Fever Ray - Plunge

Fever Ray- Plunge

Rabid / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 27.10.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Sex und Gewalt

Und plötzlich ist da das Video zur ersten Single des bis vor kurzem vollkommen unerwarteten zweiten Fever-Ray-Albums "Plunge". Unverschämt poppig kommt dieser funkelnde Synth-Hit "To the moon and back" daher, mit einer Eingängigkeit, die Karin Dreijer Andersson solo und als Teil von The Knife doch eigentlich nach "Deep cuts" weiträumig umschifft hatte. Zu schlucken gab es dennoch einiges. Eine glätzköpfige, androgyne Kreatur als Hauptfigur, Spiele mit Körperflüssigkeiten und die Textzeile, die bereits für Diskussionen sorgte: "I want to run my fingers up your pussy." Wer glaubt, dass Dreijer Andersson plötzlich die Objektivierung der Frau propagiert, der glaubt auch an fliegende dreiköpfige Affen. Denn zum einen dient die Zeile als Denkanstoß. Dürfte ein Mann so etwas von sich geben? Ist es denn nicht ohnehin einfach ein Ausdruck gieriger Lust? Zum anderen übersieht man vielleicht, was der Provokation vorangeht: "First I take you, then you take me / Breathe some life into a fantasy." Klare Rollenverteilung? Hier mit Sicherheit nicht.

Als Einstimmung für die Themen von "Plunge" ist "To the moon and back" insofern geeignet, dass es auf die Vermischung von Gender, Lust und den Grenzen zur Gewalt einstimmt. "Es störte mich immer, dass Gewalt so intim ist wie Liebe, aber ich sehe, dass Du das Problem gelöst hast durch die Verschmelzung der beiden", heißt es programmatisch fortführend im begleitenden Manifest. Dreijer Anderssons Texte sind nach dem stichelnden The-Knife-Werk "Shaking the habitual" von 2013 sogar noch expliziter geworden, teilweise schon grell nach Aufmerksamkeit schreiend. Allein das bissig umherschleichende "This country" enthält gefühlt mehr Slogans als ein Demonstrationszug, von "Free abortions / And clean water / Destroy nuclear / Destroy boring" über "The perverts define my fuck history" zu "Every time we fuck we win / This house makes it hard to fuck! / This country makes it hard to fuck!". Solche Manifeste der sexuellen Freiheit werden verpackt in Songs, die sich im Gegensatz zu den Texten selten wirklich quer stellen und deutlich mehr Feuer haben, als es die abgeklärten Stücke des nach wie vor fantastischen Debüts noch zuließen.

"Plunge" funktioniert somit auch als eine Art Zwischenfazit von Dreijer Anderssons bisherigem Output. Die quirlig springenden Synthies der frühen The-Knife-Alben, die Schattenwelt aus "Silent shout", die leicht karibisch anmutenden Klangtupfer von "Fever Ray", der provokative Habitus, der mit "Shaking the habitual" kultiviert wurde – alles findet sich aufgesogen wieder, vermengt in ein Album, das in seiner Sache trotzdem unglaublich entschlossen wirkt. Zwar ist die Single bereits der am direktesten kickende Song gewesen, doch auch der mit Sirenen heulende Opener "Wanna sip" platziert sich flott im Gedächtnis, während das wunderbar hektische "IDK about you" Samba auf den Nervensträngen tanzt. Den entspannteren Sound des ersten Albums suchen "Mustn't hurry" oder das mit fantastischen Streichern ausgestattete "Red trails", welches auch den Provokationsfaktor im Text zugunsten einer schmerzlichen Liebesabrechnung zurückschraubt. "Waiting for your love to happen / Is like waiting for a drug that never kicks in."

Als reine Tabubruch-Orgie sollte "Plunge" deshalb auf keinen Fall gesehen werden, dafür ist es zu vielschichtig und zu divers. Der sogar einigermaßen clubtauglich pumpende Titeltrack kommt gar gänzlich instrumental aus, "Falling" gestikuliert ähnlich wie "Coconut" vom Debüt lange und langsam, bis die Schwedin abstrakte Bilder wie "A queer healing / Mom just had a feeling" einflüstert. "She's making me feel dirty again" – Liebe und Sex sind auf "Plunge" ständig mit Abgründen aus Dreck, Gewalt und Schmerz in Berührung. "Imagine lost at sea / Imagine using me", fordert Dreijer Andersson im Closer "Mama's hand", bevor die Lyrik in beinahe klassische Gefilde driftet. "The final puzzle piece / This little thing called love." Das an "One hit" von "Silent shout" erinnernde "An itch" schaukelt sich indes in die unerhörteste Fantasie überhaupt. "Imagine / Touched by somebody who loves you." "Is this desire?", fragte PJ Harvey einst. Knapp 20 Jahre später gibt "Plunge" zwar keine klar verständliche Antwort darauf, vertieft aber den Diskurs darüber in allen denkbaren Facetten.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Mustn't hurry
  • To the moon and back
  • Red trails
  • An itch

Tracklist

  1. Wanna sip
  2. Mustn't hurry
  3. A part of us (feat. Tami T)
  4. Falling
  5. IDK about you
  6. This country
  7. Plunge
  8. To the moon and back
  9. Red trails
  10. An itch
  11. Mama's hand

Gesamtspielzeit: 47:01 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Sean Kowalski
2018-08-06 21:45:13 Uhr
Your music is special and is really good and I hope she will come to Germany and play in Gelsenkirchen in the Veltins Arena it would be on stage live so giant I love to see her live

boneless

Postings: 1994

Registriert seit 13.05.2014

2018-06-25 21:31:20 Uhr
Die letzten zwei Videos/Songs lassen nur einen Schluss zu: Karin Dreijer hat Fever Ray zu Grabe getragen. :/ Wenigstens bleibt einem noch das wundervolle Debut.

Felix H

Postings: 2925

Registriert seit 26.02.2016

2018-06-21 08:22:01 Uhr - Newsbeitrag

Felix H

Postings: 2925

Registriert seit 26.02.2016

2018-02-19 09:02:43 Uhr - Newsbeitrag

Stefan261117
2017-11-26 10:42:15 Uhr
Das erste Album von Fever Ray hätte mindestens eine 9/10 verdient und dass dieses Album nun eine bessere Bewertung bekommen hat ist ein echter Witz. Plunge ist eine Ansammlung von B-Seiten, es zeigt sich auf dem Album einfach keine Form von Kohärenz und schon gar nicht ein künstlerischer Stempel, der einem Projekt zuordenbar ist. Ein paar Tracks sind echt toll und hätten so auch auf dem Debüt drauf sein können (Mustn't Hurry, A Part of Us, Red Trails), dann sind da Sachen drauf, bei denen ich mich beim Hören fremdschäme (IDK about you, This Country) und der Rest passt zu gar nichts dazu. Ich weiß echt nicht, ob ich mich über das neue Album freuen soll. Ich habe das Gefühl, Frau Dreijer weiß selbst nicht so wirklich, was sie will.
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