Fantasma Goria - Fantasma Goria

Fantasma Goria- Fantasma Goria

Fantasmic / Believe / Soulfood
VÖ: 06.10.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wahnsinnig normal

Sagt mal, wo kommt die denn her? Hört man die letzte Hook von "Bart ab", liegt die altbekannte Antwort "Schlumpfhausen" nahe. Gönnt man sich jedoch das ganze selbstbetitelte Debütalbum der Hamburgerin Fantasma Goria, wird die Sache ungemein komplexer. Die zierliche Dame besitzt nämlich nicht nur ein loses Mundwerk, sondern immenses musikalisches Talent. Genres sind für sie nur grobe Orientierungsmarken, Konventionen spielen ebenfalls nur eine untergeordnete Rolle. Einendes Prinzip ist der kalkulierte Irrsinn. Dies zeigt sich primär im exaltierten Vortrag der Künstlerin. Egal, ob sie kiekst oder croont: Das Rad sitzt ziemlich locker. Was böse schiefgehen hätte können, lässt "Fantasma Goria" in der Summe deutlich aus dem Einheitsbrei deutscher Sprechgesang-Releases herausragen.

Besonders die Verbindung aus Flow-Wechseln, schlauen Sprachverrenkungen und abstrusen Effektspielereien sorgt immer wieder für ein breites Grinsen. So stellt sich die Rapperin in "Attitude" als über jeden Zweifel erhabene Stilpäpstin dar, während der Beat die übertriebene Selbstbeweihräucherung ins Lächerliche zieht. In eine ähnliche Kerbe schlägt "Klartext", dessen minimalistisches Soundgerüst hervorragend zu Fantasmas Hochgeschwindigkeits-Raps passt. So etwas hat man in deutschen Landen noch nicht gehört. Die Hanseatin ist hier viel näher an US-Größen wie Nicki Minaj oder Busta Rhymes als an deutschen Kollegen. Dass sie ihre Hausaufgaben auch hinsichtlich des Konsums bewusstseinsverändernder Substanzen gemacht hat, legt "Das Lied vom Bonig" nahe. Was oder wer der Bonig genau ist, bleibt dem Hörer überlassen. Fest steht: "Wer A sagt, muss auch Bonig sagen."

Zwar sind die meisten Texte humorvoll angelegt, doch gelegentlich macht Fantasma Goria auch Ernst. Vor allem in dem sphärischen "Magnet" und dem Dub-infizierten "Lass mich" zeigt sie, dass sie auch die nachdenklichen Töne beherrscht. Letztgenannter Track beweist auch, welch talentierte Sängerin die schmächtige Künstlerin ist. Und wenn alle Stricke reißen, gibt es ja immer noch die Möglichkeit der Psychotherapie: "Normal" offenbart, dass die Suche nach geistiger Gesundheit für viele letztlich zur Sucht und Sackgasse wird. Die Hook bleibt bereits nach dem ersten Durchgang im Hirn: "Burnout, Borderline, Soziophobie / Angststörung, ADS, Anorexie / Psychose, Neurose und Hypochondrie / Alles wahnsinnig normal." Ein Leben auf der Überholspur fordert seinen Preis. Zahlen muss ihn am Ende jeder.

Fantasma Goria weiß, dass sie auf einem schmalen Grat wandelt. Was sehr leicht in überkandidelte Spinnerei abdriften kann, wird jedoch von dem äußerst kohärenten Sounddesign zusammengehalten. Zwar sind Trap-Einflüsse dominant, doch auch Funk, Soul und Reggae schimmern immer wieder durch. Sogar Kraftwerk haben in Form eines an "Die Roboter" angelehnten Synth-Parts einen Gastauftritt. Zu hören ist diese Verneigung vor den Düsseldorfer Elektronik-Pionieren in dem grandiosen Schlusstrack "Bitch bizarre", dessen Beat keinen Stein auf dem anderen lässt. Und weil ein überraschendes Zitat nicht reicht, wird im selben Track gleich noch die gute alte Cyndi Lauper durch den Fleischwolf gejagt. "Girls just wanna have fun" klingt in Verbindung mit bollernden Subbässen um einiges bedrohlicher als im Original. Womit wir wieder ganz am Anfang wären: Egal, wo Fantasma Goria herkommt, sie möge bitte bleiben. Sie ist nämlich bitter nötig.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Klartext
  • Lass mich
  • Normal
  • Bitch bizarre

Tracklist

  1. Boof bäng pow
  2. Bart ab
  3. Attitude
  4. Klartext
  5. Magnet
  6. Lass mich
  7. Das Biest
  8. Ha ha
  9. Wenn 2 sich verstehen
  10. Normal
  11. Das Lied vom Bonig
  12. Freshness
  13. Papasita
  14. Interlude interruptus
  15. Bitch bizarre

Gesamtspielzeit: 56:27 min.

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User Beitrag

matinioh

Postings: 136

Registriert seit 28.09.2017

2017-10-19 19:37:19 Uhr
Der Song "Fangalactic Supergoria" von den Doom-Gods Cathedral ist auch geil ... :-)
Hanna1993
2017-10-19 15:45:26 Uhr
Hab das Fantasma Album heute über Euch entdeckt und feier es total! Frauenpower!!
Fietevonderwaterkant
2017-10-19 11:34:11 Uhr
Krass anders und musikalisch einfach geil. Ich häng am Haken!

Armin

Postings: 10345

Registriert seit 08.01.2012

2017-10-18 22:25:25 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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