Taylor Swift - Reputation

Taylor Swift- Reputation

Big Machine / Universal
VÖ: 10.11.2017

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Mehr Beef als Maredo

Es gibt mit Sicherheit massenhaft bessere Alben als "Reputation", die dieses Jahr veröffentlicht wurden oder es noch werden. Doch kaum eines fasziniert so sehr, indem es – womöglich oft nicht einmal freiwillig – die Realität seiner Schöpferin in interessanten Facetten widerspiegelt. Taylor Swifts Karriere kannte bislang eigentlich nur eine Richtung: nach oben. Jedes ihrer Alben verkaufte mehr als der Vorgänger, auf jedem streifte sie etwas mehr von den Country-Klamotten ab. "1989" war schließlich ein reines Synthpop-Album – und ein tolles noch dazu. Dass sie sich währenddessen nicht nur Freunde machte, liegt in der Natur der Sache. Gifteleien mit Katy Perry bestehen seit Jahren, doch der Zankapfel, an dem sich Swift letztlich verschluckte, kam von Kanye West und Kim Kardashian. So kurz wie möglich: West rappte über sie auf "The life of Pablo" "I made that bitch famous", sagte, Swift sei damit in einem Telefonat okay gewesen, sie dementierte. Bis dann Kardashian einen Mitschnitt des besagten Gesprächs ins Internet lud. Plötzlich sah Swift sich mit allerlei Hass konfrontiert, war als die Schlange im Business verschrien. Während ein Mann wie West also ständig Mist erzählen kann und trotzdem als Held gilt, wird Swift direkt der Zickenstempel aufgedrückt. Warum ihr sechstes Album nun "Reputation" heißt, muss deshalb nicht erklärt werden.

Schon immer wurde spekuliert, inwiefern Swifts Songs autobiografisch zu lesen sind. Als mit "Look what you made me do" die knochentrockene erste Single auftauchte, schien kaum eine zweite Lesart möglich. Ein Vers gegen Kanye und Kim, einer gegen Katy Perry, Spitzen gegen Ex Calvin Harris und natürlich der schon jetzt berüchtigte Breakdown, in dem die "old Taylor" für tot erklärt wird. Wer nun denkt, damit sei die Sache für den Rest der Platte gegessen, hat die 27-Jährige falsch eingeschätzt. "Reputation" strahlt eine fokussierte Verbissenheit, eine Freudlosigkeit aus, es dürfte selbst die zahlreichen Hasser verblüffen. Komplett verschwunden ist die Unbeschwertheit, die "1989" größtenteils ausstrahlte. Es scheint so, als nehme Swift die von der Öffentlichkeit bereitgestellte Rolle als rachsüchtige Furie dankbar an. Ist der Ruf erst ruiniert, kann man mit einem Song namens "This is why we can't have nice things" noch expliziter werden. "Friends don't try to trick you / Get you on the phone and mind-twist you." Der Interpretationsspielraum hat angerufen, er bekommt keine Luft mehr.

Anhand der vier recht breit aufgestellten Vorabsingles war schon zu erwarten, dass viel Trap und Basswummern an Bord ist, Swift den Bogen jedoch auch immer wieder zum organischeren Pop schlägt. Das melodisch starke "King of my heart" verlässt sein knarzendes Beatgerüst stets für eine kurze Gitarrenpassage, mit dem aggressiv bollernden, aber eingängigen "...Ready for it?" und dem warmherzigen Klavierstück "New Year's Day" stehen die größtmöglichen Gegensätze an den beiden Enden der Platte. Die Reise dazwischen verläuft jedoch kaum linear – "Reputation" hat in seiner Gesamtheit etwas Chaotisches. Waren Taylor-Swift-Alben bislang immer schon fast zu strikt zusammengestellte Konfektware, hat es fast den Anschein, als sei das private Durcheinander mit in die Platte geflossen. Eine lahme Nummer wie "Gorgeous" mit ungelenken Zeilen wie "You're so cool / It makes me hate you so much" wäre zudem früher mit Sicherheit im Papierkorb gelandet, hier wurde der mit Abstand schwächste Song sogar noch zur dritten Vorabsingle erkoren.

Doch in diesem ganzen Kuddelmuddel bleibt zumindest eine Sache konsequent: Man nimmt ihr die Verbitterung und ihre Me-against-the-world-Haltung, die auch an unerwarteten Ecken durchblitzt, total ab. "Delicate" ist ein herrliches von Vocoder durchzogenes Liebeslied und kann sich eine Feststellung wie "My reputation's never been worse / So you must like me for me" nicht verkneifen. Dass sie neun Tracks später mit "Call it what you want" exakt den gleichen Gegensatz wiederholt, ist zwar irritierend, das macht der Track mit seiner tollen Harmonie jedoch mehr als wett. Für jedes dieser Highlights gibt es jedoch auch durchraschende Belangosigkeiten. Oder "End game", welches Ed Sheeran und Future an einen Tisch bringt. Swift versucht sich tatsächlich an einer Art Sprechgesang und sorgt damit nur für Facepalms. Sheeran scheint nur deshalb anwesend zu sein, damit Swift nicht für den schlechtesten Rap im Song sorgen muss.

Mit all seiner Unstrukturiertheit, seinem Zick-Zack-Lauf und der unnachgiebigen Attitüde ist "Reputation" ein leichtes Ziel und macht es zugleich auch nicht einfach, es zu mögen. Dass Swift, die hiermit Max Martin und Jack Antonoff zusammengearbeitet hat, trotz der vorherrschenden Planlosigkeit noch einige fruchtbare Momente hervorzaubert, lässt sich jedoch nicht leugnen. "Fakers gonna fake, fake, fake, fake, fake / Baby, I'm just gonna shake, shake, shake, shake, shake / I shake it off", so sang sie noch drei Jahre vorher auf ihrem bis dato größten Hit. "Reputation" macht deutlich, dass es Swift schwerfällt, ihrem eigenen Ratschlag zu folgen. "Another day, another drama / But not for me / All I think about is karma" heißt es hier stattdessen. Vergeben und vergessen? Nur nicht nachtragend sein? Pah! Swift hat noch einige Hühnchen zu rupfen. Und man müsste lügen, wenn man sich nicht hier und da doch mit dieser Haltung identifizieren kann.

(Felix Heinecker)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Delicate
  • Getaway car
  • King of my heart
  • Call it what you want

Tracklist

  1. ...Ready for it?
  2. End game (feat. Ed Sheeran & Future)
  3. I did something bad
  4. Don't blame me
  5. Delicate
  6. Look what you made me do
  7. So it goes...
  8. Gorgeous
  9. Getaway car
  10. King of my heart
  11. Dancing with our hands tied
  12. Dress
  13. This is why we can't have nice things
  14. Call it what you want
  15. New Year's Day

Gesamtspielzeit: 55:50 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Plattenbeau

Postings: 502

Registriert seit 10.02.2014

2018-03-12 10:46:32 Uhr
@Achim

Verglichen mit anderen übersexualisierten Popvideos ist hier doch zumindest ein gewisser Mut zur Hässlichkeit bzw. Normalität drin durch ihre ganzen Grimassen und Albernheiten.

Achim

Postings: 6167

Registriert seit 13.06.2013

2018-03-12 09:57:24 Uhr
Wieder so ein Glitzer-Video. Was soll das? Wer soll sich davon angesprochen fühlen? Zeitgemäß ist das nicht mehr.

(A.)

Felix H

Postings: 2926

Registriert seit 26.02.2016

2018-03-12 09:29:46 Uhr - Newsbeitrag

Pepe

Postings: 213

Registriert seit 14.06.2013

2018-01-13 13:11:36 Uhr
Im Video feiert Taylor Swift mit Ed Sheeran und Future um die Welt: Von Miami über Tokyo nach London. Future begleitet sie auf einer Yacht und im Sportschlitten durch Miami, mit Ed Sheeran trinkt sie Shots in einer Karaoke-Bar in Tokyo. In London treffen sich dann alle zu einer großen Party.

Video und Song genauso nichtssagend, bedeutungslos und daher vollkommen überflüssig und Zeitverschwendung wie der obige entlarvende, schmierige, schwachsinnige Werbetext. Da kommt mir echt die Galle hoch.

Matjes_taet

Postings: 136

Registriert seit 18.10.2017

2018-01-13 12:34:01 Uhr
"Kann weg", "fad", "Was für ein Stück Dreck! " - 3 Meinungen von Chef, Mitarbeiter und Moderator.
Bin aber ganz froh, trotzdem mal reingehört zu haben, einige Songs sind durchaus o.k. - darunter auch das vielgeschmähte "Look what you made me do".
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum