Mavis Staples - If all I was was blac

Mavis Staples- If all I was was blac

Anti / Epitaph / Indigo
VÖ: 17.11.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Wenn niemand hören mag ...

Wenn niemand hören mag, wenn niemand hinschaut, wenn es niemanden zu kümmern scheint – wie schaffst Du es, dass sie doch hören, dass sie doch erkennen, sich endlich mehr als einen Dreck scheren? Ja, wie? Das hat sich auch Mavis Staples gefragt. In den 60ern zog sie noch mit Martin Luther King um die Häuser; beide führten die amerikanische Bürgerrechtsbewegung an. Auf dass sich endlich etwas ändern mag. Und zwar so richtig, kämpferisch, anklagend, tobend. Und eine Zeit lang, die nun nur wie das kurze Glimmen eines Streichholzes wirkt, war es auch so: Amerika bewegte sich, in die richtige, bessere Richtung, in der Hautfarbe, Herkunft undsoweiter doch endlich nichts mehr bedeuten müssen. Aber jetzt?

Die Welt liegt brach und Staples leidet, wehklagt. Dabei möchte sie den großen blonden Elefanten, der im Raum steht, garnicht erst benennen (Spoiler: Trump) und auch das Problem, der grassierende Rassismus, ist ihr als Begriff viel zu abstrakt, um zu erklären, worum es eigentlich geht: "A little bit too high / A little bit too low / A little bit out of line / And my baby won't make it home", murrt sie in "Little bit", dem Eröffnungsstück ihres neuen Albums "If all I was was black". Ja, ein wenig zu groß, ein bisschen zu klein, ein wenig anders und schon wird es mein Baby nicht mehr nach Hause schaffen. Und es passiert noch zu oft, viel zu oft, dass die Polizeigewalt sich beliebig gegen Schwarze richtet. Und die Fußmatte vor der Haustür von vielen nicht mehr betreten wird.

Staples wird nicht larmoyant, auch nicht, obwohl sich all der Hass und die Gewalt nur wiederholen und man meinte, ein halbes Jahrhundert müsse doch endlich dazu führen, dass die elendigen Vorurteile und diese Arroganz, dieses unbegründete Gefühl, anderen gegenüber besser gestellt zu sein, einfach nur so, von Geburt aus, enden. Aber Staples hält nichts von Vorwürfen, von Gehässigkeiten, von Belehrungen. In diesen zehn neuen Songs, allesamt von Wilcos Jeff Tweedy geschrieben, komponiert, mit kleiner Indie-Band eingespielt, macht sie Gefühle plastisch. Wie es sich anfühlt, getreten zu werden, wie es sich anfühlt, beschmutzt zu werden, missachtet. Und das ist stark, gerade, weil Staples auf ihre besondere, sanfte Art auf Empathie aus ist, ohne zu schreien.

Musikalisch ist auf "If all I was was black" einiges vom typischen Wilco-Sound zu hören, der mit vielen Weichzeichnern gefertigt wurde, sehr gediegen voranschreitet, den Rock pointiert, ein wenig Country dazu mischt. Im Kern ist es aber Soul und Gospel, den Tweedy in der Produktion stark konzentriert, somit auch ein wenig die Wucht nimmt, was weit besser zu Staples' Botschaft passt: Fühlt doch mal mit. Denkt doch mal nach. Und da reichen solche Episoden, wie die oben geschilderte aus "Little bit", aber auch, wie Staples um die eigene Befangenheit weiß, in "Try harder": "I gotta live in forgiveness / We gotta give each other hope / Cause there's evil in the world / And there's evil in me." Sie kann vergeben, sie kann Hoffnung teilen und ist auch nicht unfehlbar.

Das, obwohl sie mit 78 Jahren über allen Dingen zu stehen scheint. Was soll da noch kommen? Und dass sich die Wut und Hetze wiederholen, ist, gerade der Wiederholung wegen so ermüdend und lächerlich bescheuert. Dabei verhält es sich wie im Titelsong: Der hätte auch weit hymnischer, staatstragender geraten können, mit vielen Ausrufezeichen und Fingerstupsern, entspannt sich aber lieber, während Tweedy an der E-Gitarre gniedelt. Im Duett treffen sie sich noch. "Ain't no doubt about it" zieht die Nostalgie in den Western-Flair, bevor "We go high" noch Michelle Obama zitiert: "If they go low / We go high." Wie sich in den letzten Monaten zeigte, hat eben dieser Hochmut dazu geführt, dass sich einige abgehängt fühlten. Insbesondere die weiße Unterschicht Amerikas. Staples hat da eine andere Antwort: Sie möchte mit ihren Songs über Liebe und Güte die Menschen verändern. Nicht arrogant. Mitfühlend.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • Little bit
  • If all I was as black
  • Ain't no doubt about it

Tracklist

  1. Little bit
  2. If all I was was black
  3. Who told you that
  4. Ain't no doubt about it
  5. Peaceful dream
  6. No time for crying
  7. Build a bridge
  8. We go high
  9. Try harder
  10. All over again

Gesamtspielzeit: 34:22 min.

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