Weekend - Keiner ist gestorben

Weekend- Keiner ist gestorben

Chimperator / Groove Attack
VÖ: 13.10.2017

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Heldengeschichten

"Es ist der lange blonde Spasti mit der scheiß Frisur / Ich will die Erde retten, ich! / Ich will die Erde retten / Aber schlaf' bis 13 Uhr" – Dadäng! Eingescratchter Auftritt Weekend. Der gutwillige, aber in der Normalität gefangene Schlacks mit dem Chimperator-Deal ist zurück. Dieses gegenläufig arbeitende "Ausschlussprinzip" des Auftaktsongs ist auch das Prinzip von Christoph Wiegand. Er rappt schon eine Weile, gewann mit Selbstironie und einer quasi Unangreifbarkeit mehrmals ein mittlerweile ziemlich irrelevant gewordenes Video-Battle-Turnier, und kämpft seit der musikalischen Abnabelung auf seine Weise gegen das Schlechte in der Welt. Die Beschissenheit der gegenwärtigen Dinge liegt dabei nicht nur in der Rap-Szene, sondern hängt auch an all den Fallstricken, die das Leben mit sich bringt. Weekend holt zum Gegenangriff aus – und so wird kräftig abgeledert. Mit einer ziemlichen Schonungslosigkeit gegenüber sich selbst gewinnt er die Freiheit des Frontal-Angriffs. Der gebürtige Gelsenkirchner ist nicht der Einzige in Rap-Deutschland, der auf diese Weise probiert, ein bisschen gegen die gesellschaftliche Schieflage anzuarbeiten. Edgar Wasser, Fatoni, 3Plusss, Audio88 & Yassin und wie sie alle heißen, beißen sich mit ähnlichem Hang zu Sarkasmus und Selbstironie ins Gewissen der Republik. Und fast alle Verbündeten dieses Korrektivs sind auf Weekends neuer Platte "Keiner ist gestorben" vertreten.

Deutschraps Untergrund-Avenger sparen auch nicht mit beißendem Spott. "Wie ein Opfer" macht sich darüber lustig, wie verschwenderisch die vermeintlich clevereren MCs mit ihren Talenten umgehen. Sie machen das nicht für den unendlichen Spaß des Publikums, sondern weil sie einfach rappen wollen und zwar abseits all der Posen und Phrasen. Hier geht es um eine größere Mission: erstmal das Päckchen abschmeißen, das einen selbst bremst und gleichzeitig auf den üppigen Ballast einer Republik im Dämmerzustand eindreschen. Die Zeitkritik kommt gegenwärtig auf Kopfnicker-Beats, ohne so eindeutig zu politisieren wie etwa Zugezogen Maskulin, Sookee oder jene andere, die probieren Inhalt und Form auszubalancieren. Der Zeigefinger wippt höchstens mit, aber hebt sich nie auf mahnende Höhe. "Ich will dass irgendwas kaputt geht" und "Geld" sind dann auch die entsprechenden anti-kapitalistischen Schläge auf den Hinterkopf, ohne mit Enthauptung zu drohen. Es geht aber auch anders: Beim vermeintlichen Statusbericht eines Sozialarbeiters in "Kinder machen" mit Edgar Wasser schnürt es einem das Lachen ab. Was sich anhört wie eine dystopische Erzählung, ist mitunter ein Teil der bitteren Realität derer, die sich abgehängt fühlen. Das ist allerdings leider auch das einzige Mal, dass die gerappte Gesellschafts-Anklage mehr ist als eine Sammlung gut getimter Seitenhiebe.

Da es die meisten Superhelden-Geschichten ebenso nicht zu Oscar-Ehren bringen, beweist Weekend Einsicht, sobald er "Die Rede für den Preis den ich nie kriegen werde" vorträgt. Der Auskotz-Schwall ist dementsprechend raumfüllend. Wennn schon abgehen, dann mit einem Knall. Weekend macht sich nochmal final gerade und rasiert ekelhafte Gesellschaftsphänome, den Rap der anderen und Marketingmaßnahmen in einem Abwasch. Natürlich ist auch erneut er selbst und die eigene Trägheit Zielscheibe in dem beständigen Kampf gegen Windmühlen. Aber irgendwer muss ja irgendwo anfangen. Denn: "Ritter ist ein Job, der bringt Verantwortung mit", und gerade als Don Quijote im Angesicht globaler Eitelkeiten wird Normalität zur Besonderheit, aber auch zu einem sich ständig wiederholenden Konzept. Dieser Eigenschaft scheint sich Wiegand bewusst und erzählt in normaler Sprache normale Dinge über den normalen Wahnsinn. Tja, "Superheld ist ein scheiss Job", aber der Dreck der Welt stinkt nicht weniger, nur weil man eine Nasenklammer trägt. Durch Stillhalten wird das Leben halt nicht besser und Gott ist schließlich so sehr angetan, dass er Fanpost schickt. Der da im Himmel erwartet, dass wenigstens ein Rapper hier unten abliefert – muss ja!

(Michael Rubach)

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Highlights

  • Kinder machen (feat. Edgar Wasser)
  • Fanpost von Gott
  • Die Rede für den Preis den ich nie kriegen werde

Tracklist

  1. Ausschlussprinzip
  2. Keiner ist gestorben
  3. Sofa King
  4. Lass uns Feinde sein
  5. Superheld ist ein scheiss Job
  6. Köpfe (feat. Sorgenkind)
  7. Life is a bitch II
  8. Wie ein Opfer (feat. 3Plusss und Fatoni)
  9. Ich will dass irgendwas kaputtgeht
  10. Geld
  11. Kinder machen (feat. Edgar Wasser)
  12. Fanpost von Gott
  13. Bottom
  14. Die Rede für den Preis den ich nie kriegen werde

Gesamtspielzeit: 47:17 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Hits mit Hack
2017-10-31 08:57:13 Uhr
"Weekend - Keiner ist gestorben" klingt wie ne stumpfe Ami-Horror-Teenie-Komödie ala Scary Movie

Armin

Postings: 15703

Registriert seit 08.01.2012

2017-10-25 22:11:33 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Postings: 15703

Registriert seit 08.01.2012

2017-07-26 20:06:02 Uhr - Newsbeitrag

WEEKEND
Album: Keiner ist gestorben
Album VÖ: 13.10.2017
Chimperator Productions / Groove Attack
WEEKEND



"Weekend ist back.“ Ein Satz aus der Deutschrap-Klischee-Floskelsammlung, der schlicht wahr ist, wenn sich Weekend nach zwei Jahren Albumabstinenz zurückmeldet. Aber auch ein Satz, den man sich eigentlich sparen sollte, will man angemessen über das neue Album des Wahl-Stuttgarters sprechen: Denn mit Deutschrap-Klischees will Weekend genau so wenig zu tun haben, wie mit allen anderen Formen organisierten Stumpfsinns – und teilt entsprechend aus: Wer Dummheit scheiße findet, wird „Keiner ist gestorben“ lieben.

Zwei Jahre Auszeit von der Öffentlichkeit hat sich Weekend seit „Musik für die die nicht so gerne denken“ gegönnt, zwei Jahre, in denen sich in Rap-Game und deutscher Gesellschaft einiges entwickelt hat – und das in vielerlei Hinsicht nicht zum Guten. „Ich bin zurück und finde alles scheiße“, fasst Weekend seinen derzeitigen Mindstate und das neue Album zusammen. Und bleibt sich damit auf erfrischende Art und Weise treu: Denn seit der blonde Sympath mit Sozialarbeiterhintergrund zum ersten Mal ans Mic steppte, tat er das mit einer für Rap essenziellen Grundhaltung: „Meine Herangehensweise ist eine Battle-Perspektive. Das aber mittlerweile nicht mehr gegen einen Battlegegner, sondern gegen Sachen, die ich scheiße finde. Und da gehört die aktuelle politische Entwicklung hierzulande auf jeden Fall dazu.“

Dass dabei auf Beobachtung und Analyse weder Zeigefinger noch Verbesserungsvorschlag folgen, macht Weekends Battle gegen die Verhältnisse zu einer Angelegenheit mit großem Unterhaltungs- und Identifikationswert: „Geld ist ein Hurensohn, Geld kann sich ficken“ etwa, wie es in der Hook zu „Geld“ heißt, ist bestimmt nicht der Weisheit letzter Schluss in Sachen Kapitalismuskritik. Aber eben eine Punchline, die jeder fühlen kann, der sich schon mal Gedanken zu Reichtum und Armut gemacht hat. Und ein Ohrwurm, der spätestens immer dann im Kopf aufpoppt, wenn man Richtung Monatsende seinen Kontostand checkt.

Wie voll Weekend die Nase hat, illustriert auch die erste Single: „Rap ist tot, ich fühle nix/Der Missgeburten-Reggaeton im Club hat mein Gehirn gefickt“, beschreibt er die aktuelle Deutschrap-Landschaft aus seiner Perspektive, um dann das passende Resümee zu ziehen: „Ich will, dass irgendwas kaputtgeht.“

Auch musikalisch schlägt Weekend in eine Kerbe, die er sich mit seinen vorhergehenden Alben selbst geschnitzt hat: Anstatt der aktuell vom Zeitgeist vorgeschriebenen Einheits-Soundästhetik nachzuhecheln, lässt es Weekend auf „Keiner ist gestorben“ in Boombap-Rhythmik gehörig scheppern, ohne auch nur ansatzweise irgendwelche Retro-Gelüste zu bedienen – „fette Beats“, würde die Deutschrap-Klischee-Floskelsammlung vorschlagen. Aber so was wollten wir uns ja sparen. Und lieber genießen, wie treffsicher Weekend seinen Unmut auf alles einprasseln lässt, was scheiße ist. Denn das kann nun wirklich niemand so gut wie er.

WEEKEND
Keiner ist gestorben Tour 2018

10.01.18 Hannover LUX
11.01.18 Dortmund FZW
12.01.18 Münster Skaters Palace
13.01.18 Heidelberg halle02
14.01.18 Saarbrücken Garage

17.01.18 Salzburg Rockhouse
18.01.18 Wien B72
19.01.18 Zürich Werk 21
20.01.18 Stuttgart Schräglage
21.01.18 München Hansa 39

24.01.18 Köln Gebäude 9
25.01.18 Franfurt Das Bett
26.01.18 Hamburg Knust
27.01.18 Berlin Musik & Frieden
28.01.18 Leipzig Naumanns

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