St. Vincent - Masseduction

St. Vincent- Masseduction

Caroline / Universal
VÖ: 13.10.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Annie, are you okay?

Nanu, muss man sich um Annie Clark etwa plötzlich Gedanken machen? Im Vergleich zu ihrem Output der letzten Jahre klang die Single "New York", die sie Ende Juni 2017 auf die Menschheit losließ, geradezu zurückhaltend, ja, eigentlich sogar zerbrechlich. Und doch: Kaum hatte man die als St. Vincent bekannte Sängerin schon halb ins Nachtgebet aufgenommen, ertönte da, mit der verträumten Melodie im Hintergrund, die brutale, wenngleich säuselnd vorgetragene Zeile "You're the only motherfucker in this city who can handle me." Und verwirrte vollends. Ein Rückblick: "Die eigenen vier Wände" überschrieb Kollege Holtmann 2014 seine Rezension zu Clarks letztem Album "St. Vincent" – und tatsächlich hatte sich etwas getan bei der Künstlerin, die in Oklahoma geboren, aber in Texas aufgewachsen ist.

Ausgezogen war sie aus ihrer Avantgarde-Hütte der Anfangsjahre, hinaus in die große Art-Pop-Welt. Und die wurde von Clark regelrecht überrollt. Ein Vorbeikommen an ihr war in den vergangenen drei Jahren nur bedingt möglich, was durch ihre On-/Off-Beziehung zu Model-turned-Schauspielerin Cara Delevingne nur noch deutlicher wurde. Und mit jener jungen Dame hat Clarks neues Album "Masseduction" auch zu tun. Denn von Avantgarde-Annie über Art-Pop-Annie geht es nun zu einer Inkarnation, die ihren Fans – und Kollaborateuren bislang verborgen blieb: Annie. Pur. Ohne Zusatz.

Gut, natürlich handelt es sich dabei um die Person, die Clark als sich selbst präsentiert. Ob echt oder unecht bleibt am Ende ungewiss, und dennoch scheint "Masseduction" das mindestens nahbarste, intimste Werk der 35-Jährigen zu sein. Musikalisch ist es die Weiterführung von "St. Vincent": Noch immer schwebt Clark engelsgleich, wahlweise mit pechschwarzen oder milchweißen Flügeln, durch die zwischen Aggression und Anmut wechselnden Stücke. Ein Drahtseilakt zwischen den Extremen, hart oder zart, und doch ist ein Stolpern oder Taumeln praktisch ausgeschlossen. Clark hat sich im Griff, sei es in der eingangs erwähnten, dramatischen Schönheit von "New York" oder im ungleich stürmischeren "Pills", auf dem sich Delevingne nun auch noch als Background-Sängerin versuchen darf.

Welche Songs wirklich von der mittlerweile mutmaßlich wieder auf Eis gelegten Beziehung und dem daraus resultierenden Gefühlschaos inspiriert wurden, behält Clark für sich. Sicher nicht unklug: Auf reißerische Artikel kann die Gute wohl nach wie vor verzichten, und außerdem gehört diese gewisse mysteriöse Aura natürlich nach wie vor zu ihrer Marke. Es dürfte ihr nur recht sein, wenn Kritik und Publikum im eindeutig-zweideutig betitelten "Young lover" rätseln, wen genau sie meint und wen sie mit Zeilen wie "Young lover, I wish that I was your drug" anspricht. Dass das alles zudem einen Hauch zugänglicher ist als ihre bisherigen Werke, dürfte womöglich auch Bleachers-Frontmann und Produzent Jack Antonoff geschuldet sein, der zuletzt Lordes "Melodrama" den am Pop-Mainstream nur angrenzenden Feinschliff verpasste.

Dennoch sind die persönlichen Untertöne Clarks auf "Masseduction" klar herauszuhören. "I can't turn off what turns me on / I hold you like a weapon / Of mass destruction", gibt der verrucht-selbstzerstörische Titeltrack zu, während "Fear the future" mit wuchtigen Beats "When the war started new / In our bed / In our room / I come for you / Come for me, too" fleht. Der Prince-induzierte Funk von "Savior" schlängelt sich derweil zwischen den stereotypen Geschlechterrollen hindurch, windet sich, grenzt sich ab und verweigert sich jeder Nische oder Schublade. Und die zweite Single "Los ageless" mitsamt Jugendwahn-Kritik ist glatt das aufbrausende Gegenstück zu "New York": ein Wortspiel, das die Stadt der Schönen und Reichen auf den Arm nimmt – jene Stadt, in die Delevingne einst gereist sein dürfte, um ihre Schauspielkarriere zu starten, während Clark an der Ostküste blieb? Alles bloß Vermutungen. Die Zeilen "How can anybody have you and lose you / And not lose their minds, too?" aber sind echt. Das merkt man trotz übertriebener Achtzigerjahre-Pop-Rhythmen, trotz aller Kratzbürstigkeit.

Manchmal sind es eben die leisen Töne, die am lautesten daherkommen. So zerreißt das Wiedersehen mit Johnny – möglicherweise jene Person, die Clark schon in "Marry me" vom gleichnamigen Album oder in "Prince Johnny" auf "St. Vincent" besang – in "Happy birthday, Johnny" mal eben das Hörer-Herz. Der Ruhm hat die Freundschaft zerstört, und offenbar auch Johnny selbst, der nun auf der Straße lebt und doch nach wie vor eine wichtige Rolle spielt: "You saw me on magazines and TV / But if they only knew the real version of me / Only you know the secrets, the swamp and the fear", singt Clark, schwankt zwischen Beschuldigung und Selbstzweifeln und reicht am Ende die Friedenspfeife. Mit dem düsteren "Smoking section" geht es schließlich ganz tief runter, verschiedene Selbstmord-Szenarien werden durchgespielt, die im Kontext tieftraurige Frage "What could be better than love" findet zunächst keine Antwort, ein diabolisch-aufforderndes "Let it happen" wiederholt sich. Und doch wählt Clark fünf Worte, um "Masseduction" zumindest versöhnlich zu verabschieden: "It's not the end." Ein Glück.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Pills
  • Savior
  • New York
  • Smoking section

Tracklist

  1. Hang on me
  2. Pills
  3. Masseduction
  4. Sugarboy
  5. Los ageless
  6. Happy birthday, Johnny
  7. Savior
  8. New York
  9. Fear the future
  10. Young lover
  11. Dancing with a ghost
  12. Slow disco
  13. Smoking section

Gesamtspielzeit: 41:47 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Arschim
2017-10-19 01:16:48 Uhr
Besser als Achim weiß es natürlich Karl Fluch, ein anständiger Österreicher:

http://derstandard.at/2000066122057/St-Vincent-Das-Leben-hat-ein-Eigenleben
Arschim
2017-10-19 01:14:45 Uhr
Dass Achim mit "klarem Geist", "halbgarem" Schleim und insbesondere "Zynismus" ankommt, ist an Ironie nicht zu überbieten.

MopedTobias

Postings: 8294

Registriert seit 10.09.2013

2017-10-18 23:11:03 Uhr
Ich finde es auch schlimm, dass Newsom in einem Atemzug mit hörbarer Musik genannt wird.

Achim

Postings: 5380

Registriert seit 13.06.2013

2017-10-18 21:32:17 Uhr
Word!

Annies Musik gefälltmir nicht mehr. Sie sollte vl weniger koksen.

Sehe ich auch so. Mit klarem Geist käme man sicherlich nicht auf diesen halbgaren Elektro-Schleim. Dass PJ Harvey und Joanna Newsom hier bei den Referenzen ganz oben stehen, ist ja an Zynismus kaum noch zu überbieten.

(A.)
Anthony Fantano
2017-10-18 17:52:59 Uhr
St. Vincent delivers her most inconsistent album yet with MASSEDUCTION.

6/10
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