The Used - The canyon

The Used- The canyon

Hopeless / Soulfood
VÖ: 27.10.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

New noise

Ach, The Used. Kaum eine Band eignet sich besser, um das Wort "Abstieg" zu erklären. Sie hat sich über die Jahre so konsequent und nachhaltig im musikalischen Sondermüll verbuddelt, dass man nicht mal mehr das stets gerne erwähnte Debüt "The Used" verklären und genüsslich auf den neuen Output draufhauen möchte. Selbst im Hause Plattentests.de hat sich zwischenzeitlich über Tage hinweg niemand gefunden, der sich dem inzwischen siebten Album "The canyon" annehmen wollte. Eine Band, die in Sachen Relevanz also ganz unten angekommen ist. Eine Band, die sich den Ruf erarbeitet hat, regelmäßig eher vernachlässigbare Alben zu veröffentlichen und sich nach der letzten Platte nicht ohne Nebengeräusche von Gitarrist und Gründungsmitglied Quinn Allman getrennt hat. Tragischer Höhepunkt dieser ohnehin tristen Aufzählung: der Selbstmord Tregen Lewis', eines engen Freundes Bert McCrackens – der sich jetzt Rob nennt – seit Kindheitstagen. Das sind die Voraussetzungen, mit denen "The canyon" klarkommen muss.

Eingedenk des bisher erlebten Habitus der Band mag man da ein wenig Angst bekommen, vor noch größeren Gesten, noch mehr Dramatik und noch mehr überkandideltem Unfug. Die knapp 80 Minuten Spielzeit, die "The canyon" auffährt, deuten erst einmal in diese Richtung. Und doch: Dieses Mal ist alles anders bei The Used. McCracken, der ja leider nicht zum ersten Mal einen engen Vertrauten verloren hat, nimmt all die erlebte Tragik mit vollen Händen und spricht seine Dämonen schonungslos an. 17 Songs lang geht er dorthin, wo es am meisten schmerzt. Was nicht funktionieren kann, wenn man sich dabei auf 1-2-3-uffda-Baukasten-Emocore stützt. Weshalb The Used sich Ex-Saosin-Gitarrist Justin Shekoski und obendrein noch niemand Geringeren als Ross Robinson geschnappt haben, um den eigenen Karren endlich aus dem Dreck zu ziehen und vor allem der bleischweren Thematik eine würdige musikalische Umsetzung zur Seite zu stellen. Beides gelingt in einer Art und Weise, die sich wohl selbst die kühnsten Optimisten nicht ausmalen hätten können. Wer will, kann zur aberwitzigen Mixtur von "The canyon" Alternative-Rock plus Irgendwas-Core plus Wahnsinn sagen. Oder einfach anerkennen, dass The Used hier zutiefst Persönliches, politische Einsprengsel, Orwell, Chomsky und eine Menge anderer Ideen einigermaßen stringent unterbringen.

Der Opener "For you" braucht ziemlich genau 40 Sekunden, um auf das emotionale Level zu kommen, auf dem von nun an das ganze Album stattfinden soll. Man wird Zeuge eines Gesprächs zwischen Robinson und McCracken über Worte, die Letzterer an Lewis richten möchte, hätte er nur die Möglichkeit. Wenn McCrackens Stimme bricht, schluckt man selbst erstmals. Und lässt sich auf alles ein, was "The canyon" auf einen einprasseln lässt. Das wendige "Cold war telescreen" etwa, das eine Band zeigt, die sich endlich von allen Beschränkungen befreit hat und zum ersten Mal seit Jahren wieder hörbar Lust auf die eigene Musik hat. Die folgerichtig gleich zu Beginn mit einem Song auftrumpft, der so auch bei At The Drive-In stattfinden könnte. Kein Witz. "Broken windows" beweist im Anschluss, dass McCracken nach all den Jahren doch noch in der Lage ist, einen waschechten Hit zu schreiben, "Pretty picture" fährt einen Sinn fürs Dramatische auf, den man so zuletzt vielleicht bei My Chemical Romances "Three cheers for sweet revenge" gehört hat und haut aus dem Nichts ein Solo raus, das seine Hörer dahinschmelzen lässt. Natürlich muss man in die schiere Masse an Songs erst hineinfinden, doch erkennt man schnell, dass da im Durcheinander eine Menge Substanz schlummert.

Das liegt zum einen am neuen Mann an der Gitarre, der es schafft, den Stücken durch sein Spiel Tiefe und Charakter zu verleihen. Das liegt auch am unerschütterlichen Fundament, auf dem die Kompositionen fußen. Ganz am Ende ist "The canyon" aber vor allem deshalb so stark, weil es dem Album 17 Mal völlig egal ist, ob sich die Chose am Ende jemand anhört oder sie sich gar verkaufen lässt. Auf "The canyon" gibt es kein Kalkül. Kein Richtungswechsel ist zu überraschend, kein Umweg ist zu abstrus, um nicht erkundet zu werden. In "The quiet war" knallt ein Rap-Part rein, der dort überhaupt nichts verloren hat und doch irgendwie funktioniert, in "Over and over again" platzt pure Tanzbarkeit mitten ins Album, und "Moon-dream" braucht nur ein paar Streicher. Und wenn "The nexus" kurz vor Schluss vor lauter Kraft über die eigenen Beine zu stolpern droht, weiß man endgültig, dass man hier Zeuge von etwas Besonderem ist. Weil man hier einer Band ohne Sicherheitsabstand bei der Selbstreinigung zusehen kann. Am Ende steht mit "The canyon" ein Album, das mit dem verflixten Debüt eigentlich gar nichts mehr am Hut hat und Schubladen wie "Emo" aus Prinzip die lange Nase zeigt. Das voll ist, mit Leid und Trauer und Schmerz und Leben und es – trotz der ein oder anderen Länge – tatsächlich schafft, einer Band, die unrettbar verirrt erschien, eine neue Identität und eine Zukunft zu verschaffen. Oder wie die Band selber formuliert: "We are The Used / But not defeated."

(Martin Smeets)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Cold war telescreen
  • Broken windows
  • Pretty picture
  • Over and over again
  • The nexus

Tracklist

  1. For you
  2. Cold war telescreen
  3. Broken windows
  4. Rise up lights
  5. Vertigo cave
  6. Pretty picture
  7. Funeral post
  8. Upper falls
  9. The divine absence (this is water)
  10. Selfies in Aleppo
  11. Moving mountains (Odysseus surrenders)
  12. Over and over again
  13. The quiet war
  14. Moon-dream
  15. The nexus
  16. About you (no songs left to sing)
  17. The mouth of the canyon

Gesamtspielzeit: 79:23 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Postings: 10594

Registriert seit 08.01.2012

2017-11-22 19:18:42 Uhr - Newsbeitrag
THE USED


THE USED
ON TOUR
07.02.2018


Bochum


Zeche


Tickets



THE USED
Neues Album und exklusives Konzert in Bochum bestätigt!


THE USED sind nicht mehr aus der alternativen Rockszene wegzudenken.
In mehr als 15 Jahren Bandgeschichte hat das Quartett um Sänger Bert McCracken bisher sieben Studio-Alben veröffentlicht, unzählige energiegeladene Konzerte gespielt und mit ihrer Mischung aus Pop – Sensibilität und hartem Rock mit herzzerreißenden Songtexten einen bleibenden Eindruck bei Fans aus der ganzen Welt hinterlassen.

Am 27.10.17 veröffentlichten THE USED ihr 8. Album. Mit „The Canyon“ ist der Band ein Werk gelungen, das dem Hörer von Anfang bis Ende das Gefühl gibt, in ein unausweichliches, emotionales Universum einzutauchen. McCracken äußerte sich dazu mit den Worten: „Das ist was diese Platte ist – ein Moment der Stille für das, was real ist“.

Am 07.02.2018 kommen THE USED für eine Show nach Deutschland. Der Vorverkauf für das Konzert in Bochum startet am Freitag, dem 24. November 2017 um 10:00 Uhr exklusiv über unsere Webseite x-why-z.eu.


Der Vorverkauf startet am 24. November um 10:00 Uhr
exklusiv über www.x-why-z.eu!

Used but not defeated
2017-11-16 01:39:29 Uhr
Klasse Rezension für ein klasse album, welches ich der Band kaum noch zugetraut hätte.

Einige der songs brauchen ein paar durchgänge, ist definitiv kein easy listening album, gut so. Mit The Nexus konnte ich anfangs nicht so viel anfangen, mittlerweile gefällt es mir aber mit am besten, was auch an Justin Shekoski liegt. Meiner meinung nach eine unglaubliche bereicherung. Überhaupt gefällt mir das Album Instrumental sehr gut.

Meine favoriten sind Vertigo, Upper Falls und Moving the Mountain. Die meisten der Songs währen mit kanten-glattbügler Feldmann wohl niemals möglich gewesen. Der sound ist nicht rundgelutscht, die Stimme McCrackens nicht geautotuned. Hört sich "echt" und nicht gekünstelt an.

Bin absolut positiv überrascht, ganz abgeschrieben hab' ich sie zwar nie, aber so ein gutes album hab' ich ihnen nicht mehr zugetraut.

Hoffentlich muss man auf das nächste nicht wieder 15 jahre warten...

painkilla

Postings: 12

Registriert seit 23.10.2017

2017-11-15 21:35:16 Uhr
Deren 1. Album damals. Irre geil.

Armin

Postings: 10594

Registriert seit 08.01.2012

2017-11-15 21:32:39 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Oceantoolhead

Postings: 201

Registriert seit 22.09.2014

2017-11-07 19:43:49 Uhr
Ach echt? Blue And Yellow, On My Own, Pieces Mended und CHoke Me als Hiddentrack sind mit meine Favourites - Jeschmäcker halt ne
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum