Dillon - Kind

Dillon- Kind

PIAS / Rough Trade
VÖ: 10.11.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Leiden schafft

Dillons Musik war noch nie einfach zu fassen. Entzog sich die damals 23-Jährige schon auf ihrem Debüt "This silence kills" jeder simplen Indie-Emo-Girl-Kategorisierung, die das Coverfoto vielleicht suggerierte, war der von Schreibblockaden geprägte Nachfolger "The unknown" ein noch sehr viel weniger greifbares Biest. "Schreiben ist für mich eine wahnsinnige Herausforderung, eine freiwillige Tortur", sagte sie selbst über den Entstehungsprozess ihrer Kunst. Und der düsteren Abgründigkeit, die die zuckersüßen Pop-Momente von "Tip tapping" oder "Thirteen thirtyfive" fast gänzlich vermissen ließ, hörte man das auch an. Weitere drei Jahre später zeigt sich Dominique Dillon de Byington nun ohne Leichenblässe und mit buntem Blumenschmuck statt Kajal, blickt einem unbestimmbaren Gegenüber möglicherweise direkt in die Augen. "Kind" ist ein Konzeptalbum über die Liebe, doch Dillon wäre nicht Dillon, wenn sie es dem Hörer hier in irgendeiner Weise leicht machen würde.

So unklar wie der Empfänger ihres undefinierbaren Gesichtsausdrucks auf dem Coverbild ist, so wenig konkretisiert sie auch das Ziel ihrer Texte. Dillon ist keine Geschichtenerzählerin, sondern eine exzellente Stimmungsfängerin, die ihre eigene Gefühlswelt abstrakt genug zu vermitteln weiß, um ihr ein universelles Bedeutungspotenzial zu verleihen. Sie und ihr Produzententeam haben dafür auch erneut das perfekt passende Soundbild gefunden, spärliche Electro-Pop-Dekonstruktionen, oft nur auf Piano und einem Beat basierend und immer wieder mit ungemein wirkungsvollen Bläsereinsätzen, wie zum Beispiel im tief unter die Haut gehenden "Stem and leaf". Bei aller Melancholie und der Leidensfähigkeit von Dillons noch immer einzigartiger Stimme ist gleichzeitig eine neue alte Leichtigkeit in ihre Musik eingekehrt, das schwarze Loch, das "The unknown" noch war, lässt, physikalisch inkorrekt, wieder vereinzelte Lichtstrahlen durch. Sollte das Schaffen von "Kind" auch von kreativer Qual geprägt worden sein, sie ist zumindest für den Rezipienten nur noch teilweise spürbar.

War das vorab veröffentlichte "Shades fade" bereits für die Verhältnisse der Deutsch-Brasilianerin fast schon entspannend, entledigt sie sich an anderer Stelle komplett jeder musikalischen Last. Für das Herz von "Kind" hat sie mit "Te procuro" und "The present" zwei zusammen keine vier Minuten dauernden Songs alleine mit ihrem Smartphone aufgenommen. Ersteres ist eine an Intensität kaum zu überbietende, auf Portugiesisch gesungene Klavierskizze für ihre Mutter; letzteres verzichtet ganz auf Unterstützung für ihre improvisiert klingende Gesangsmelodie, im Hintergrund sind Vogelgezwitscher und ihre eigenen Atempausen zu hören. "How tall will I grow?" fragt sie im Opener und Titelstück, "Only time will show" entgegnet ihr Tocotronics Dirk von Lowtzow, während ihr Wechselspiel immer wieder von plötzlichen Bläsern unterbrochen wird. Noch nie war Dillons Musik aufgeräumter, detailverliebter und schlicht besser arrangiert als in diesem minimalistischen Meisterwerk.

Auch "Lullaby" besteht aus kaum mehr als einem skelettartigen Percussion-Gerüst, auf dem sich die Berlinerin kurzerhand ihr eigenes Schlaflied singt. Die zweite Hälfte des Albums ist merklich üppiger produziert, das fantastische "Contact us" entwickelt sich von einer zarten Ballade zu dem, was einer "Club-Hymne" hier am nächsten kommt, während der zweite Teil des Eröffnungssongs stampfende Drums und technoide Synthie-Loops stapelt. Von Lowtzow ist hier nicht mehr zu hören, doch wozu auch, wenn Dillon schon längst keine Fragen mehr stellt, sondern selbst nur noch Antworten gibt. Ob man das nicht einfach Art-Pop nennen könne, fragte Kollege Müller noch in seiner Rezension zum Vorgänger, doch die damit einhergehende Assoziation eines im Vordergrund stehenden Kunstgedankens würde "Kind" nicht mehr gerecht werden, da die 29-Jährige hier ihr bisher intimstes Werk präsentiert. Auch wenn die abstrakten Texte und das sperrige Songwriting mal wieder einiges an Überwindungskraft kosten, hat man sich erst einmal durchgedrungen, ist man Dillon so nah wie nie zuvor.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Kind
  • Stem and leaf
  • Te procuro
  • Contact us

Tracklist

  1. Kind
  2. Stem and leaf
  3. Shades fade
  4. Lullaby
  5. Te procuro
  6. The present
  7. Regular movements
  8. Contact us
  9. Killing time
  10. 2. Kind

Gesamtspielzeit: 35:03 min.

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User Beitrag

Armin

Postings: 12185

Registriert seit 08.01.2012

2018-03-16 18:30:29 Uhr - Newsbeitrag
Anfang der Woche hatte sich Dillon übrigens auch selbst geäußert:
https://www.egofm.de/musik/news/streit-auf-dillon-konzert

Der Audio-Mitschnitt lässt vermuten, dass sie vielleicht die Diskussionen auf unserer Facebook-Seite meint, weil sie sich auf die Zettel bezieht.

MopedTobias

Postings: 9412

Registriert seit 10.09.2013

2018-03-15 22:45:19 Uhr
Als Performerin ist es ihr gutes Recht, die für sie am besten geeignete Atmosphäre anstreben zu wollen.

"Soll die Dame doch im Opernhaus auftreten."

Hatten wir oben schon, vielleicht wollte sie das ja?
Generation Spießtrottel
2018-03-15 22:21:39 Uhr
Die neue Spießigkeit, das trifft es ganz gut! Dazu noch eine Portion Egoismus (IHR sollt nichts trinken weil ICH meine Ruhe haben will) und mangelnde Toleranz.

Verstehe nicht warum hier immer ein unbedingter Zusammenhang zwischen Schwaflern und Bierholern hergestellt wird. Stand oft genug neben dauersabbelnden Leuten, die sich den ganzen Abend kein Getränk geholt haben.
Die neue Spießigkeit?
2018-03-15 21:14:47 Uhr
Soll die Dame doch im Opernhaus auftreten.

Superhelge

Postings: 607

Registriert seit 15.06.2013

2018-03-15 20:59:36 Uhr
@nörtz: guter Versuch ;-)

Solche Typen gibts aber immer - denn nicht jeder ist immer ganz freiwillig auf Konzerten...

Genauso schlimm sind aber die, die auf Rockkonzerten so gar nicht mitgehen können/wollen und nur blöd rumstehen... na ja, wenn man von früher hpts. Metalkonzerte kennt, ist man eben anderes gewohnt :-)



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