Johanna Borchert - Love or emptiness

Johanna Borchert- Love or emptiness

Enja / Yellow Bird / Soulfood
VÖ: 03.11.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Ist das noch Jazz?

"It's all music", sagte Jazz-Legende Duke Ellington einst, als er nach einer Definition seines Genres gefragt wurde. Ein knappes Jahrhundert später erhält die gebürtige Berlinerin Johanna Borchert den "ECHO Jazz" als "Beste Sängerin national", obwohl ihr damit ausgezeichnetes Werk "FM biography" in seinem Herzen eingängigste Popmusik ist. Jazz ist nicht nur "anders", wie die Ärzte schon 2007 wussten, es scheint ein in der klassischen Musiktheorie kaum greifbares Etwas zu sein, das sich viel eher mit abstrakten Begriffen wie Virtuosität, Improvisationsbereitschaft und Vitalität umschreiben lässt. "Das Einzige, was an meiner Musik Jazz ist, ist die Einstellung", sagt Borchert selbst und so lässt auch ihr drittes Album "Love or emptiness" zwar komplexe Rhythmik, Harmonik, ganz viel Experimentierfreude und Stilvielfalt zu, ordnet diese aber immer einem melodieverliebten Song unter. Unkonventionelle Arrangements, die im Grunde simpelste Pop-Banalität kaschieren sollen? Mitnichten, denn dafür sind auch die Kompositionen der 34-Jährigen zu geschmackvoll und beweisen eindrücklich, dass sich Kunstfertigkeit und Eingängigkeit nicht prinzipiell ausschließen.

So beginnt "Space time shifting" zunächst nur mit Autotune und einem minimalistischen, düsteren Elektro-Soundteppich, der die Handschrift von Produzent Olaf Opal (The Notwist, Die Sterne) deutlich erkennen lässt und sich irgendwo zwischen Imogen Heap und Fever Ray positioniert. Nach zwei Minuten setzen dann Portishead-Drums ein, während Borchert noch einen fantastischen Refrain oben draufsetzt. "I feel good", singt sie da, so mühelos, als hätte sie zuvor nicht mal eben eine gute Dekade elektronischer Musik in einem einzelnen Song zusammengefasst. "When a bird gets free" vollzieht im Folgenden eine 180-Grad-Wende, ist ein von zaghaften Synthies getragenes Piano-Stück, das sich im Chorus komplett der großen Pop-Geste öffnet und so auch auf einem Elbow-Album nicht fehl am Platz wirken würde. "Identity" dreht sich dann erneut, landet magischerweise aber nicht da, wo der Opener aufgehört hat, sondern präsentiert Jazz-Piano, unheilvolle Bläser und bassgetriebene Tempowechsel. Auf "Love or emptiness" scheinen nicht nur Genre-Konventionen, sondern auch Zeit und Raum selbst keine Rolle zu spielen – was dann auch zu den die Natur und die menschliche Existenz umschweifenden Texten passt. Diese mögen zwar manchmal etwas esoterisch daherkommen, tun der durchweg tollen Musik aber kaum einen Abbruch.

Allein die ersten drei Tracks hätten schon genug Ideen für ganze Albenzyklen, doch Borchert denkt nicht im Traum daran ihren kreativen Fluss irgendwie versiegen zu lassen. "Who ist to say" bürstet dissonante Synths gegen den Strich, "Olive tree" ist im genauen Kontrast dazu eine wunderschöne, berührende Klavierballade, während "Sun sister" klingt, als hätte die gebürtige Bremerin nie etwas anderes als groovenden Bluesrock gemacht. Ihre in ihrer Natürlichkeit schon fast exotisch anmutende Stimme ist dabei das Harz, das die in alle stilistischen Richtungen sprießenden Ranken zusammenhält und "Love or emptiness" wie ein zu jedem Zeitpunkt homogenes Ganzes wirken lässt. Da ist es dann auch egal, wie man das alles letztenendes nennt, da es sowieso eine Sisyphus-Aufgabe ist, eigentlich kontrastierende Ansätze wie Anspruch und Hymnenhaftigkeit, Komplexität und Einfachheit, Jazz und Pop zwanghaft unter einen Begriff quetschen zu wollen. It's all music.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Space time shifting
  • Identity
  • Olive tree

Tracklist

  1. Space time shifting
  2. When a bird gets free
  3. Identity
  4. Miraculous clouds
  5. Who is to say
  6. Birdies toes
  7. Olive tree
  8. Sun sister
  9. Wild bird tree
  10. Your atmosphere

Gesamtspielzeit: 41:40 min.

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User Beitrag
Johanna Borchert
2017-11-23 21:40:42 Uhr
Hallo Marvin, super cool. Danke! Ich darf am Rande erwähnen, dass Olaf Opal bei meiner Intro zu Spacetimeshifting nicht mal im Mix die Finger dran hatte. Ich hatte es im eigenen Studio vorproduziert und ausversehen als Stereospur gebounced, ungewollt. Aber er hats abgefeiert! ; )

Armin

Postings: 10543

Registriert seit 08.01.2012

2017-11-23 21:18:38 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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