Eminem - Revival

Eminem- Revival

Interscope / Universal
VÖ: 15.12.2017

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Relikt

Die Welt ist ein gnadenloser Ort. Eminem weiß das. Er hat sich vom Trailerpark in den Madison Square Garden gekämpft. Er hatte die Welt bei den Eiern. Damals. Als "The Marshall Mathers LP" erschien, war der schmächtige Rapper aus Detroit für kurze Zeit der größte Popstar des Planeten. Alles passte: Die furztrockenen Beats von Dr. Dre, das Image des psychotischen Hallodri, die nackenbrecherischen Raps. Doch schon mit "The Eminem show" begann das gerade erst errichtete Denkmal zu bröckeln. Der Irrsinn wich einer immer dröger werdenden Pampe aus Selbstmitleid und Wehleidigkeit. Die Beats wurden poppiger, die Refrains pappiger. Als dann die Sucht das Ruder in Eminems Leben an sich gerissen hatte, schien das Thema durch zu sein. "Wieder so ein Star, der binnen kürzester Zeit verglüht ist", schrieben die Gazetten. Doch Mathers stand auf. Er kämpfte sich zurück ins Licht der Öffentlichkeit und kassierte für "Relapse" und "Recovery" herablassende bis hämische Kritiken. Aber er machte weiter und mit der clever kalkulierten Fortsetzung von "The Marshall Mathers LP" keimte schließlich doch noch Hoffnung auf. Eminem brannte wieder, zumindest ein bisschen.

Übriggeblieben ist davon im Jahr 2017 ein rauchender Haufen Asche namens "Revival". "Revival" ist ein Album, das mit fortschreitender Spielzeit immer fassungsloser macht. Was will er? Wohin will er? Und warum passt hier nichts zusammen? Doch der Reihe nach: Eminems erneutes Comeback beginnt mit "Walk on water", einer getragenen Pianoballade. Beyoncé gibt sich alle Mühe, den Refrain so pathetisch wie möglich klingen zu lassen, während Eminem seiner Bitterkeit freien Lauf lässt. Das Ringen mit der zunehmenden kulturellen Irrelevanz der eigenen Person als Einstieg zu wählen, ist eine fragwürdige Entscheidung. Anders gesagt: Der Eminem von 2002 hätte sich über so einen Opener zu Recht lustig gemacht. Nun muss ein 45-Jähriger selbstverständlich nicht olle Kamellen aufwärmen. Jede künstlerische Entwicklung hin zu einem reiferen Musiker sei ihm vergönnt. Doch "Walk on water" zeigt prismenhaft, was im Hause Mathers schiefläuft: Selbst- und Fremdbild passen nicht mehr zusammen.

Dabei wäre die Zeit günstig für einen Gift und Galle spuckenden "Rap god". Im Weißen Haus sitzt ein grenzdebiler "Präsident", während sich die Kluft zwischen Arm und Reich im Land von Tag zu Tag vertieft. Die Nation streitet über Waffengesetze und Gesundheitsreformen, während die Zahl der Toten durch Schießereien und Drogen immer weiter steigt. Schon das Artwork von "Revival" zeigt, dass Eminem durchaus gewillt ist, sich dieser Themen anzunehmen. Aber was in Form eines Freestyle-Disstracks noch passabel funktionierte, geht im Studio gnadenlos in die Hose. In "Untouchable" erzählt der ehemalige "Slim Shady" aus wechselnden Perspektiven über den Hass zwischen Schwarz und Weiß und zeichnet ein düsteres Gemälde der Gesellschaft in "God's own country". Der Teufel steckt jedoch im Detail: Musikalisch ist "Untouchable" ein Zwitterwesen aus Rock und Rap, wobei keiner der Parts wirklich überzeugen kann. Und Eminems Style hat sich leider nicht zum Besseren entwickelt: Mit deutlich tieferer Stimme als früher reiht er zwar teils eindrucksvolle Reimketten aneinander, sein Flow wirkt aber meist abgehackt und artifiziell.

Das ist traurig, war es doch gerade sein Flow, der den MC einst aus der Masse ragen ließ. Technisch ist Eminem noch immer ein äußerst versierter Rapper, seine Texte weisen komplexe Vokalstrukturen und Reimschemata auf. Weshalb er allerdings an den unpassendsten Stellen Pausen einlegt oder manche Wörter komplett gegen ihre natürliche Betonung zerdehnt, bleibt sein Geheimnis. Mit "Like home" befindet sich noch ein weiterer dezidiert politischer Song auf dem Album, wobei hier Alicia Keys in einer heillos überfrachteten Hook gegen die Anti-Trump-Tiraden ihres Kollaborationspartners ansingen darf. Der Wille zur klaren Kante ist erkennbar, nur gehen die Punchlines ins Leere. Eminem wirkt auf weiten Strecken inhaltlich überfordert, was in Verbindung mit dem konfusen Instrumental den Song zum Rohrkrepierer werden lässt.

Doch nicht alles ist schlecht auf "Revival". "River" ist beispielsweise ein durchaus gelungener Song über eine Dreiecksbeziehung, in dem der unvermeidliche Ed Sheeran einen hübschen Refrain beisteuert. Aber will man einen hübschen Ed-Sheeran-Refrain auf einem Eminem-Album hören? Und wann kommt endlich das Slayer-Feature des englischen Schmusebarden? Eine Frage, die "Revival" natürlich nicht beantworten kann. Stattdessen zeigt Mathers auf "Chloraseptic", dass er noch das Rezept zum Banger kennt, wenn man ihm die richtigen Zutaten bereitstellt. "Offended" hingegen offenbart das eigentliche Problem des Eminem im Jahr 2017: Rappen kann er wie kaum ein Zweiter, und Zoten reißen ebenso. Aber all die Rhythmuswechsel helfen nichts, wenn die musikalische Untermalung klingt, als hätte sie der Praktikant mit der Demo-Version von FL Studio zusammengeklickt.

Eminem entwickelt sich zu einer tragischen Figur. Er weiß das. Doch die eigentliche Tragik liegt darin, dass er nichts dagegen unternehmen kann. All die halbgaren Halbballaden und rumpeligen Selbstbeweihräucherungen, die den Großteil von "Revival" ausmachen, sind erschreckend ideenarm produziert und stellenweise unfreiwillig komisch. Wer auch immer auf die Idee kam, "I love Rock'n'Roll" als Basis für "Remind me" zu nehmen, möge in der Hölle schmoren, um dort in Endlosschleife das "Zombie"-Sample aus "In your head" zu hören. Der große Provokateur ist zu einem Relikt einer verbleichenden Ära der Popkultur geworden. Eines Tages wird er vielleicht aufhören, sich selbst so verdammt ernst zu nehmen und entspannter auf sich und die Welt blicken können. Bis dahin gilt: Das Bittere an Eminems Karriere ist, dass sie wahrscheinlich so verlaufen musste.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Chloraseptic (feat. Phresher)
  • River (feat. Ed Sheeran)

Tracklist

  1. Walk on water (feat. Beyoncé)
  2. Believe
  3. Chloraseptic (feat. Phresher)
  4. Untouchable
  5. River (feat. Ed Sheeran)
  6. Remind me (intro)
  7. Remind me
  8. Revival
  9. Like home (feat. Alicia Keys)
  10. Bad husband (feat. X Ambassadors)
  11. Tragic endings (Skylar Grey)
  12. Framed
  13. Nowhere fast (feat. Kehlani)
  14. Heat
  15. Offended
  16. Need me (feat. P!nk)
  17. In your head
  18. Castle
  19. Arose

Gesamtspielzeit: 77:33 min.

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User Beitrag
ja
2018-07-01 22:39:59 Uhr
ja - und?
@sowas ?
2017-12-30 17:29:03 Uhr
ja und? eminem hat das doch selbst gesagt: "i feel like checking out on life for being white..."
...
2017-12-30 00:13:33 Uhr
oder halt der kommentar zu lil peep
sowas ?
2017-12-30 00:10:37 Uhr
"eminem hasst sich laut eigener aussage dafür, dass er "weiß" sei und er fühlt sich, als würde er sich vom leben abmelden...ich meine, wie durch ist dieser typ? sollte vielleicht mal auf die couch gehen."

Kann man natürlich sagen ist doch nicht so gemeint und ist doch nur spass und sich daran zu stören wäre übersensibel. Ich finde halt bei so nem Thema sollte man halt übersensibel sein, hängen halt im schlimmsten fall Leben dran.

Felix H

Postings: 2793

Registriert seit 26.02.2016

2017-12-29 17:31:43 Uhr
Schon krass wie stigmatisierend hier darüber geschrieben wird das er andeutet das er Suizidgedanken hat.

Wo wurde das denn im Thread so gesagt?
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