Anti-Flag - American fall

Anti-Flag- American fall

Spinefarm / Caroline / Universal
VÖ: 03.11.2017

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Gegen die Wand

Wisst Ihr noch? Die Jahre der Bush-Regierung? Eine wahre Blütezeit für den amerikanischen Punkrock. George W. Bush war natürlich nicht das erste Staatsoberhaupt, das Ziel heftiger Attacken seitens der Community wurde, aber die öffentliche Wahrnehmung des damaligen US-Präsidenten als intellektuell beschränkter Kriegstreiber führte doch zu einer Renaissance der politischen Musik. Kaum eine einschlägige Band ließ es sich nehmen, Bush in ihrer Musik zu thematisieren und zu kritisieren. Unter Obama verebbte diese Welle wieder, obwohl auch dieser Präsident sich nach Meinung vieler die Hände schmutzig machte und so manches Gesetz eher frei interpretierte. Aber er war einfach so sympathisch: dieses Lächeln, dieser Esprit, dieses verheißungsvolle Gerede von Veränderung. Und da Obama öffentlich als klarer Gegenentwurf seines Vorgängers wahrgenommen wurde, hielten beinahe alle Punkrocker mit Reichweite die Füße still. Obama war immerhin besser als McCain und galt in links-liberalen Kreisen zumindest als Schritt in die richtige Richtung, als Symptom eines gesellschaftlichen Umbruchs, ja manchen sogar als Retter. Auch wenn eine ganze Menge an Vorwürfen, die man Bush machte, vielleicht eins zu eins auf Obama übertragbar gewesen wären, war den Linken mit dem Ende der Bush-Ära schlicht und einfach ein klar definiertes Feindbild abhanden gekommen. Dieses ist nun wieder da, und zwar größer und wahnsinniger als je zuvor! Schon beeindruckend, dass der alte Feind Bush im Vergleich zum jetzigen Commander-in-Chief Trump nicht nur sympathischer wirkt, sondern auch noch vernünftiger, staatsmännischer und ja, irgendwie auch intelligenter. Wer hätte das je gedacht? Der Feind ist also wieder klar definiert. Eine Person steht exemplarisch für eine ganze Bewegung der Rückständigen und Hasserfüllten. Der amerikanische Herbst bricht an. Oder doch bereits der amerikanische Niedergang? Anti-Flag, übernehmen Sie.

Mit ihrem neuen Album "American fall" liefern Anti-Flag einen schlagkräftigen Kommentar zur aktuellen Weltlage ab. Nicht dass diese Welt bisher perfekt gewesen wäre und erst die Wahl Trumps sie ins Unheil gestürzt hätte, aber die neue Symbolfigur im Weißen Haus scheint es Anti-Flag doch einfacher zu machen, ihren Unmut deutlich zu artikulieren. Die letzten Anti-Flag-Alben krankten ein wenig daran, dass den besungenen Missständen ein Gesicht fehlte, in das man seine Kritik hätte brüllen können, und so wirkte diese zwar berechtigt wie eh und je, aber eben auch ein wenig schwach und platt. Auf "American fall" blühen die Pittsburgher dagegen wieder richtig auf. Im Opener "American attraction" wagen Anti-Flag eine Bestandsaufnahme. "This propaganda so impossible to resist / Where ideology replaces being honest", heißt es da. Die Anziehungskraft Amerikas beruhe auf den falschen Versprechungen der Mächtigen, dass jeder alles erreichen könne. Der Einzelne solle durch Propaganda dazu angehalten werden, diesem Traum nachzujagen und dabei bloß nicht zu viel über die Probleme des Landes nachdenken, Ideologie schlägt Wahrheit. "When the wall falls" prangert mit simplen, aber cleveren Lyrics mangelnde Solidarität der Menschen untereinander an. In "Liar" holen Anti-Flag dann offenbar zum großen Schlag gegen Endgegner Trump aus: "I'll never trust you / You're jist a liar / Closing the border / Of the fallen empire." "Racists" handelt von dem erstarkenden Rassismus, der unter Trump immer weiter in die Mitte der Gesellschaft schleicht: "You're such a fucking cliche / The way define 'them' and 'us' / Those you fear and those you trust." Insgesamt bildet "American fall" textlich einen heftigen Rundumschlag ab. Zentrum des Angriffs ist die neue Rechte samt ihrer Gallionsfigur, die in den USA zunehmend zweifelhafte Positionen salonfähig macht und von Regierungsseite nur weiter dazu ermutigt wird, die Spaltung des Landes voranzutreiben.

Während die Texte auf "American fall" wieder mit deutlich mehr Attitüde vorgetragen werden, als das zuletzt der Fall war, tut sich musikalisch wenig bei Anti-Flag. Wie so ein Song dieser Band funktioniert, müsste nach neun Alben auch eigentlich jeder mitbekommen haben. Die Truppe mit der Passion für schnelle Achtelmelodien wagt auch dieses Mal keine Experimente. Es gibt wie immer viele "Ohoo"s und Mitgrölrefrains, Gang-Vocals und einen für Punkrockverhältnisse sehr eigenständigen Bass. Die Gitarren beschränken sich auf das Nötigste und setzen mehr auf Lautstärke und Geschwindigkeit als auf Virtuosität. So weit nichts Neues. Dem Ernst der Lage entsprechend, finden sich auf "American fall" bis auf wenige Ausnahmen nur Songs, die mit dem Kopf durch die Wand wollen. Der Anteil an Ska-Songs, wie man sie immer wieder auf Anti-Flag-Alben findet, wird auf ein Minimum reduziert. Die Band klingt auf "American fall" insgesamt wieder wütender, authentischer und druckvoller, als das in den letzten Jahren der Fall war. Das mag am Zeitgeist liegen, daran, dass man sich vor der gefährlichen Politikwende der USA mit all ihren gesellschaftlichen Folgen nicht verstecken kann. Dieser Kampf muss gekämpft werden. Da tut es gut zu wissen, dass Anti-Flag da sind, wenn sie gebraucht werden.

(Christopher Padraig ó Murchadha)

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Highlights

  • American attraction
  • The criminals
  • Digital blackout

Tracklist

  1. American attraction
  2. The criminals
  3. When the wall falls
  4. Finish what we started
  5. Liar
  6. Digital blackout
  7. I came
  8. Racists
  9. Throw it away
  10. Casualty

Gesamtspielzeit: 30:56 min.

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User Beitrag
Xurro
2017-11-07 17:30:53 Uhr
Ich musste gerade lesen, dass die Jungs jetzt von den Good-Charlotte-Brüdern gemanagt werden. Und das hört man auch... leider vollends im Punk-Pop angekommen.
Schade. Gestern mal wieder nach langer Zeit idie Underground Network gehört, das ist dann doch was anderes, da hört man richtig ihre Wut und ihren Zorn. Das neue Zeug klingt klingt vergichen damit doch ziemlich seicht...
twitternder ritter
2017-10-26 11:13:02 Uhr
Schon beeindruckend, dass der alte Feind Bush im Vergleich zum jetzigen Commander-in-Chief Trump nicht nur sympathischer wirkt, sondern auch noch vernünftiger, staatsmännischer und ja, irgendwie auch intelligenter.

nicht wirklich...trump hatte noch keine psychotischen lügen von den "weapons of mass destruction" im programm, die eine million irakische zivilisten das leben kosteten. nur mal so als beispiel...

MartinS

Postings: 392

Registriert seit 31.10.2013

2017-10-25 21:17:54 Uhr
Also es ist schon abenteuerlich, ausgerechnet Anti-Flag mangelnde Reflexion vorzuwerfen. Bei denen steckt eigentlich seit jeher viel Fundament hinter den zugegebenermaßen recht plakativen Texten.
Ich hab das Album gehört und würde es mal als deutlichen Fortschritt bezeichnen. Mit der Rezi gehe ich trotzdem nicht mit. Wütend und druckvoll klingt das alles nicht, hat ja auch Benji Madden produziert und das hört man. Mehr "oh-ohs" hatte die Band nie im Programm. Und mehr Melodie auch nicht, siehe z.B. "Trouble follows me".
Allerdings steht der Band dieser poppige Sound ziemlich gut. Macht viel Laune, das Album.
sie sind so doof dass es wehtut
2017-10-07 08:24:38 Uhr
hört doch endlich mal mit dieser unreflektierten hetze gegen trump auf, liebe punk-bands.

Armin

Postings: 10359

Registriert seit 08.01.2012

2017-10-06 20:17:36 Uhr - Newsbeitrag
MEDIA
Single / Video "American Attraction"
YouTube:
Spotify: https://open.spotify.com/album/7AK3KSr7SuQWe39qKCtkQT

Single / Video "Racists"
YouTube:
Spotify: https://open.spotify.com/album/0NywLd8WmxSpF6lcBJXGmb

Single "The Criminals"
Spotify: https://open.spotify.com/album/5en3d5TKpOPdSyWcNmCOn0

INFO
Musik verleiht denjenigen, die keine haben, eine Stimme. Sie verleiht denjenigen, die nicht gehört werden, ein Sprachrohr um gehört zu werden. Sie verstärkt die Rufe der Geknechteten im Angesicht von Unterdrückung und Tyrannei. Sie ist die letzte Bastion des Widerstands.

„Widerstand ist die höchste Form des Patriotismus.“ – Howard Zinn

Seit der Veröffentlichung ihres Debüts Die For The Government im Jahr 1996 stärken und ermutigen Anti-Flag die Hörer zweier Generationen, die mit einem von Krieg, Rassenunruhen und Finanzkrisen geprägten neuen Jahrtausend konfrontiert werden. Das aus Justin Sane (Gesang), Chris #2 (Bass, Gesang), Chris Head (Gitarren, Gesang) und Pat Thetic (Schlagzeug) bestehende Quartett steht auf seinen neun einflussreichen Veröffentlichungen, über The Terror State und For Blood And Empire bis zum 2015 veröffentlichten American Spring, für zeitlosen Punk-Spirit. Letzteres zeichnete sich durch Gastbeiträge von Ikonen wie Tom Morello und Tim Armstrong aus und brachte die Hymne „Brandenburg Gate“ hervor, die über 1,3 Millionen Mal auf Spotify gestreamt wurde – Tendenz steigend.

Die Band brachte auf Europa-Touren mit Rise Against, Millencolin und den Donots sowie auf so renommierten Festivals wie dem Hurricane und dem Open Flair die Bühnen zum Beben und gilt heute als kulturelle Institution. In der Vergangenheit liehen Anti-Flag Bewegungen wie Occupy Together, #keinkölschfürnazis, Greenpeace, Sea Shepherd und Amnesty International ihre Stimme und gründeten nicht nur ihr eigenes Label A-F, sondern riefen gleichzeitig auch das ANTIFest ins Leben.

Als sich 2016 die Welt aufgrund der kontroversen Wahl des US-Präsidenten erneut veränderte, war die Zeit reif für Anti-Flags zehntes und bis dato reiftes Album: American Fall (Spinefarm Records).
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