Jim James - Tribute to 2

Jim James- Tribute to 2

ATO / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 08.12.2017

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ach, der Seufzer, die Zeit ...

Manchmal fühl' ich mich traurig, singt er. Finde nichts, worin ich mein Herz, meine Seele packen möchte. Ich suche weiter nach einem Ort, an den ich passe, wo ich sagen kann, was mir eben einfällt, singt er. Ich plage mich ab, weiterhin, die Menschen zu finden, die ich nicht zurücklassen werde, singt er. Und dieser Er ist Jim James, der sich mal eben solch elendige Worte borgt, die von einem bereits tief nach unten gerichteten, depressiven Brian Wilson stammen. "I just wasn't made for these times" heißt der Song, auf "Pet sounds", dem Opus der Beach Boys, war er zu hören. Ein Song über das Gefühl, sich selbst ein wenig, den anderen noch stärker fremd zu sein. Wie aus einer anderen Zeit gefallen ins Jetzt; in den falschen Moment verfrachtet. Früher war es besser, wäre es auch diesem lyrischen Ich besser ergangen. Meint es zumindest. Stärker lässt sich über den Zeitgeist nicht mehr lamentieren, was insofern passt, weil "Tribute to 2" ein auf Albumlänge gedehnter, tiefer Seufzer ist. Der holt im frühen 20. Jahrhundert aus, bis er im Jetzt ausgestoßen wird. Ach.

Und wer da seufzt ist eben Jim James, der schon bei My Morning Jacket eine Art als Hofnarr verkleideter Musikhistoriker ist, solo aber nochmal übertreibt. Songs von Sonny & Cher, Ray Noble & Al Bowlly, Willie Nelson, Bob Dylan sind zu hören, auch Irving Berlin wird kurz angespielt. Was mit diesen wohlbekannten Klassikern schon sehr nostalgisch gerät. Aber James dreht die Nostalgie bis zum Fetisch auf. Die Frisuren, der Sound, der Frohsinn, auch ein wenig die Geschichte, die sich immer in alten Songs spiegelt – interessiert ihn wenig bis garnicht. Gemächlich treibt er voran, mit ganz ephemeren Harmonien, samtenen Klaviernoten, selbst die Aufbruchstimmung in "I'll be your baby tonight" ist nicht ernst zu nehmen, für den Koitus ist hier sowieso jeder zu lädiert und die Klangchiffren von "Blue skies" müssten erstmal ausgepackt werden. James unterzieht die Songs einer andauernden Reduktion, verlangsamt sie, bis sie nach und nach nackt, dann nur noch mehr oder minder aussagekräftige Skelette ihrer Selbst sind. Vom Original bleiben Songtext und Grundmelodie.

Das meditiert dann, wie in "Lucky man" mit Flöten vor sich hin oder sucht sich selbst in "Crying in the chapel". Einbalsamiert, eingelullt, besänftigt, beruhigt, auskuriert von aller Hektik der Neuzeit und auch ein wenig befriedet von und mit sich selbst. James dreht sich in elf Songs um sich. Er ist die Mitte. Keine mutige, also von wegen Salvador Dalí, auf den er ganz deutlich anspielt, wenn er auf dem Plattencover den Schnurrbart zwirbelt, als wäre er ebenso verrückt und konfus. Aber das pausiert alles. Das Retrospiel, das er sonst auch mit My Morning Jacket betreibt, also dass zitiert und verwiesen wird, auch mal auf verschütt gegangene Gegenkultur, wird dabei nichts-sagend. James hat seine eigene Andersartigkeit standardisiert. Einen James-Klangfilter, der hier angewendet wird, und aus "Tribute to 2" eine Ansammlung von netten Hommagen, aber eben keinen Neuinterpretationen liefert. Die Originale stehen für sich, besser lernt sie niemand durch diese Versionen kennen. Und auch Jim James bleibt verborgen hinter seiner eigenen, nebulösen Art.

Allenfalls über seinen Musikgeschmack darf ein wenig gelernt werden. Was aber – so die Songauswahl – auch kein extravaganter oder abseitiger ist. Hatte er auf dem Vorgänger "Tribute to" nur Beatles-Songs, ist es hier eben eine Mischung. Tief blicken lässt die nicht. Und einem Geschmackskonsens kommt die auch nahe. Wo wir ein wenig bei dieser existenzialistischen Krise wären, die gecoverte Songs an und für sich haben. Was wollen sie? Wer braucht sie? Wo führen sie hin? Spielt eine freakige Jazzband mal eben "Smells like teen spirit", schnürt sie daraus eine nimmersatte Suada, die sich in alle Richtungen ausbreitet, dabei bloß nicht auf den Punkt kommt, der Nirvana-Verweis hilft letztlich nur den Hörern, nicht völlig die Orientierung zu verlieren und ist gleichzeitig die Stütze der Jazzband, sich langsam zu enthemmen. Singt ein Thomas Quasthoff "Atemlos durch die Nacht", füllt er den leeren Song und den leeren Text mit Bedeutung und Kunstfertigkeit und macht sich gleichsam darüber lustig. Jim James hat sich hingegen Songs gesucht, die im Original schon ziemlich gut sind, um sie eben auf seine Art einzuspielen, die Fans mittlerweile kennen. Und in diesem Immergleichen ist das: Arm an Überraschungen, dabei aber grundsolide. So, dass es für den nächsten Seufzer reicht, der jedoch ausbleibt, weil auch die Pointe dieses Albums, lässt weiter auf sich warten ...

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • I just wasn't made for these times (The Beach Boys)
  • Love is the sweetest thing (Ray Noble & Al Bowlly)
  • I'll be your baby tonight (Bob Dylan)

Tracklist

  1. I just wasn't made for these times(The Beach Boys)
  2. Baby don't go (Sonny & Cher)
  3. Wild honey (Diane Izzo)
  4. Midnight, the stars and you (Ray Noble & Al Bowlly)
  5. Crying in the chapel (The Orioles)
  6. Funny how time slips away (Willie Nelson)
  7. Love is the sweetest thing (Ray Noble & Al Bowlly)
  8. I'll be your baby tonight (Bob Dylan)
  9. Lucky man (Emerson, Lake & Palmer)
  10. The world is falling down (Abbey Lincoln)
  11. Blue skies (Irving Berlin)

Gesamtspielzeit: 41:04 min.

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Armin

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2017-12-20 20:47:01 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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