Julien Baker - Turn out the lights

Julien Baker- Turn out the lights

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 27.10.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Krankenakte

Verletzungen
Julien Baker plagt weit mehr als ein verstauchter Knöchel. Darüber konnte auch der Titel ihres Debüts "Sprained ankle" nicht hinwegtäuschen, entwarf sie doch in bester Folk-Tradition nur von einer Gitarre begleitet ein schmerzliches Portrait vom Aufwachsen als Homosexuelle in den höchst konservativen Südstaaten Amerikas. Überwunden sind diese Erfahrungen zwar auch 2017 noch nicht, auf "Turn out the lights" fokussiert sie sich allerdings vor allem auf psychische Zerbrechlichkeit und kleidet diese in ein etwas neues, düsteres Gewand. "Screaming my fears into speakers / Till I collapse or I burst" aus dem selbstzerstörerischen "Shadowboxing" ertönt so nicht mehr in einer minimalistischen Klangkulisse, die Produktion klingt wesentlich runder, oft schleichen sich feine Piano-Linien ein. Dennoch bricht Baker einem noch immer genauso grausam das Herz. Vor allem, wenn ihre Stimme auf einmal ausbricht und mit "You can't even imagine how badly it hurts / Just to think sometimes how I think almost all the time" ihr Seelenleben offenlegt. "Sour breath" wiederum reißt mit den Sätzen "I know you do better when you're by yourself / Free from the weight of my dirt poor health" die Wunden einer Liebesbeziehung qualvoll auf. Vielleicht ist es das Schicksal der fragilen Romanze aus dem großartigen "Appointments" und dessen verzweifeltem Mantra: "Maybe it's all gonna turn out alright / I know that it's not / But I have to believe that it is." Die verschiedenen Facetten einer psychischen Krankheit waren wohl selten unmittelbarer, tragischer, aber auch schöner als auf "Turn out the lights".

Gott
Schon "Sprained ankle" handelte von der schwierigen Beziehung zur Religion. "Could you hear from Heaven on Earth / If I scream a little louder", schließt Baker in "Everything to help you sleep" flehend an die Theodizee "Rejoice" vom Vorgänger an. Obwohl Gott ihr nicht beim Einschlafen hilft und der Bibelprediger aus dem Fernsehen ("Televangelist") zur einsetzenden Kirchenorgel droht, die queere Künstlerin mit Drogen-Vergangenheit lebendig zu verbrennen, hat Julien Baker ihren Glauben nicht verloren. Stattdessen zieht sie ihre Hoffnung daraus, sich allem zum Trotz neu aufzulehnen, Gott anzurufen und sich all den Verblendeten entgegenzustellen, die tatsächlich das für eine Sünde halten, was in den Schlafzimmern geschieht. Und noch immer versteht es kaum jemand, Geschichten von Zweifel, Krankheit und Leid mit religiösen Motiven so kraftvoll zu erzählen wie sie.

Heilungsverlauf
Eigentlich scheint der Kampf passend zur schwermütigen Grundstimmung des Albums verloren. "I heard there's a fix for everything / Then why, then why, then why not me." Die Situation wirkt aussichtslos. Doch die junge Dame presst die Wörter mit einer solchen Wucht aus ihrem Brustkorb, die einfach nicht ans Aufgeben denken lässt, woran auch der existentielle Schmerz des Titeltracks nichts ändert. Für Julien Baker wird das Leben wohl nie ansatzweise schmerzfrei sein. Die dramatische Ballade "Hurt less" könnte die Antwort bereithalten, doch kaum hat man sich mit dem Gedanken angefreundet, es könnte besser werden, schon schlitzt "Claws in your back" wieder völlig neue Wundmale. "Turn out the lights" ist ein Album zum Mitleiden. Aber es kann erlösend sein, sich zu jedem Klang so zerbrochen zu fühlen wie Julien Baker und zu wissen, dass man nicht alleine ist. Vielleicht gibt es also keine Heilung. Aber nach "Sprained ankle" kann man auch mit "Turn out the lights" ein paar Schritte weitergehen, abermals durch den Schmerz.

(Marcel Menne)

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Highlights

  • Appointments
  • Turn out the lights
  • Sour breath
  • Happy to be here

Tracklist

  1. Over
  2. Appointments
  3. Turn out the lights
  4. Shadowboxing
  5. Sour breath
  6. Televangelist
  7. Everything that helps you sleep
  8. Happy to be here
  9. Hurt less
  10. Even
  11. Claws in your back

Gesamtspielzeit: 42:16 min.

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boneless

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Registriert seit 13.05.2014

2017-11-18 18:48:21 Uhr
Ich habe auch mit mir gerungen, da ich bereits die Indie-exclusive clear zuhause stehen habe und der Preis mit 25€ relativ happig ausfiel, aber ich habe eine Schwäche für Tourpressungen. Sind eine schöne Erinnerung.

Schönheit hin oder her, aber es gibt kaum ein andere Platte, bei der die Farbe Schwarz so perfekt passt wie bei Turn Out The Lights. Deshalb habe ich da gar nicht großartig gesucht, sondern bin gleich beim Standard geblieben. :D


Vielen Dank für den Bericht. Klingt nach einer Intensität, die kaum zu ertragen ist... und dann direkt im Doppel Turn Out The Lights und Rejoice? Wie hält man das aus?

Also sie spät im Konzert nach 'Go Home' vom Piano zur Gitarre wechselt ist ihr Ausdruck leer und ihre Augen dunkel und feucht vor Tränen.

Ohne Worte. Allein die Beschreibung löst bei mir Gänsehaut aus.

So in etwa habe ich mir immer ein Konzert von Elliott Smith vorgestellt.

Dieses! Du triffst es auf den Punkt. Es gab bisher keinen Künstler, der an die tiefe Traurigkeit und Genialität eines Elliott Smith heranreichte. Baker ist die Erste, die in ähnlicher Art zu bedrücken weiß.
Und noch was: trotz all der überbordenden Trauer, die ihre Musik ausstrahlt und transportiert, wirkt sie doch nie affektiert oder gar peinlich. Ich hab mir eine Menge Auftritte von ihr bei Youtube angesehen und jeder war aufrichtig und herzzerreißend. Das wird noch untermauert durch die Interviews mit ihr. Ich habe kaum einen Künstler bisher erlebt, der so ehrlich und authentisch rüberkommt, unverfälscht, unverstellt.

Mein Frage erübrigt sich eigentlich, ich stelle sie trotzdem noch mal: War sie nach dem Konzert am Merch?

Eliminator Jr.

Postings: 681

Registriert seit 14.06.2013

2017-11-17 09:50:39 Uhr
Oh, auch das noch? Nachdem ich doch noch die Splatter bekommen habe. Die machen es einem auch nicht leicht ...

Ich habe auch mit mir gerungen, da ich bereits die Indie-exclusive clear zuhause stehen habe und der Preis mit 25€ relativ happig ausfiel, aber ich habe eine Schwäche für Tourpressungen. Sind eine schöne Erinnerung.

Ein paar Zeilen mehr wären schön.

Gerne doch, gestern war die Zeit etwas knapp.

Es war ein sehr kompakter und beeindruckender Abend. Julien Baker wirkte so ganz allein auf der verhältnismäßig großen Bühne des Ü&G ziemlich verloren, doch sobald sie die ersten Töne anspielte, hat ihre musikalische Präsenz den Raum spielend gefüllt. Die Setlist war sehr ausgewogen zwischen älteren und neuen Stücken verteilt, mit 'Red Door' gab es sogar einen bislang unveröffentlichten Song zu bestaunen.
Ich war gespannt, wie sie die verhältnismäßig üppig arrangierten Songs von 'Turn Out The Lights', live umsetzen würde, ob allein und reduziert oder vielleicht mit personeller Verstärkung. Die Antwort lag im Loop-Pedal, das sie gekonnt einzusetzen weiß, um ihre fragilen Leads übereinander zu schichten und auch mal mitten im Song für ein paar Akkorde zum Piano zu wechseln. Dennoch wirkten die neueren Stücke etwas reduzierter als auf Platte, was mir sehr gut gefallen hat.

Das eindrucksvollste Instrument bleibt aber ihre Stimme, die für unzählige Gänsehautmomente sorgte, wann immer sie ihr Organ über die Songs hob. Ein unglaublicher Kontrast zwischen der blutjungen, unscheinbaren Person, die da auf der Bühne steht und der Fähigkeit einen großen Raum mit so kleinen Mitteln erstarren zu lassen.

Das bringt mich auch zu dem Punkt, der mich über die Musik hinaus am meisten berührt hat. Zwischen den Songs sah man eine zutiefst unglückliche und mit sich selbst kämpfende Person, der die Kraft oder der Mut fehlte, aufrecht auf der Bühne zu stehen, geschweige denn ein paar Worte zu sagen. Wer sich ein mal mit ihren Lyrics auseinandergesetzt hat, bekommt eine Idee davon, mit welchen Dämonen Julien Baker sich tagtäglich rumzuplagen scheint, und die Authentizität ihrer fragilen Persönlichkeit, die sie an dem Abend dargeboten hat, war beinahe zu viel. So in etwa habe ich mir immer ein Konzert von Elliott Smith vorgestellt. So gut, so zerbrechlich und intim, dass man sie beinahe nicht traut zu klatschen. Also sie spät im Konzert nach 'Go Home' vom Piano zur Gitarre wechselt ist ihr Ausdruck leer und ihre Augen dunkel und feucht vor Tränen. Man kauft es ihr ab und möchte sie am liebsten zu sich ziehen und schütteln und ihr sagen, dass doch am Ende bestimmt irgendwie alles gut wird.

Der Abend endet mit ihrem wohl 'fröhlichsten' Song, 'Something', was nach einem Set voller Setcloser die wohl weiseste Entscheidung ist. Ohne ein Wort, mit einem letzten kühlen Blick und dem erfolglosen Versuch eines kurzen Lächelns verlässt sie nach knapp 70 Minuten die Bühne. Zugabe ausgeschlossen.

Appointments
Funeral Pyre
Sour Breath
Sprained Ankle
Good News
Everybody Does
Red Door
Happy To Be Here
Turn Out the Lights
Rejoice
Televangelist
Claws in Your Back
Go Home
Something

boneless

Postings: 1631

Registriert seit 13.05.2014

2017-11-16 21:40:31 Uhr
Schaurig schönes Konzert in Hamburg gestern.

Ein paar Zeilen mehr wären schön.

Ich hätte sie auch gern gesehen, aber ihr Konzert fiel leider mit dem der Neubauten zusammen und irgendwo musste ich Prioritäten setzen. Ich hoffe ja sehr, dass sie bald wieder hierzulande aufschlägt. Konnte man danach ein paar Worte mit ihr wechseln?

Abgesehen davon bin ich immernoch hin und weg, Turn Out The Lights hat mich so heftig in der Mangel wie lange nichts mehr. Ich würde sogar behaupten, dass es bisher noch kein Album aus diesem Bereich gab, welches mir derart an die Nieren gegangen ist. Es zerstört einen und trotzdem legt man es immer wieder auf. Diese Zeilen lassen nicht los, kreisen im Kopf und nisten sich mit ganz fiesen Widerhaken im Hirn ein. Abgesehen von den wunderbar schmerzhaften Texten ist Bakers Stimme einfach phänomenal. Gebrochen und fragil, aber keineswegs weinerlich. Und wenn sie loslegt, so wie im am Ende des Titeltracks, dann ist Gänsehaut garantiert. Auch jetzt, beim ca. 25ten Durchgang. Überhaupt, diese Momente. Quasi jeder Song besitzt eine Stelle, die mich erschaudern lässt, immer im Zusammenspiel mit diesen schonungslosen Lyrics. Das mag manchen zu theatralisch sein, ich für meinen Teil finde Baker bis ins Mark authentisch. Gekünstelt wirkt hier gar nichts, Turn Out The Lights ist stattdessen perfekt ausbalancierte Emotionalität, die kein Auge trocken lässt. Für mich Album des Jahres.

Armin

Postings: 10345

Registriert seit 08.01.2012

2017-11-16 20:47:23 Uhr
Oh, auch das noch? Nachdem ich doch noch die Splatter bekommen habe. Die machen es einem auch nicht leicht ...

Eliminator Jr.

Postings: 681

Registriert seit 14.06.2013

2017-11-16 09:54:26 Uhr
Schaurig schönes Konzert in Hamburg gestern. Und es gibt eine sehr hübsche violette EU-Tourpressung von ihrem neuen Album!
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