Lunatic Soul - Fractured

Lunatic Soul- Fractured

Kscope / Edel
VÖ: 13.10.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Am Ende steht ein Anfang

Es gibt so Jahre im Leben, da fragt man sich, was das alles soll. Und ob irgendjemand dieses Jahr bitte gerne zurückhaben möchte, da es komplett ruiniert ist. Für Mariusz Duda war 2016 so eines. Tragisch genug, dass im Februar jenes Jahres mit Piotr Grudziński nicht nur ein Kollege aus der gemeinsamen Band Riverside, sondern auch ein langjähriger guter Freund plötzlich und unerwartet starb. Darüber hinaus hatte Duda auch den Verlust des Vaters zu verkraften. Bekanntermaßen verarbeitet jeder solche Schicksalsschläge auf seine ganz persönliche Art und Weise. Während die Band also beschloss, den vakanten Platz nicht wieder zu besetzen und fortan als Trio weiterzumachen, versuchte ihr Frontmann und Bassist, aus dieser Trauer um zwei geliebte Menschen kreative Energie zu schöpfen. Womit Lunatic Soul ins Spiel kommt, das Soloprojekt des Polen, in dem er sich schon immer durch besondere Tiefgründigkeit auszeichnete und mehr als nur einmal sein Innerstes nach außen kehrte.

Nun ist das Ergebnis in Form von "Fractured" allerdings, so viel darf man direkt festhalten, von jeglicher Larmoyanz so weit entfernt wie von rifforientierten Urschrei-Therapien. Und doch überrascht der Opener "Blood on the tightrope" mit elektronischen Soundlandschaften, die zwar schon immer irgendwie zu Lunatic Soul gehörten, aber selten so offen zu Tage traten wie hier. Ein hypnotischer Beat durchzieht den Song, der zudem gleich mehrfach durch flirrende Synthesizer aus der Melancholie gerissen wird, bis am Ende hektische TripHop-Beats den vermeintlich vergeblichen Kampf mit sich selbst und dem Leben spürbar machen. "Every day / Every night / We're getting close / Then we lose control." Gänzlich anders gelagert hingegen ist das folgende "Anymore", das vor allem durch das fasziniert, was gerade nicht passiert. Denn die Kunst des Weglassens sorgt hier für unglaubliche Intensität, während Duda eindringlich die Lücke beschreibt, die sein Vater hinterlässt: "I need to show you what I'm like / What I've achieved / What I've understood / Then you might tell me you're proud of me / But you don't talk to me anymore."

"Hypnotisch" ist ohnehin ein gutes Stichwort. Denn "Red light escape" ist genau dies, unterfüttert von einem ganz sanften und dadurch latent bedrohlichen Beat. Und plötzlich sind die ganz großen Taten eines Steven Wilson ganz nahe, während das virtuose Bass-Spiel als Dudas Alleinstellungsmerkmal einen dicken Teppich legt. Dass der Pole die vier Saiten meisterhaft beherrscht, zeigt er völlig unprätentiös im Titeltrack, der im Prinzip einen einzigen Basslauf immer wieder moduliert, modifiziert, umbaut, ohne jedoch in selbstverliebtes Gefrickel abzudriften. Das größte Meisterwerk soll jedoch erst folgen. So viele Durchläufe, so viele Versuche zu begreifen, welche Intensität sich mit "A thousand shards of heaven" entfaltet. Die am Ende immer noch nicht ausreichen. Ein Requiem für einen Freund, voller Trauer. Und doch voller Kraft, voller Mut, trotz aller Nackenschläge weiterzumachen: "I want to feel what it's like / When sorrow turns into strength." Eine emotionale Reise über zwölf Minuten, die vermeintlich so einfach gestrickt ist – und dabei so vielschichtig, musikalisch wie textlich. Seit Wilsons "Drive home" hat wohl kaum ein Song so tief berührt. Was für eine unfassbare Pracht, die alleine jeden einzelnen verdammten Cent für diese Platte wert ist.

Es fällt schwer, nach diesem Geschenk die abschließenden Songs angemessen zu würdigen. Und das ist vermutlich das einzige, was einem Kritikpunkt in Ansätzen nahekäme. Denn "Fractured" ist mehr als nur eine großartige Platte. So persönlich das Album inhaltlich ist, so zugänglich erweist es sich musikalisch, zugänglich wie selten bei Lunatic Soul. Genau dadurch allerdings entsteht erst die Chance, tiefer, immer tiefer in diese Vielschichtigkeit einzutauchen. Zu genießen. Und nicht wieder losgelassen zu werden. Es gibt nur einen weiteren Künstler, der zu einer solchen Wucht, einer solchen Magie imstande ist. Dieser Steven Wilson hat durch seinen selbst gewählten Pop-Ausflug"To the bone" eine Lücke hinterlassen, die zunächst nicht absehbar zu füllen schien. Mariusz Duda schließt sie mit Lunatic Soul in höchst beeindruckender Manier. Denn 2016 dürfte für Duda nicht mehr ein Jahr voller Schicksalsschläge sein, sondern dasjenige, das ihn bei aller Trauer zu einem großartigen Album inspiriert hat. Aus den Scherben der Seele, die das Artwork darstellen soll, ist Großes entstanden.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Anymore
  • Red light escape
  • A thousand shards of heaven

Tracklist

  1. Blood on the tightrope
  2. Anymore
  3. Crumbling teeth and the owl eyes
  4. Red light escape
  5. Fractured
  6. A thousand shards of heaven
  7. Battlefield
  8. Moving on

Gesamtspielzeit: 55:34 min.

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MasterOfDisaster69

Postings: 277

Registriert seit 19.05.2014

2017-11-12 13:51:32 Uhr
Sicher eine der guten Platten in 2017, allerdings bin ich noch nicht so ganz warm mit allen Songs auf dem Album. Mit dem Titelsong zB kann ich nichts anfangen, skip !

Die letzten 3 Songs finde ich besonders stark, und noch Red Light Escape.

Und mit Moving On bringt er den besten Depeche Mode-Song seit Jahren !!

https://www.youtube.com/watch?v=iQAXz81WZGk

7.5/10

Porcurillion

Postings: 7

Registriert seit 24.07.2017

2017-11-11 16:36:07 Uhr
Die Musik von Duda ist emotionaler, mit dem Herzen gemacht. Dabei ist er aber aber von der Melodie her in einem eher begrenzten "Duda-Universum". Immerhin erweitert er hier die Auswahl der Instrumente und experimentiert gekonnt mit elektronischen Sounds. Viele Versatzstücke kommen einem mittlerweile bekannt vor. Sowas "passiert" Wilson nir gelegentlich.

Wilson konstruiert Musik mit dem Kopf und hat dabei kaum Grenzen bei dem, was er da perfektionistisch konstruiert (oder bei wem er klaut). Das Ergebnis zielt eher auf den Kopf und die Ohren als auf die Seele.

Duda hat ausserdem die heftigere Gangart fast vollkommen vergessen. Auf die Dauer ist mir das halt zu gefühlsduselig und langweilig, wobei das jetzt ein bißchen zu überspitzt ausgedrückt ist.





Marküs
2017-11-11 13:58:26 Uhr
Ne es ist natürlich ein unumstößliches objektiviertes Urteil

Gomes21

Postings: 1779

Registriert seit 20.06.2013

2017-11-11 12:31:35 Uhr
Bin großer Fan von Dudas Musik, aber das Album kann mich bisher leider noch nicht so richtig mitreißen wie Walking on a Flashlight Beam
Dude:
2017-11-11 12:18:52 Uhr
Ja...weißt du...das ist vielleicht...deine Meinung, Mann.
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