Peter Maffay - MTV unplugged

Peter Maffay- MTV unplugged

Sony
VÖ: 03.11.2017

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Erwachsen, wer ist das schon?

Kindheitserinnerungen sind oft vage, manchmal schön, manchmal weniger schön. Mit den Jahren aber verblassen sie zusehends. Die meisten, jedenfalls. Nicht so jedoch, wenn es um Musik geht. So erging es zumindest dem Rezensenten irgendwann im Sommer 1986, als Peter Maffays musikalisches Kindermärchen "Tabaluga oder die Reise zur Vernunft" den alten Kassettenspieler über Wochen nicht verlassen durfte. "Heavy rotation" hieß das mal, im Jahr 2017 vielleicht "bingelistening"? Jedenfalls: Gefesselt von der Geschichte um den kleinen Drachen, den mächtigen Mond, gigantische Riesen und schlaue Delfine blieben viele Momente aus Tabalugas Suche nach dem frühen Sinn für lange Zeit im Ohr. Und ja, vielleicht war es Tabaluga-Stück Nummer zehn, "Himmelsriesen", ein im Kontext wirklich flotter Rocksong, der einem die Vorliebe für schnelle, melodische Gitarrenmusik schon in Kindestagen einimpfte?

Wundersam, irgendwie unwirklich, aber in jedem Falle auch ziemlich achtbar jedenfalls erscheint es, dass mit Maffay ein Künstler, den man schon vor beinahe 30 Jahren wahrgenommen hatte, auch heute noch einen größtenteils unpeinlichen Status in der deutschen Musiklandschaft innehält. Der in Rumänien geborene Musiker geht mittlerweile stramm auf die 70 zu, was einer neuen Liebe zu einer kaum über 30-jährigen Lehrerin aus Halle/Saale nicht im Wege steht. Im dortigen Steintor-Varieté sind die Aufnahmen zu "MTV unplugged" entstanden. Kopfkratzen macht sich breit, wenn man die Gästeliste studiert, die Maffay und sein Team für die drei Abende auserkoren haben: Als da wären Katie Melua, 80s-Schmachtlocke Tony Carey, mit dem Maffay dessen Hit "Room with a view" verwurstet, die Niederländerin Ilse DeLange (The Common Linnets), Jennifer Weist (nicht aus Rostock), laut Maffay immerhin Deutschlands "Rock-Lady Nummer eins". Und – natürlich – dürfen Deutschpop-Barden nicht fehlen. Heute aus dem Formatbaukasten dabei: Johannes Oerding und Philipp Poisel.

Wenig überraschend indes: Dem nostalgischen Touch vieler Songs dieser speziellen Live-Werkschau tut die hiesige Inszenierung ohne Stromgerätschaft weder weh, noch leistet sie einen besonderen Beitrag zu seinen Kompositionen, die garderobentechnisch meist zwischen Country-, Rock- und Folk-Kostüm abwechseln. Vieles ist rein auf Kult und Maffays Stimme ausgerichtet. Die Songauswahl kreist vornehmlich um die hinlänglich bekannten Gassenhauer, die sich auch wunderbar auf einer vom Springer Verlag initiierten "Volks-Hits Deutschland"-Compilation tummeln könnten: "Über sieben Brücken musst Du gehn" wird von Melua mitgewürdigt, "Sonne in der Nacht" von DeLange. "Und es war Sommer", der Kultsong aus Maffays Schlagertagen, macht die Suff-Nächte rund um den Schulabschluss wieder lebendig. Die kruden Zeilen entlocken ein breites Grinsen, und hätte es damals nicht genug Schnaps gegeben, womöglich hätte man sich zu ernsthaft mit dem Text befasst.

"Eiszeit" dagegen ist heute aktueller denn je, und es ist irgendwie passend , dass ein Anti-Kriegs-Song aus der Friedensbewegung des Kalten Krieges von "Menschen, Leben, Tanzen, Welt"-Oerding intoniert wird. Oerding fällt dabei, ähnlich wie Poisel, Melua und auch DeLange, rein stimmlich kaum ins Gewicht. Maffay hingegen nölt auch heute noch unverkennbar. Am schlimmsten im Kontext des Albums aber ist wohl der Umstand, dass die Gäste jeweils eines ihrer Lieder in die Setlist mit einbringen dürfen. Das schnulzige "Wie soll ein Mensch das ertragen" von Poisel etwa, oder das unsägliche "So schön" von Oerding. Da kommt "Leuchtturm", diese harmlose, aber lebendige Pop-Punk-Nummer von Jennifer Rostock, mit Abstand am besten weg, gerade in Kombination mit Maffays Stimme und den Bläsern aus seiner Live-Entourage.

"So bist Du", eine von Maffays besonders weich genudelten Balladen, kommt dagegen ziemlich nackt und weniger pompös daher als bei sonstigen Live-Arrangements. Ähnlich antiquiert wie viele Evergreens ist das grundsätzlich schöne Format "MTV unplugged", was in erster Linie der beerdigten Relevanz von MTV als Musikplattform geschuldet ist. Eric Clapton? Bruce Springsteen? Nirvana? In den Neunzigern erlebte "MTV unplugged" große Zeiten. Doch gerade in Deutschland, wo jüngst Unplugged-Konzerte von Sido, Revolverheld oder Cro über den Äther flimmerten, muss man sich fragen dürfen, welche Art "Ehre" es unterm Strich noch ist, einen stromfreien Abend unter den berühmten Lettern des einstigen Kult-Musiksenders veranstalten zu dürfen.

Zum Glück darf auch ein Tabaluga-Song ins Unplugged-Kostüm schlüpfen. Natürlich ist es das bekannteste Stück des Musicals: Das schöne "Nessaja", für Schwer-von-Begriff-Fans mittlerweile "Ich wollte nie erwachsen sein (Nessajas Lied)" betitelt, lässt die wohligen Erinnerungen an die Zeit als Dreikäsehoch, als "Klappe auf, Klappe zu" am Kassettendeck noch ein lustiger Zeitvertreib war, wieder aufleben. "Ich wollte nie erwachsen sein", hach ja. Diese Quintessenz aus Tabalugas erstem Abenteuer darf dabei als ein unbewusst prägendes Lebensmotto gelten, das der Rezensent wohl auch Peter Maffay zu verdanken hat – und das er auch heutzutage gerne befolgt.

(Eric Meyer)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Eiszeit
  • Leuchtturm
  • Ich wollte nie erwachsen sein (Nessajas Lied)
  • Und es war Sommer

Tracklist

  • CD 1
    1. Bring mich nach Haus
    2. Gelobtes Land
    3. Dein Gesicht
    4. Schwarze Linien
    5. Eiszeit (feat. Joannes Oerding)
    6. So schön (feat. Johannes Oerding)
    7. Der Mensch auf den Du wartest (feat. Jennifer Weist)
    8. Du
    9. Leuchtturm (feat. Jennifer Weist)
    10. Wenn der letzte Regen fällt
    11. Über sieben Brücken musst Du gehn (feat. Johannes Oerding)
    12. Weil es Dich gibt (feat. Ilse DeLange)
    13. Room with a view (feat. Tony Carey)
  • CD 2
    1. So bist Du
    2. Dreams on fire (feat. Katie Melua)
    3. Ich wollte nie erwachsen sein (Nessajas Lied) (feat. Katie Melua)
    4. Medley: Schatten in die Haut tätowiert/Liebe wird verboten (feat. Johannes Oerding)
    5. Ewig (feat. Philipp Poisel)
    6. Wie soll ein Mensch das ertragen? (feat. Philipp Poisel)
    7. Tiefer
    8. Halleluja
    9. Sonne in der Nacht (feat. Ilse DeLange)
    10. Und es war Sommer
    11. Freiheit, die ich meine (feat. alle Gastmusiker)

Gesamtspielzeit: 121:07 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Wurst
2017-12-25 16:49:49 Uhr
Peter Mayday, lach
Euch ist echt nicht mehr zu helfen.
Peter Mayday - ich schmeiß mich weg . . .
Erna
2017-12-22 23:57:22 Uhr
Was soll's! Es gibt ja noch die Grönemania.
Edel
2017-12-22 20:57:19 Uhr
Ich bin traurig und enttäuscht. Jedes Instrument klimpert so emotionslos vor sich hin und alles klingt lieblos und kalt.Sie finden nicht zueinander!
Sehr SCHADE
Bert Engel
2017-12-15 20:03:19 Uhr
* war
Bert Engel
2017-12-15 20:02:09 Uhr
Jetzt hab ich auch mal die Rezi gelesen. Auch ich habe als Knirps viele Tage damit verbracht, Kassetten (und später dann CDs) von Peter Maffay zu hören. Waren die 80er nicht cool? Wenn man sie miterlebt hat, dann ja.
Und als man das erste Mal eine CD in der Hand hielt, hat man sich gefragt: Wo ist die B-Seite?

Bertram Engel hat mich um 1990 rum angestiftet, Schlagzeugspielen zu lernen. Schuld daran was sein Solo auf dem Live-Video "Lange Schatten".
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum