Neil Young - Hitchhiker

Neil Young- Hitchhiker

Reprise / Warner
VÖ: 08.09.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Cocaine blues

Am 11. August 1976 verbrachte Neil Young eine Nacht in den Indigo Ranch Studios in Malibu. Er setzte sich weitestgehend nur mit einer Gitarre ans Mikro und schrammelte ein paar Songs herunter, die er im Verlauf der vorigen Monate geschrieben hatte. Pausen gab es nur für "Gras, Bier und Kokain", so der Kauz in seinen Memoiren – wen wundert's? Das Album sollte der Nachfolger für "Zuma" werden, doch die Plattenfirma spielte dabei nicht mit. Bestenfalls Demos seien das, zu uniform die Arrangements, wo sei denn da bitte die Band? Doch die nächtliche Session verschwand nicht aus der Geschichte, sondern wurde in der Folge zerpflückt und auf den anschließenden Platten veröffentlicht. "Hitchhiker" zelebriert nun diese mehr als 40 Jahre alten Aufnahmen in ihrer ursprünglichen Konstellation und Form. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen.

Young ist es alles andere als fremd, Musik in ihrer rauen Form zu präsentieren. "Hitchhiker" legt jedoch in Sachen Spontaneität und Ursprünglichkeit noch eine Schippe drauf. Falsche Akkorde, klappernde Stühle oder Unregelmäßigkeiten im Gesang – nichts wird verschönert oder nachbearbeitet. Man hört den Einfluss der Drogen in Youngs fragiler Stimme und in seinen Texten, die ähnlich surreal wie mancher Cut von "On the beach" oder "Tonight's the night" aus den vorhergehenden Jahren gestaltet sind. Indianische Geschichte, Kriegsberichte, Marsbewohner, Herzschmerz und halluzinogene Erfahrungen vermischen sich zu kleinen Geschichten. Bemerkenswert, dass die Versionen von "Pocahontas" und "Captain Kennedy" später nur wenig verändert auf "Rust never sleeps" respektive "Hawks & doves" enthalten waren.

Dennoch erscheinen sie in diesem Kontext, mit ähnlich reduziert arrangierten Songs im Gespann, in einem ganz neuen, ziemlich schummrigen Licht. Der gewaltsame Tod des Charakters in "Powderfinger" wirkt nicht nur dank Zeilen wie "Then I saw black / And my face splashed in the sky", sondern zusätzlich durch die spartanische Begleitung noch verstörender. Der energische Titeltrack, erst 2010 auf "Le noise" ans Tageslicht gebracht, verliert sich derweil in einem Roadtrip aus Drogen, Geschwindigkeit und Paranoia. Zwei Songs sind außerdem zum ersten Mal auf einem Neil-Young-Longplayer enthalten. Das äußerste einprägsame "Hawaii" lebt von seiner brüchigen Intonation des Titels im Refrain, "Give me strength" rafft sich hingegen sentimental dazu auf, eine Liebe im Rückspiegel zurückzulassen: "Give me strength to move along / Give me strength to leave my sweetheart."

Bis "The old country waltz", das einzige Stück mit Klavierbegleitung, verklungen ist, nimmt "Hitchhiker" den Hörer als Zeitmaschinen-Trip zu einem denkwürdigen Moment in Youngs Hochphase gefangen. Es spricht für sein Talent, dass die Songs trotz wenig variabler Instrumentation vom Songwriting und dem unperfekten, aber eindringlichen Vortrag leben können. "A little cocaine goes a long, long way" singt er und man mochte angesichts der substanzschwangeren Atmosphäre zustimmen. "Hitchhiker" deckt nur eine spezifische Facette des Kanadiers ab, tut dies aber auf eine Weise, die auch langjährigen Fans eine interessante Entdeckung wert sein sollte. Oberflächlich kaputt, darunter weise und humorvoll zugleich. Dass weniger mehr sein kann, wusste Young schon damals längst.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Pocahontas
  • Hawaii
  • Campaigner

Tracklist

  1. Pocahontas
  2. Powderfinger
  3. Captain Kennedy
  4. Hawaii
  5. Give me strength
  6. Ride my llama
  7. Hitchhiker
  8. Campaigner
  9. Human highway
  10. The old country waltz

Gesamtspielzeit: 33:41 min.

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Armin

Postings: 12379

Registriert seit 08.01.2012

2017-12-20 20:50:00 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Mr Oh so

Postings: 1183

Registriert seit 13.06.2013

2017-08-08 23:23:56 Uhr
Oho.

Armin

Postings: 12379

Registriert seit 08.01.2012

2017-08-08 18:34:16 Uhr - Newsbeitrag
NEIL YOUNG veröffentlicht verschollenes Album 'Hitchhiker' am 08. September – erster gleichnamiger Song zu hören

Dieses Archiv scheint schier unendlich zu sein. NEIL YOUNG öffnet einmal mehr die Pforten zu seiner Sammlung und veröffentlicht am 08. September das bisher als verschollen geltende Album 'Hitchhiker'. 1976 in nur einer einzigen Session in den Indigo Studios in Malibu aufgenommen, ist 'Hitchhiker' ein reines Akustik-Soloalbum. Produziert wurde das 10 Songs lange Werk von Freund und Wegbegleiter David Briggs.

'Hitchhiker' gilt als verschollenes Album, das zwischen 'Zuma' und 'American Stars and Bars' eingespielt und aufgenommen wurde. YOUNG ist hier alleine mit seiner Gitarre zu hören und beweist, wie eindringlich und kraftvoll diese reduzierte Kombination sein kann. Ein Video gibt es nicht, aber einen ersten Höreindruck.

Image Label





Tracklist ‘Hitchhiker’:

Side One: Side Two:

1. Pocahontas 1. Ride My Llama

2. Powderfinger 2. Hitchhiker

3. Captain Kennedy 3. Campaigner

4. Hawaii 4. Human Highway

5. Give Me Strength 5. The Old Country Waltz

Felix H

Postings: 2793

Registriert seit 26.02.2016

2017-05-29 10:16:04 Uhr - Newsbeitrag
"Verlorenes Album" von 1976 wird wohl am 14.7. erscheinen.

01 “Powderfinger”
02 “Hold Back The tears”
03 “Human Highway”
04 “Hitchhiker”
05 “Ride My Llama”
06 “Lookout For My Love”
07 “Lotta Love”
08 “Fontainebleau”
09 “Campaigner”

Quelle
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