Noel Gallagher's High Flying Birds - Who built the moon?

Noel Gallagher's High Flying Birds- Who built the moon?

Sour Mash / Indigo
VÖ: 24.11.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schere Schere Lady

Den ganzen Trubel um ihren Auftritt hat Charlotte Marionneau wohl nur bedingt nachvollziehen können. In ihrer Band Le Volume Corbe singt die Französin nicht nur, unter den Instrumenten, die sie spielt, findet sich auch eine Schere wieder. Eine handelsübliche Papier-Schere. Insofern scherte es die in London wohnhafte Frau mit der Pilz-Frisur wenig, Noel Gallagher's High Flying Birds in der britischen TV-Sendung "Later with Jools Holland" als Gast-Vokalistin zu beehren – auf Tour übrigens auch als Keyboarderin – und bei "She taught me how to fly" im Takt Luft zu zerschneiden. Das Ding ist halt: Sobald da eine E-Gitarre hinzukommt, bleibt von der Schere akustisch herzlich wenig übrig. Zur Freude des Internets visuell umso mehr. Somit geht eine der günstigsten viralen Promo-Aktionen ausgerechnet auf das Konto des Social-Media-Atheisten Noel Gallagher.

Dabei stand der musikalische Output des 50-Jährigen dieses Mal so stark im Fokus wie bislang kaum zuvor in seinem Post-Oasis-Schaffen. Das lag an dem trippigen Album-Trailer zu "Who built the moon?" und, weil das ja eben nur Exzerpte waren, der bei Hörern kontrovers aufgenommenen Single-Auskopplung "Holy mountain", die Gallagher zudem noch zu einem der besten Songs kürte, die er je geschrieben habe. Und die Messlatte liegt bekanntermaßen recht hoch, insbesondere bei Britpop-Jüngern. Genau damit hat der Vorabsong herzlich wenig gemein. Gebaut um das Flöten-Sample des 60s-Bubblegum-Pop-Songs "Chewy gum kid" und nicht sehr weit entfernt von Elton Motellos "Jet boy jet girl", geben Noel Gallagher's High Flying Birds hier die gutgelaunten Tanzmariechen. Vom Online-Pöbel verglichen mit Ricky Martins "She bangs", klingt es wie ein Tambourcorps, der mit einer Brass-Band durch einen Irish-Pub marschiert. Ein Ohrwurm.

Wo wir gerade schon bei der drängelnden Penetranz der Ohrmuscheln sind: Wer bereits beim morgendlichen Wecker-Signal innerliche Ausraster bekommt, dürfte auch mit dem Dauerklingeln im voodooesken Psych-Raver "Fort Knox" seine Schwierigkeiten haben. Ein Eröffnungstrack wie ein Paukenschlag und zugleich Zeugnis von Gallaghers Zusammenarbeit mit DJ, Primal-Scream-Remixer und Filmkomponist David Holmes. Der ermutigte den Briten, alle Songs im Studio entstehen zu lassen, und triezte ihn, sein Wohlfühl-Terrain zu verlassen. Wobei (elektronischer) Psychedelic-Rock sicher kein Neuland für Gallagher bedeutet – nach der Zusammenarbeit mit den Chemical Brothers, dem eingestampften Projekt mit Amorphous Androgynous, Oasis' "Dig out your soul" oder "The right stuff" auf "Chasing yesterday". Dass er seine verbale "I don't give a fuck"-Haltung in durchströmende Euphorie und Positivismus transformiert, schon eher.

Obendrein saust ein Düsenjet durch die Anfangssekunden von "Fort Knox" und hinterlässt in den Kondensstreifen einen Flashback ins Jahr 1997, als knatternde Hubschrauber-Rotoren die Oasis-Single "D'you know what I mean" eröffneten. Das ausufernde Werk "Be here now", gerade 20 Jahre alt geworden, hatte einige Hörer enttäuscht zurückgelassen, darunter letztlich sogar Noel Gallagher selbst. Mit "Who built the moon?" wird es zumindest jenen Oasis-Jüngern nicht anders gehen, die mit Scheren-Frauen nichts anfangen können, französische "Attention, attention"-Rufe befremdlich beäugen und gefühlte 89 Tonspuren als zu viel empfinden. Auf den New-Order-Uptempo-Popper "She taught me how to fly" als Instant-Classic dürften sich aber alle einigen.

In der ersten Hälfte der Platte tritt Gallagher kaum auf die Bremse. Auf das zackige "Keep on reaching" mit seinen knackigen Bläsertönen folgt "It's a beautiful world". Breakbeats kraxeln teils krautige Berghöhen hinauf und belohnen ihren Anstieg nach vier Minuten mit dem Blick auf eine schimmernde Landschaft. Prinzipiell wirklich schön arrangiert, aber die Höhenluft setzt Gallaghers Stimme zu. Durch den Effekt im Refrain klingt er ein wenig, als habe er seine Zähne verloren. Den Schnickschnack braucht er gar nicht, weshalb "Black and white sunshine", das vielleicht noch am ehesten an frühere Oasis-Harmonien anknüpft, besser funktioniert. "Be careful what you wish for" grüßt "Come together" von den Beatles und shuffelt sich skizzenhaft wie eine betörte Schlange aus dem Korb empor.

Dass dieses Album unter der Dachmarke Psychedelic auch ganz anders hätte klingen können, legen die herrlichen Interludes nahe. Aufgenommen an einem Mittwoch – daher die Klammerzusätze – bei einem Jam, mäandern sie nonverbal durch salbungsvolle Sphären. Hier aber rahmen sie "nur" den mit Johnny Marr an Gitarre und Harmonika eingespielten Sixties-Hippie-Western "If love is the law" ein sowie den Quasi-Titeltrack "The man who built the moon". Den Architekten des Mondes bleibt Gallagher darin zwar schuldig, aber erstens genießen die Texte, Gallagher-untypisch, auf dieser Platte bestenfalls sekundäre Wertschätzung, und zweitens lässt der großartige Song alle astronomischen Unklarheiten schnell vergessen, stößt gespenstische Synthies und Streicher aus und zermalmt das Aufbegehren von Stiltskins "Inside" zu James-Bond-Soundtrackfutter.

Es gibt sicherlich genügend Angriffspunkte für diese Platte: zu viele Soundschichten und Effekte, womöglich gar Inkohärenz. Und, Stand jetzt, reiht es sich in der Post-Oasis-Diskographie auch hinter seinen beiden Vorgängern ein. Aber auf hohem Niveau. Mit jedem Durchgang legen sich ein paar Prozent Skepsis. Und an starken Songs mangelt es auch beileibe nicht. Einen Song wie "Dead in the water" kanzelt Gallagher ureigen als Bonus-Track ab. Dieser Live-Mitschnitt des nur von Gitarre und Piano getragenen Akustikstücks treibt einem sprichwörtlich die Tränen in die Augen. Das wirkt auf manche wie eine Versöhnung für die loyale Gemeinde am Ende eines eingesprungenen Experiments. Man kann es aber auch als Statement verstehen, als ein "Leute, ich habe dieses verdammt nochmal göttliche Stück Musik und packe es nicht auf das Album. Weil ich es kann." Und das ist in jedweder Hinsicht Noel Gallagher durch und durch.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • She taught me how to fly
  • Black & white sunshine
  • The man who built the moon
  • Dead in the water (Live at RTÉ 2FM Studios, Dublin)

Tracklist

  1. Fort Knox
  2. Holy mountain
  3. Keep on reaching
  4. It's a beautiful world
  5. She taught me how to fly
  6. Be careful what you wish for
  7. Black & white sunshine
  8. Interlude (Wednesday Part 1)
  9. If love is the law
  10. The man who built the moon
  11. End credits (Wednesday Part 2)
  12. Dead in the water (Live at RTÉ 2FM Studios, Dublin) (Bonus-Track)

Gesamtspielzeit: 48:46 min.

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Felix H

Postings: 2214

Registriert seit 26.02.2016

2017-12-12 23:41:31 Uhr
Auch bei PF ist es angekommen, dass Noel ne coole Socke ist.

The MACHINA of God

Postings: 8818

Registriert seit 07.06.2013

2017-12-12 20:31:51 Uhr
7.1 bei Pitchfork

Die beiden Vorgänger hatten eine 5 vorm Punkt.

The MACHINA of God

Postings: 8818

Registriert seit 07.06.2013

2017-12-10 13:39:11 Uhr
Jo, er hat es wieder geschafft. War am Anfang minimal skeptisch aufgrund der Abmischung und der Grundausrichtung. Und auch blieben so einige Songs erstmal blass. Inzwischen mag ich aber eigentlich alle. Die zweite Hälfte ist besonders gelungen, finde ich. Und fuck, mich hat "She taught me how to fly" inzwischen voll erwischt. Was für ein Refrain. 7,7/10

Felix H

Postings: 2214

Registriert seit 26.02.2016

2017-12-07 23:34:00 Uhr
Ach so. :-)

Bin mehr als zufrieden. "Holy Mountain", "She Taught", "If Love Is The Law", Titeltrack, "Dead In The Water" - mehr als genug große Songs. "Fort Knox" erinnert mich auch als Intro an "Fuckin' In The Bushes".

The MACHINA of God

Postings: 8818

Registriert seit 07.06.2013

2017-12-07 23:13:01 Uhr
Naja, nicht direkt Stampf-Rhythmus, aber recht monoton.
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