Nabihah Iqbal - Weighing of the heart

Nabihah Iqbal- Weighing of the heart

Ninja Tune / GoodToGo
VÖ: 01.12.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Friday on her mind

Schluss mit sauber: Nabihah Iqbals Alias Throwing Shade ist Vergangenheit – und damit auch das klangliche Reinraumlabor, dem ihre bisherigen EPs entsprungen schienen. Deren stimmige kleine Tracks drückten sich mit subtilen Statements auf fragmentierten synthetischen Samtpfötchen durch die Hintertür und beliehen sowohl die Strenge von Fatima Al Qadiri als auch FKA Twigs’ Laszivität – doch Titel wie "Hashtag IRL" oder "Pure life" zeigten es an: Die studierte Historikerin und Anwältin mit eigener Radiosendung giert nach Realität, statt sie bloß virtuell anzumahnen. Schließlich gibt es auch genügend organische Musik da draußen, mittels derer man im Beach House der Pure Bathing Culture frönen kann, während Anne Clarks "Our darkness" läuft. Nicht umsonst postuliert die Londonerin auf ihrem ersten Longplayer "Something more".

Genauer gesagt auf der ersten Single aus "Weighing of the heart" – diese steht exemplarisch für ihre Umorientierung Richtung gedämpfte Shoegaze-Licks und Songstrukturen, die vom digitalen Häcksler verschont bleiben. Mutwillig simpel gestaltet sich das Ganze trotzdem nicht: Evoziert die präzise Gitarre noch zuweilen The xx' aufs Allernötigste heruntergehungerten Minimalismus, wirft Iqbal schon bald eine verquer pumpende Rhythmusmaschine an, die keiner an einen handelsüblichen Groove gebundenen Gesetzmäßigkeit gehorcht. Ihre Stimme haucht dazu aus dem gleichen Nebelparder-Reservat hinüber wie die sirrenden Flächen, die dieses sacht kämpferische Prachtstück unterfüttern. Dass im instrumentalen Opener "Eden piece" noch ein altes Humpel-Klavier in der guten Stube stand, hat der Hörer da beinahe schon vergessen.

Einer der zahlreichen Sprünge, die Iqbal vollführt, wobei freudig aufgeregtes Machenwollen und oft an Post-Punk, Krautrock und Artverwandtem geschulte, stilistische Umsicht sich charmant die Waage halten. Weben "Saw you twice" und "New new eyes" ein düsterlich stromgeklampftes, feinmaschiges Indie-Netz, muss man jederzeit auch mit gedrückten Miniaturen wie "Alone together" oder "Slowly" rechnen, die den von Ambient und Dubstep geprägten Background der Britin widerspiegeln. Und es spricht nur für dieses äußerst reizvoll aufgefächerte Album, wenn das grandiose "In visions" in keine dieser Kategorien passen will. Die Handclaps sind hier nicht etwa Vorboten zäher Ethno-Pampe, sondern der Auftakt eines hinreißend ohrwurmigen Dream-Pop-Klopfers mit zwei Köpfen in den Wolken: "Together we share the vision of a dream." Ja bitte.

Aber auch Iqbal muss damit leben, dass die Wirklichkeit anders aussieht – und knallt im Club-infizierten "Zone 1 to 6000" nahezu schutzlos an sie heran. Unsanft rollende Beats, Neonröhren-Keyboard und plötzlich bis ans schwere Herz kühler Sprechgesang wickeln die desillusionierte urbane Poesie einer Kate Tempest in einem nur notdürftig wattierten Electro-Track ab, der Freitagnachmittag und Wochenende mit den Worten "From this life into the next / We're all just trying to make it through" herbeisehnt. Und mag ihr matt resümierendes "It's always work and never love" noch so ernüchternd wirken – Iqbal bleibt standhaft und pocht gegen Ende ausgerechnet mit forscher New-Wave-Eisigkeit auf die "Eternal passion". Bei Arbeit, Liebe und einer trostreichen, innerlich strahlenden Meisterleistung wie dieser. Ab nächsten Freitag wird mitgepocht.

(Thomas Pilgrim)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Something more
  • In visions
  • Zone 1 to 6000
  • Eternal passion

Tracklist

  1. Eden piece
  2. Something more
  3. Saw you twice
  4. In visions
  5. Alone together
  6. Zone 1 to 6000
  7. Feel so right
  8. New new eyes
  9. Slowly
  10. Eternal passion
  11. Untitled Friday

Gesamtspielzeit: 39:28 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
mschl
2018-01-03 14:56:59 Uhr
Hätte super in das Line-Up von 4AD der 90er Jahre gepasst. Allgemein finde ich, dass sich viele Bands und Künstler (bewusst oder unbewusst) am damaligen 4AD-Sound orientieren. Warpaint zum Beispiel. Aber ich mag diesen Sound. Von daher gehe ich völlig ok damit.
Oliver
2018-01-02 22:31:12 Uhr
Geil!
anmerker
2018-01-01 15:52:14 Uhr
klingt sehr gut!

Beerhunter

Postings: 18

Registriert seit 14.10.2013

2017-12-30 11:12:17 Uhr
Wächst enorm, der Sound hat mir aber von Anfang an gefallen. Danke auch.

MM13

Postings: 1419

Registriert seit 13.06.2013

2017-12-24 09:06:57 Uhr
find auch ist noch ein guter tip zum jahresende,danke pt.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Threads im Plattentests.de-Forum