Max Richter - Taboo / Henry May Long / Black mirror: Nosedive

Max Richter- Taboo / Henry May Long / Black mirror: Nosedive

Deutsche Grammophon / Universal
VÖ: 15.09.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Flotter Dreier

Klar, es gibt sie: Filme ohne Musik. Oder gar großartige Filmszenen, die vollkommen ohne musikalische Untermalung auskommen. Und dennoch: Irgendwie ist es doch schöner, wenn eindrucksvolle Bilder auf der Leinwand oder dem heimischen Fernseher mit ebenso eindrucksvollen Melodien ausgestattet werden. Und wer wäre besser dafür geeignet als einer, der sich einst sogar mit Neurowissenschaftlern austauschte, um die Wirkung bestimmter Töne auf das Gehirn während des Schlafens besser verstehen zu können? Eben. Und weil der im niedersächsischen Hameln geborene britische Komponist Max Richter nicht nur äußerst gründlich, sondern ebenso fleißig ist, konnte sein Label Deutsche Grammophon zwischen September und Oktober 2017 gleich drei neue Soundtracks veröffentlichen, die wir ausnahmsweise auf einmal rezensieren.

Den Anfang machte am 15. September das musikalische Beiwerk zur BBC-Serie "Taboo", die Hauptdarsteller Tom Hardy gemeinsam mit seinem Vater entwickelt und mitproduziert hat. Düster ist das achtteilige Drama, unheilvoll, wuchtig und stellenweise gar furchteinflößend – ebenso wie der dazugehörige Score. "Openings" leitet diese Reise ins Jahr 1814 ein und deutet das bevorstehende Unwetter nur an, bis "The inexplorable advance of Mr. Delaney" Nägel mit Köpfen macht. Selbst den vermeintlich ruhigeren Tönen traut man kaum über den Weg: Zu selbstsicher macht "Shadows" sich im Gehörgang breit, bevor es seine hässliche Fratze zeigt, zu tief im Argen sitzt der Donner in "I'd hoped to settle this", zu trotzig wirkt selbst die ruhige erste Hälfte von "Attend to the matter", bis es abermals zum Kampf aufruft. Mit "Lamentation for a lost life" kommt die Versöhnung dann doch noch, zum Schluss – zum Glück ist es noch nicht zu spät.

Ganz anders, nämlich viel dramatischer und friedvoller, gibt sich der Soundtrack zum Film "Henry May Long". Der kommt im direkten Vergleich zu der tiefschwarzen Stimmung von "Taboo" zwar auch nicht unbedingt weiß daher, aber zumindest etwas heller. So ertönt "Waiting for sunlight evening" tatsächlich geradezu sehnsüchtig und in warme Sonnenstrahlen getaucht, während "A candle and half a pear" nur von der besagten Kerze beleuchtet durch das ansonsten dunkle, leere Haus stapft. Zumindest für eine Minute raus vor die Tür wagt sich das vorsichtig-zarte "Stairs abyss starlight", viel mutiger dagegen probiert sich "Interior horses" an der großen Geste. Am stärksten aber kommt "The young mariner" daher, das sich nicht ganz zwischen Abschied und Rückkehr entscheiden kann. You say goodbye, I say hello – oder andersrum.

Serie, Film – bleibt noch irgendetwas dazwischen. "Black mirror: Nosedive", die erste Folge der dritten Staffel der britischen Science-Fiction-Serie, überzeugte bei ihrer Erstausstrahlung im Oktober 2016 nicht nur dank des Gastauftritts von Bryce Dallas Howard, sondern auch durch Richters Arbeit. Mit sieben Stücken in rund 25 Minuten ist es das kürzeste der drei Werke, und trotz sich wiederholender Elemente – quasi ein Markenzeichen des Komponisten – auch das interessanteste. Eine nur minimal voneinander abweichende Melodie durchzieht gleich mehrere Stücke, rahmt das Album ein und sorgt somit sowohl in "On reflection", "The sorrows of young Lacie" als auch in "The consolations of philosophy" für dicke Kullertränen. Kaum hat man sich diese behelfsmäßig von den Wangen gewischt, geht es zu "The journey, not the destination" auf eine wilde Irrfahrt durch das Ungewisse, bis schließlich alles dunkel wird, aus der Ferne melancholische Streicher erklingen und Ruhe einkehrt. Abspann. Und doch kein Ende in Sicht.

(Jennifer Depner)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Openings
  • The inexplorable advance of Mr. Delaney
  • Lamentation for a lost life
  • Waiting for sunlight evening
  • The young mariner
  • On reflection
  • The journey, not the destination

Tracklist

  • CD 1
    1. Openings
    2. The inexplorable advance of Mr. Delaney
    3. Song of the dead
    4. Zilpha
    5. A lamenting song
    6. Shadows
    7. This little pig went to the market
    8. Zilph (Recollection)
    9. Song of the beyond
    10. I'd hoped to settle this
    11. Nocturnal
    12. The onrush of events
    13. Zilpha alone
    14. Attend to the matter
    15. Lamentation for a lost life
  • CD 2
    1. Ocean house mirror
    2. Stairs abyss starlight
    3. Exit top hat greeting
    4. Waiting for sunlight evening
    5. Interior tears an idea
    6. Ending doorway pavement
    7. Farewell threshold laudanum
    8. Sofa chess
    9. Interior horses
    10. Whale window hotel 1
    11. A candle and half a pear
    12. Powder pills truth
    13. The young mariner
    14. Dinner and the ship of dreams
  • CD 3
    1. On reflection
    2. Dopamine 1
    3. The sorrows of young Lacie
    4. Dopamine 2
    5. The journey, not the destination
    6. Nocturne
    7. The consolations of philosophy

Gesamtspielzeit: 99:25 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Postings: 10543

Registriert seit 08.01.2012

2017-11-30 22:38:08 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?


Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum