Charlotte Gainsbourg - Rest

Charlotte Gainsbourg- Rest

Because / Warner
VÖ: 17.11.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Augenblick, Du Bittersüße

Bekannt war sie schon, bevor ihre Äuglein sich das erste Mal in dieser wahnsinnigen Welt auftaten: Als Tochter von dem, der die Damen mit bloßer Stimme entkleidete; als Tochter von der, die nur mit Strümpfen bekleidet der Welt das Hirn raubte: Serge Gainsbourg und Jane Birkin. Ein Kind, dessen Geburt so stark sexuell heraufbeschworen wurde (zumindest von den Zuschauern und Zuhörern, die nicht mehr konnten, als vorzustellen, vorzustellen, vorzustellen), hat es nicht leicht. Dabei ist Charlotte Gainsbourg so viel mehr: Die Muse des Arthouse-Regie-Zeloten Lars von Trier; ein Model, das sich schon lange dem, was Model-Sein heute bedeutet, also dem Business-Bussi-Bussi, querstellt; eine starke Frauenstimme im so stark verunsicherten Frankreich; eine Sängerin, die heute noch mit etwas Panik auf die Bühne stolpert.

Aber singen, das kann die 46-Jährige ganz passabel. Auch weil sie diese Charismatiker für sich gewinnen konnte: Das war noch der Vater auf dem 1986er-Debüt, dann halfen Pulps Jarvis Cocker und Air aus, Beck war 2009 bei "IRM" dabei. Diese Herren produzierten mit, sie schrieben mit. Sie halfen Gainsbourg dabei, eine dieser Künstlerinnen zu werden, die nahezu alle Darstellungsformen beliebig für sich nutzen, dann schauspielert sie mal wieder, dann singt sie, dann tanzt sie und immer geschieht etwas, bei denen, die schauen, hören, achten. Künstlerische Omnipräsenz, sagen Neider. Auch hoffend, dass das mal gegen die Wand brettert, denn wo kommen wir denn da hin, mit den Francos und Delevingnes, die irgendwie meinen alles zu können und können zu müssen? Pah.

Gainsbourgs "Rest" wird da für sich selbst stehen. Es ist ein sehr schönes Album geworden. Vertonter Laissez-faire, das Ruhige, Gemächliche, was Gainsbourg schon früher gut konnte. Narkotisierender Pop en française. Wenn die "New York Times" dazu schreibt, Gainsbourg hätte endlich ihre eigene Stimme gefunden, nur weil sie nun weitestgehend auf Französisch singt und das, was sie singt, auch noch selbst geschrieben hat, ist das grober Unsinn. Ihre Stimme hatte sie schon immer. Eine, die auf "Rest" von all dem Kummer zu erzählen hat, dem dunklen Morast, in den sie sank, als ihre Halbschwester Kate 2013 gestorben ist. Dazu klingt eine Ballade an, untypisch schnell und rastlos. Zur der schwer atmende Streicher stoßen, komponiert von Owen Pallett, denn völlig solo hat sich Gainsbourg dann die Aufnahmen doch nicht zugetraut.

Genauer: Im Upbeat "Songbird in a cage" ist Paul McCartney zu hören, an den Drums, der Gitarre, dem Klavier. Das hört sich an, wie sich ein Beatle eben französischen Luftikus-Pop (Stichwort: Air) vorstellt. Kurz war auch Michel Houellebecq mit von der Partie, der Schriftsteller sollte Gainsbourgs Lyrics glätten und sinnvoller zusammenfügen, was er auch tat, nur dass Gainsbourg die Songtexte nicht mehr als ihre, als wahr empfand. Geholfen werden durfte somit nur bei der Musik. Die dafür pulsierend wie in "Deadly valentine" ausartet, einem Disco-Verschnitt, der mit seinen einschüchternden Streichern auch ein wenig bedrohlich daherkommt, aber auch davon berichtet, wie die Liebe dann doch immer tötet.

Der Titelsong ist noch hervorzuheben, dieses Stück, das von der einen Daft-Punk-Hälfte als melancholisches Schlummerlied inszeniert wird, in dem sich wenige, Xylophon-artig abgehackte Synthesizer schichten und schichten und gegenseitig im Weg stehen. Dass die Songs dabei eine Schönheit in sich bergen – also rein ästhetisch, melodisch –, denn der Gesang verschluckt sich Gainsbourg-typisch in der eigenen Schüchternheit und Dezenz, ist das eigentlich Wundersame an "Rest". Verweile doch, Augenblick, auch wenn sich niemand so recht sicher ist, was für ein Augenblick das denn sein soll: Denn das hier sind Songs, die wunderschön und traurig wirken, dabei weiß niemand so recht, ob sie nicht einfach nur erbaulich und happy sind. Das kann auch ein Kunststück sein.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • Kate
  • Deadly valentine
  • Led crocodiles

Tracklist

  1. Ring-a-ring o'roses
  2. Lying with you
  3. Kate
  4. Deadly valentine
  5. I'm a lie
  6. Rest
  7. Sylvia says
  8. Songbird in a cage
  9. Dans vos airs
  10. Les crocodiles
  11. Les oxalis

Gesamtspielzeit: 48:24 min.

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User Beitrag

Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2017-11-15 21:29:57 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Leaked
2017-11-14 17:10:17 Uhr
"Rest" geht gut ins Ohr.

First Listen: Charlotte Gainsbourg, 'Rest'
https://www.npr.org/2017/11/13/563281922/first-listen-charlotte-gainsbourg-rest

cargo

Postings: 94

Registriert seit 07.06.2016

2017-10-24 14:31:05 Uhr
Mich erinnert die neue Single vor allen Dingen an einen: ihren Vater. Das ist doch "Melody Nelson" pur. Dass sie von Serge musikalisch sehr beeinflusst wurde ist aber auch nichts Neues.
lösi
2017-10-24 14:23:33 Uhr
ja, genau, der isses. entweder das oder was von john maus.
@lösi
2017-10-24 10:58:52 Uhr
„Sounds Like A Melody“ von Alphaville?
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