft mehr verbergen kann, als man zunächst vermutet, und erschafft damit ein zeitloses Meisterwerk, das hoffentlich genauso lange überdauert wie die Filme, auf die es verweist. Zur Not verkleidet sich halt eine der drei Damen als Billy Idol.

(Marvin Tyczkowski)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Silver velvet
  • Tour
  • Lost boys
  • Mars attacks

Tracklist

  1. Silver velvet
  2. Country song
  3. Minnesota
  4. Tour
  5. Lost boys
  6. Virgo
  7. 25
  8. Iron deficiency
  9. Mars attacks
  10. Frankie

Gesamtspielzeit: 38:25 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Kleener Kommunist
2018-01-07 14:39:19 Uhr
hab grade reingehört, nicht schlecht, aber fand den alten sänger besser und not nineteen forever bleibt bestes !

saihttam

Postings: 1088

Registriert seit 15.06.2013

2018-01-04 00:33:08 Uhr
Nice! Vorhin noch gehört. Das macht unfassbar viel Spaß.

Armin

Postings: 12379

Registriert seit 08.01.2012

2018-01-03 21:39:55 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert als "Vergessene Perle".

Meinungen?
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Threads im Plattentests.de-Forum