Gun Outfit - Out of range

Gun Outfit- Out of range

Paradise Of Bachelors / Cargo
VÖ: 10.11.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Orpheus in der Wüste

Die weiten Wüsten des amerikanischen Südwestens waren schon immer ein beliebtes Ziel für fiktive und tatsächliche Realitätsflüchte. Wo sonst kann man auch besser die Alltagshektik des modernen Leistungskapitalismus vergessen machen? Wo kann man begreifen, dass der Mensch ein mehr mit der Natur als mit Volkswagen und Eigenheim verbundenes Wesen ist? Wo, wenn nicht in dieser monumentalen Ruhe fernab der Zivilisation? "Pardon me for the hippie talk", heißt es an einer Stelle auf Gun Outfits fünftem Album "Out of range". Die mittlerweile vom Staat Washington nach L.A. gezogene Band macht eigentlich den perfekten Soundtrack für ebenjene spirituellen Roadtrips durch die Mojave, doch Sänger Dylan Sharp scheint sich bewusst zu sein, dass seine naive Verklärungslyrik schnell als esoterischer Kitsch abgestempelt werden kann und dass in Zeiten von Instagram und Co. Selbstfindung oft auch mit -darstellung einhergeht. Zum Glück hat die Musik selbst solche Momente ironischer Brechung aber überhaupt nicht nötig, denn die ist losgelöst von jeder inhaltlichen Deutung einfach nur wunderschön, verbindet verträumte Jangle-Pop- und 90er-Indie-Rock-Ästhetik mit dezenten Country-Arrangements und lässt es wie einen schlechten Scherz aussehen, dass Gun Outfit tatsächlich mal als Punk-Band angefangen haben sollen.

Was die Wurzeln des mittlerweile zu einem Quintett herangewachsenen Kollektivs noch andeutet, ist allenfalls die Dringlichkeit, die sich durch den von perlenden Gitarren und sanften Beckenschlägen getriebenen Opener "Ontological intercourse" zieht oder auch bei "Strange insistence" die werten The War On Drugs als ersten Referenzpunkt aufruft. Irgendwie bleiben Gun Outfit immer lost in the dream, auch wenn sie das Tempo mal anziehen und sogar auch dann, wenn sie wie in "Sally Rose" komplett überraschend verzerrten Noise durch die Verstärker jagen. Das liegt nicht nur an den mystisch entrückten Texten, die um LSD-Trips, den Mathematiker Felix Klein und Ovids Metamorphosen zirkulieren, sondern auch an Carrie Keith, die Eurydike zu Sharps Orpheus, die dem an Lou Reed oder Silver Jews' David Berman erinnernden Genuschel ihres Kollegen ein dringend benötigtes Element von Luftigkeit entgegensetzt. So schwebt sie in "The 101" von kaum mehr als einem Banjo begleitet vom Rest ihrer Band davon und ist dem klassischen Country hier so nah wie zu keinem anderen Zeitpunkt auf dem Album.

Die beiden kontrastierenden Stimmen sind da am stärksten, wo sie sich gegenseitig ergänzen und auffangen können, wie in der herzzerreißenden Western-Ballade "Landscape painter" oder im schleppenden "Primacy of love", in dem Keiths geisterhafte Backing Vocals durch Mark und Bein gehen. Songs wie ebendiese bestimmen auch das grundlegende Tempo von "Out of range", das zwar zuweilen das Gaspedal findet, die meiste Zeit jedoch im ersten und zweiten Gang verweilt. Dafür, dass einem bei diesem nächtlichen Wüstentrip nicht die Augen zufallen, sorgt vor allem ein nach freundlichem Eremiten aussehender Herr namens Henry Barnes, Country-Mastermind, Instrumentenbauer und seit kurzem festes Mitglied bei Gun Outfit. Hier eine Fiddle, da eine Lap-Steel-Gitarre und obendrauf noch allerlei selbstgebautes Wildwest-Kuriosum von Zithern über Bouzoukis (eine Art Laute): Barnes' Sounds sind markant genug, um aufzufallen, stören aber nie die konstant meditative Atmosphäre. Sie sind es dann auch, die die Kalifornier zu etwas Besonderem machen, denn verträumt-melancholischen Indie-Pop können viele, doch niemand sonst wirbelt dabei so viel Wüstensand auf, versetzt den Hörer so sehr zwischen Klapperschlangen und Joshua Trees, lässt menschliche Seele und Natur so sehr eins … Ups. Pardon me for the hippie talk.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Landscape painter
  • Strange insistence
  • Sally Rose
  • Primacy of love

Tracklist

  1. Ontological intercourse
  2. Landscape painter
  3. Cybele
  4. Strange insistence
  5. The 101
  6. Slow realization
  7. Sally Rose
  8. Three words
  9. Primacy of love
  10. Background deal
  11. Second decade

Gesamtspielzeit: 41:35 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2017-12-11 21:26:30 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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