Kettcar - Ich vs. wir

Kettcar- Ich vs. wir

Grand Hotel Van Cleef / Indigo
VÖ: 13.10.2017

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ethos, Pathos, Logos

Donnerstag, 28. Juni 2012: Der Rezensent sitzt in der Kneipe. Es ist der Tag des EM-Halbfinales, Deutschland gegen Italien. Jeder, der das Spiel damals mitverfolgte, wird sich wohl erinnern, wo er sich um 21:25 Uhr gerade aufhielt, denn da geschah es: Langer Pass auf Mario Balotelli, der tritt an, lässt Philipp Lahm stehen und ballert die Kugel aus guten 16 Metern in den rechten Winkel. Er dreht ab, reißt sich das Trikot vom Leib und steht einfach da wie in Stein gemeißelt, während seine Mitspieler ihm um den Hals fallen. Die Zuschauer vor der Leinwand sind außer sich, sie springen von ihren Stühlen, keifen und schimpfen. Einer brüllt besonders laut, wütend und aus voller Kehle. Er schreit: "Scheiß Neger!" Der Rezensent verlässt sofort die Kneipe, die Fäuste in den Taschen geballt stampft er nach hause. Eine typische "Ich vs. wir"-Situation.

Während Balotellis Stern seither langsam aber sicher wieder unterging, blühten Nationalismus und Rassismus hierzulande geradezu auf, seit 2012 – demselben Jahr, in welchem Kettcar ihr letztes Album "Zwischen den Runden" veröffentlichten. Ob dieses ganze "Wir dürfen wieder stolz sein"-Ding rund um die fußballerischen Großereignisse seit der Heim-WM 2006 auch ein Stück weit den Weg für den Rechtsruck ebnete, sei einmal dahingestellt – und bejaht, wie es auch die fünfköpfige Truppe um Sänger Marcus Wiebusch in "Mannschaftsaufstellung" auf ihrer neuen Platte tut. Es ist einer von mehreren Augenpipi-Songs auf "Ich vs. wir", der nicht nur das mithin bizarre Kriegsvokabular im Fußballsprech aufs Korn nimmt, sondern auch das zentrale Thema der Platte, die Selbstabgrenzung vom Mistgabel-Mob, in der bittersüßen Zeile "Liebling, ich bin gegen Deutschland" kulminieren lässt, die gleichermaßen als Geständnis wie auch als Ausdruck der schlichten Alternativlosigkeit verstanden werden darf. Der Zeitpunkt, sich zu positionieren, er ist gekommen.

Das hat der Protagonist der Erstauskopplung "Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)" längst verinnerlicht. Er nimmt die weite Reise an die österreichisch-ungarische Grenze auf sich, um DDR-Bürgern zur Flucht zu verhelfen. Zurück in Hamburg stellen ihn seine Mitbewohner zur Rede. Bevor er ausrastet, macht er sich vom Acker. Wiebusch begleitet den Titel wie schon in seinem Solo-Track "Der Tag wird kommen" mit gesprochenem Wort, lässt im Chorus gemeinsam mit Erik Langer die Gitarren schellen, dazwischen dominiert der missionarische Beat. Es ist der mit Sicherheit wichtigste deutschsprachige Song des Jahres 2017, ein Protest-Lied, das nicht durch Parolen aufzutrumpfen versucht, aber stattdessen mithilfe seiner lebensnah-detailreichen Ereignisdarstellung das Einfühlen des Hörers erregt und dabei implizit erkennt: Eine befreite Person ist immer besser als eine, die in ihrer Not gefangen ist – völlig unabhängig von Aussehen, Herkunft, Religion oder Sexualität. Wer an dieser Stelle entgegnet, die Story aus "Sommer '89" zeige keinerlei Parallelen zu heutigen Migrationsbewegungen, schließlich hätte es sich damals um "dasselbe Volk" gehandelt, der hat nichts verstanden, der ist vielleicht ein Unmensch, sicher aber kein "Gutmensch".

Gegen die negative Verwendung dieses Begriffs positioniert sich "Den Revolver entsichern", lässt das Schlagzeug einen klapprig-kratzbürstigen Rhythmus trommeln, featured zwischendurch einen durchaus feierlichen Sound, leitet aber schließlich ruhig und bedächtig aus. Wiebusch sprechsingt in die Stille, erklärt seinen Kindern, was einen guten Menschen tatsächlich auszeichnet und erläutert, dass Schwäche auch Stärke bedeuten kann, während die Gänsehaut erneut den Hörerarm sprenkelt. In ungewohnt post-punkigem Gewand hingegen zittert "Die Stimme eines Irren" zu seinem Singalong-Refrain und wartet auf den "Berg, der jetzt meinen Glauben" versetzt. Das 80s-Piano ab der zweiten Hälfte rundet das Setting ab und beschert Wiebusch-Bruder Lars seinen Höchstmoment auf "Ich vs. wir", wobei er auch schon in "Wagenburg" und "Die Straßen unseres Viertels" herausstechen darf. Letzteres stellt billige Wahrheiten auf die Probe und mit der Zeile "und die Zukunft, sie leuchtet so ultramarinblau" überdies einen Bezug zum ...But-Alive-Track "Ein sozialkritisches Schlagzeugsolo später" her, während Ersteres das zentrale Stück des Albums darstellt, weil es explizit den Zusammenhang von "ich" und "wir" beleuchtet, den Weg von der Einzelperson zur zündelnden Masse aufzeichnet. Inmitten geachtelter Gitarren errichten zusammengerottete Ichs die Straßenbarrikade. Jede Einzelstimme, die statt sich selbst auch einmal den Nächsten im Fokus hat, mindert die Durchschlagskraft des Pöbels. Folgen viele diesem Beispiel, so ist auch die Solidarität eine mögliche Eigenschaft der Gruppe.

"Ankunftshalle" kontrastiert Misstrauen und Offenheit: Kettcar verschieben am Flughafen diese bisweilen skurrile Silvestersituation, in der plötzlich jeder jeden umarmt, in den Alltag, sodass "sie dann einen Augenblick lang unsere Leute sind / Und für Sekundenbruchteile mal keine Meute sind." Inszenatorisch erscheint der Titel gemeinsam mit "Auf den billigen Plätzen" und "Benzin und Kartoffelchips" als einer der wenigen ganz Kettcar-typischen Songs der Platte, die sich ansonsten weitestgehend weg von der melodieführenden Lead-Gitarre, hin zu ein paar mehr Nackenklatschern bewegt, aber auch das Piano und die Drums weiter in den Fokus rückt als ihre Vorgänger, gerade wenn es einmal ruhiger wird wie in "Trostbrücke Süd" und "Das Gegenteil der Angst". Die Hamburger gehen durchaus ein paar musikalische Wagnisse ein, ohne dabei aber die Fanbase zu verprellen. Der größte Trumpf von "Ich vs. wir" aber ist das durchdringende Storytelling Wiebuschs, dessen sprachlicher Ausdruck den Zeit-Abonnenten gleichermaßen wie den Focus-Leser zu erreichen vermag. Das hat schon bei der Geschichte vom "Balkon gegenüber" geklappt und funktioniert auch noch dann vortrefflich, wenn es nicht die kleinen, sondern die großen Dramen des Lebens ins Visier nimmt.

Kettcar ist eine der wenigen deutschsprachigen Bands mit einem gewissen Bekanntheitsgrad, die sich noch nie lächerlich gemacht hat, obwohl und aber auch gerade eben weil – sorry, das Stichwort muss fallen – sie ihre Befindlichkeitsfixierung nie abgelegt haben. Dass sich die Gruppe nach über fünf Jahren der Abwesenheit und dem nicht ganz so starken "Zwischen den Runden" nunmehr aber zusammenfindet, um ein Album zu produzieren, das derart hart mit dem Zeitgeist ins Gericht geht, das war auch ungeachtet der Punk-Wurzeln Wiebuschs nicht einfach so zu erwarten. "Ich vs. wir" ist keine Platte, die den Zweck verfolgt, ein paar Indie-Rock-Veteranen endlich mal wieder miteinander musizieren zu lassen. Kettcar sind angetreten, um notwendige Ausrufezeichen hinter notwendige Sätze zu stellen: moralisch, leidenschaftlich, folgerichtig. Auf die Frage bezogen, ob der Künstler eine Verantwortung gegenüber der eigenen Anhängerschaft, dem Rezipienten per se, oder auch dem Gesamtkonstrukt Gesellschaft trägt, haben Wiebusch und Co. hier ein knallhartes Exempel statuiert.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Wagenburg
  • Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)
  • Mannschaftsaufstellung
  • Mit der Stimme eines Irren
  • Den Revolver entsichern

Tracklist

  1. Ankunftshalle
  2. Wagenburg
  3. Benzin und Kartoffelchips
  4. Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)
  5. Die Straßen unseres Viertels
  6. Auf den billigen Plätzen
  7. Trostbrücke Süd
  8. Mannschaftsaufstellung
  9. Das Gegenteil der Angst
  10. Mit der Stimme eines Irren
  11. Den Revolver entsichern

Gesamtspielzeit: 42:17 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Borchöltchen
2017-10-21 11:03:11 Uhr
Gerade musikalisch gefällt mir die Platte sehr gut. Textlich sowieso gelungen.

nörtz

Postings: 3171

Registriert seit 13.06.2013

2017-10-20 21:11:38 Uhr
Textlich sicher eine 9/10, alleine schon wegen den transportierten politischen Messages. Musikalisch finde ich es eher unspannend.
Aber
2017-10-20 20:57:23 Uhr
@seno:

Gibt es das Wort so oft? Habe es hier eben jetzt zum ersten Mal gelesen und mich auch gefragt, was das denn soll...

Davon abgesehen bin ich übrigens auch registriert, aber etwas faul, mich immer anzumelden. Ich denke da immer gerne an die guten alten Zeiten des Forums :).
/am
2017-10-20 20:04:50 Uhr
Systemrelevante Musik

hubschrauberpilot

Postings: 3064

Registriert seit 13.06.2013

2017-10-20 19:24:51 Uhr
"Zur spex-Rezi: Der Kritiker dreht sich in seinem Überintellekt im Kreis und schafft es nicht, die Platte und weniger die Personen dahinter niederzuschreiben. Für mich ein auf Frust aufgebauter Versuch der Demontage. Nicht sehr kreativ, auch wenn er es sein möchte."

Ich hab den Artikel jetzt auch mal gelesen. Leider keine Satire, sondern der Typ ist wirklich Philosophie-Langzeitstudent im 20. Semester.....
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