Shilpa Ray - Door girl

Shilpa Ray- Door girl

Northern Sky / Cargo
VÖ: 22.09.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Im Affenclub kommst Du nicht klar

Sie kommt ja nicht von irgendwoher. Sie kommt aus Amerika. Den sich nach außen hin so vereinigt präsentierenden, innen doch so heftig zerstrittenen Staaten. Und durch diese schleppt sich Shilpa Ray schon seit einer Weile mit ihrem Affentheater. Die Dame ist bewaffnet, klar, die Gitarre hängt um und ihr Schrei lässt sowieso alles zittern und beben, dabei sind es ihre Songs, die wahrlich erschüttern und wachrütteln. "Last year's savage", damals 2015, warnte noch, ein wenig unsicher, dass Hass und Abschätzigkeit als Geisteszustand alles verkommen lässt. Und behielt sich vor, aufzuzeigen, dass eigentlich nicht damit zu rechnen ist, dass sich Amerika selbst zerstückelt. "Door girl" verfestigt hingegen. Shilpa Ray ist darin ein wenig wie der Zauberlehrling, wahlweise bei Goethe oder als Mickey Mouse: Die von ihr herauf beschworenen Geister, waren sie noch so grässlich lächerlich und undenkbar, unerwartet, unverhofft, die wird sie nun nicht mehr los.

Das beginnt auf ihrem neuen Album. Mit Sinatra. "New York minute prayer" ist ihr "New York, New York", durchweg hymnisch. Nur zieht sie sich nicht hoch an der Formel "If you can make it here / You can make it anywhere", sondern sie drückt sich an der Umkehrung kaputt. Hier schaffst Du's nicht, nirgendwo wirst Du's schaffen. Dazu eine trunkene Klaviersynkope, ein wenig Modder im Jazzmodus, ein bisschen Broadwayfieber. Shilpa Ray stolpert Ich-vergessen und großgestisch durch die Avenues einer Stadt, die viele Städte ist, die Stimme sitzt dabei so sicher wie bei Cat Power, die Fäuste trotzen empor wie die von Patti Smith. Wobei "Door girl" auch eine Emanzipation all dieser Referenzen ist. Shilpa Ray springt aus dem Lichtkegel anderer in einen eigenen. Hinein in die Clubszene. Oder genauer: Vor den Club, schließlich arbeitete sie einige Zeit als Türsteherin vor diversen New Yorker Clubs.

Also wird übertrieben. Schon bei den großartigen Songtiteln: "Morning terrors nights of dread" etwa, "Manhattanoid creepazoids" oder "My world shatters by the BQE", also dem Brooklyn-Queens Expressway, den auch schon Sufjan Stevens in ein Klang-Musik-Zitate-Projekt verarbeitete. Das sind erzählende Titel, manchmal angsteinflößende, auch ein wenig Halloween-imprägnierte. Mit deutlichen New-York-Verweisen, dabei klingt Shilpa Ray gar nicht so sehr nach dem Sound, der über die letzten Jahre hinweg aus dieser Metropole zu hören war, also diesen Mischungen aus Vampire Weekend, Yeah Yeah Yeahs und TV On The Radio. Einer Indieszene, die sich kennt und liebt, sich gegenseitig Gitarren zuschiebt, Studios teilt und bei einem Mai Tai auch Pläne entwirft, wie Indie da in New York vorangetrieben wird. Shilpa Ray ist der Alien. Die Andersartige, die geographisch auch eher dem rockigen New Jersey eines Springsteen zuzuordnen ist oder eben New Orleans, das vor nicht allzu vielen Monaten so wundervoll in den Folk-Blues von Hurray For The Riff Raff gepackt wurde.

"Door girl" ist viel Show mit Drumherum, Dramaturgie und Inszenierung, wobei Shipla Ray, diese Türsteherin, stürmt, dringt und wütend protestiert. Sie beobachtet. Oder beobachtete in ihrem Job. Wie die versoffenen Nächte in einer Bar an der Lower East Side langsam eskalierten, so in "EMT Police and the Fire Department": "When you yuppies become drunk ass punks / Post hedge funds post surgeries." Nachts fallen die Masken, die im Spiel, in diesem System teilweise so stolz aufgetragen werden. Da wird Shilpa Ray zur Mahnerin. Die kaputte Gesellschaft wurde – durch ihre Augen gesehen – vom System verursacht. Wir sind Spieler in diesem engen Spinnennetz der Zusammenhänge und Querverweise. Dumm ist nur, dass wir nicht rauskommen. Entweder man ist besonders reich oder kriminell, aber das bedingt sich ja häufig gegenseitig. Nur dann kann auf den Nasen anderer herumgetanzt werden. Shilpa Ray zieht an, sie schreit, das ist horrender Punk, ein Tritt ins Gesicht, denn irgendeine Wunde muss bleiben, wie zum Vergewissern, dass das wirklich passiert ist: "These are not the best minds of my generation / Destroyed by madness / Hysterical naked."

Dabei ist es Shilpa Ray, die dann nackt dasteht. In all der Hysterie und Verrücktheit hat sie sich entblößt, da in "Shilpa Ray's got a heart full of dirt": Hier naht der point-of-no-return. Bis hierhin und dann nur noch weiter. Weil sie, was und wie sie es dann sagt, nicht mehr zurücknehmen kann, sich selbst zum Outlaw macht. Alien war sie schon. Outlaw steigert das. Sie wird zur geächteten Erzählstimme von Wahrheiten, denen niemand so recht lauschen möchte. Die jedermann lieber von sich schiebt. Dann Bühnensound, große "Woah-woah"-Chöre. Und die Ballade "You're fucking no one", ein Abgesang aller Wichtigtuer und Bewohner der güldenen Hochhäuser Manhattans. Die Klavierspur ist ein wenig Billy Joel, der Songtext leicht gehässig und ein wenig weise. Es folgt Beat-Poetry in Form von "Revelations of a stamp monkey" und das verträumte "Add value add time", darüber, sich von der Großstadt abzukoppeln und freizuschwimmen. Und spätestens dann ist klar: Shilpa Ray, sie hat alle durchschaut und wird sie umhauen.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • New York minute prayer
  • EMT police and the fire department
  • Shilpa Ray's got a heart full of dirt

Tracklist

  1. New York minute prayer
  2. Morning terrors nights of dread
  3. Revelations of a stamp monkey
  4. Add value add time
  5. EMT police and the fire department
  6. After hours
  7. Shilpa Ray's got a heart full of dirt
  8. Manhattanoid creepazoids
  9. Rockaway blues
  10. This is not a dream sequence
  11. My world shatters by the BQE

Gesamtspielzeit: 47:44 min.

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Armin

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2017-11-15 21:31:38 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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