Fjørt - Couleur

Fjørt- Couleur

Grand Hotel van Cleef / Indigo
VÖ: 17.11.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

1933 Gründe

"Es wird laut, wenn Du leise bist!", mahnen Fjørt im Titelsong ihres vierten Albums "Couleur", nachdem sich das Trio mit der Vorliebe für besonders kurze Songtitel mit wahrhaft garstigem Riffing und Double-Bass-Attacke und diesem Biest von Song in Stellung gebracht hat. Der Zeigefinger jedenfalls kommt nicht mit der Brechstange und soll natürlich dennoch aufrütteln, bevor die derzeitige gesellschaftliche Entwicklung sich verselbstständigt: Zu viele Künstler mit dem Potenzial, ihre Zuhörer an Toleranz und Menschlichkeit zu erinnern, gehören zur schweigenden Mehrheit in diesem Land, geben sich aus Angst vor der öffentlichen Debatte oder Gründen monetären Kalküls lieber unpolitisch. Und reihen sich damit ein in die breite Mitte der Gesellschaft, die den Rechtsruck zu dulden scheint, für plumpe Parolen lediglich ein Achselzucken übrig hat. Nein, damit sind Fjørt ganz und gar nicht "D'accord".

Leise zu sein war sowieso noch nie das Ding dieser so talentierten Band, seit die Kritik 2012 mit der Melange aus deutschen Texten und berstendem Post-Hardcore ziemlich "D'accord" war und Fjørt zu so etwas wie den Vorreitern ihrer eigenen kleinen Nische machte. Nun also das vierte Album. Routine? Darüber gibt es hier an dieser Stelle nichts, aber auch gar nichts zu berichten. Wer fälschlicherweise annahm, Fjørt schielten in Zukunft mehr und mehr in Richtung Stadion-Shows oder Unterhaltungsformate fürs deutsche Kartoffel-TV, lasse sich bitte vom Opener "Südwärts" die erste Breitseite verpassen, oder von einer Wuchtbrumme wie "Mitnichten" überfahren. Oder schaue einfach ebenjenen brillanten Albumteaser inklusive fünf Live-Tracks an, in dem die Band ein verlassenes, alt-ehrwürdiges Hotel zerlegen durfte.

Anhänger des Dreigestirns lieben die Gitarrenwände, die Dringlichkeit, mittels derer Fjørt irgendwo zwischen den Polen Hardcore und Post-Rock auf Kraft und Atmosphäre zugleich setzen, und doch immer pointiert zu Potte kommen. "Lichterloh" oder der Titelsong "Kontakt" waren 2016 Paradebeispiele dafür, und das im Gesamtbild überaus homogene "Couleur" hat ähnlich starke Stücke wie "Windschief" oder "Fingerbreit" zu bieten, die ihre Krallen ins Mark bohren. Dabei fällt auf, dass die Band ihre Dramaturgien noch besser ausbalanciert: "Couleur" ist härter als "Kontakt", wenn der Song dazu taugt, und in manchen Phasen zugänglicher denn je und nah am Pop. So überwinden Fjørt die relativ eng gezogenen Grenzen des Genres, immer wieder gelingt es den Aachenern, Varianten auszuloten. "Eden" bekommt ein penetrant feines Keyboard-Sample samt elektronischer Sprenkel verpasst, und derart besessen von Harmonien, wie der Post-Rock-Hit "Magnifique" seine Melodieführung auf die Spitze treibt, hat man das lärmende Trio auch noch nicht gehört.

Nach wie vor sind Fjørt besonders stark, wenn sie dem Hörer scheinbar eine Ruhepause geben, ihn nachdenken lassen, Lyrics und Atmosphäre über Lautstärke stellen. Wie in "Raison", das Sprechgesang und einen verkappten HipHop-Beat zulässt und das Unfassbare – die Mobilisierung einer neu-rechten, teils rassistisch motivierten Bewegung in einem durch die Herrschaft der Nazis einst zerstörten Land – ohne Umschweife an die moralisch marodierenden Wände der Republik malt: "Seh' die Brut, die sich eingelebt / Sich in den letzten 70 Jahren in ihrem Käfig gedreht / Die Renaissance von Nächstenhass und Zensur / Die sind jetzt soweit / Dafür brüllen die hier rum! / Und lausche weiter, dass nur dann alles funktioniert / Wenn im Gleichschritt existiert, was gleich ist und von hier." Wie konnte es soweit kommen? Ein wenig Fassungslosigkeit klingt durch. Wie sehr Musik auch diese kanalisieren kann, beweist "Couleur" in elf eindrucksvollen Akten.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Couleur
  • Raison
  • Magnifique
  • Karat

Tracklist

  1. Südwärts
  2. Couleur
  3. Eden
  4. Mitnichten
  5. Raison
  6. Windschief
  7. Fingerbreit
  8. Magnifique
  9. Bastion
  10. Zutage
  11. Karat

Gesamtspielzeit: 43:10 min.

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Mayakhedive

Postings: 223

Registriert seit 16.08.2017

2018-02-10 05:42:04 Uhr
Der Gesangs-Part ist auch für mich ein herber Schwachpunkt. Zumal er sich irgendwie nicht zwischem normalem Singen und richtig wüstem Geschrei entscheiden kann und sich das alles so im Grenzland dazwischen abspielt.
In Summe klingt das dann auf Albumlänge, wie weiter oben schon jemand schrob, alles irgendwie gleich und langweilt/nervt mich recht schnell. Schade.

hubschrauberpilot

Postings: 4565

Registriert seit 13.06.2013

2018-02-09 22:47:30 Uhr
Muss meinen extrem positiven Ersteindruck auch ein bißchen nach unten schrauben. Hätte mir mehr cleanen Gesang gewünscht.
Kai-Uwe
2018-02-09 13:13:21 Uhr
Ich schon(Danke Miri).

eric

Postings: 1847

Registriert seit 14.06.2013

2018-02-07 11:28:07 Uhr
Live haben sie sich nochmal arg gesteigert. Selten an einem Sonntag (letzte Woche) so umgeblasen worden.
ganz okay
2018-02-06 22:46:25 Uhr
hm wie nennt man das jetzt eigentlich? Hipstercore?

Das ist doch alles leider sehr gleichförmig geraten. Sehr variabel sind sie nicht.

Das Setting der Videos ist toll. Aber ein Album brauche ich davon nicht. 2-3 Songs tun's auch, damit ist eigentlich alles abgedeckt.
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