King Krule - The ooz

King Krule- The ooz

XL / Beggars / Indigo
VÖ: 13.10.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Kein alter Hoot

Auch wenn es mittlerweile fast schon wieder verpönt ist, gerade bei jungen Künstlern zuallererst auf das Alter zu sprechen zu kommen, muss man es sich bei einem wie Archy Marshall doch immer mal wieder vor Augen führen: Der Kerl ist 23 Jahre alt. Dreiundzwanzig. Das gerät schnell in Vergessenheit, weil es nicht nur so wirkt, als wäre er bereits seit einiger Zeit in der Musiklandschaft unterwegs – tatsächlich veröffentlichte er schon 2010 seine ersten Songs, damals noch unter dem Namen Zoo Kid. Noch dazu klingt Marshall wie ein alter Kerl, dessen Stimme durch einige Jahrzehnte auf der Bühne und einige Gläser voller Whiskey gereift ist. Aber nein. Archy Marshall ist tatsächlich erst 23 Jahre alt. Jünger als Justin Bieber. Jünger als Miley Cyrus.

Und nun kommt dieser junge Kerl, der längst unter dem Namen King Krule bekannt und anerkannt ist, mit einem neuen Album um die Ecke, das zwischen der goldenen Ära des Jazz und Soul sowie der Moderne schunkelt, hier einem Saxofon verwegen zuzwinkert, dort mit Electronica-Anleihen spielt, als wolle Marshall sich lustig machen. Will er wahrscheinlich auch. "The ooz" ist, nicht nur im Vergleich zu seiner Generation, sondern auch zu King Krules eigenem bisherigen Schaffen auf "6 feet beneath the moon" und dem unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlichten "A new place 2 drown", durchaus bemerkenswert. Zum einen wärmt King Krule hier keine alte Suppe auf, sondern erfindet sich ein Stück weit tatsächlich neu. Zum anderen umfasst das Teil satte 19 Stücke, über 66 Minuten dauert es, und wenn es etwas gibt, das man "The ooz" zum Vorwurf machen kann, dann eben diese gewisse Überlänge.

Denn King Krule macht nun mal keine Musik, die man nebenher einfach laufen lässt. Das ist keine Hintergrundbeschallung. Stattdessen fordert er Aufmerksamkeit ein, versteckt immer wieder kleine Überraschungen und Aha-Momente, die sich kaum beschreiben lassen. Wenn er etwa in "Slush puppy" zunächst ein beinahe tröstlich-liebevolles Duett anstimmt und am Ende schmerzerfüllt und voller Wut "Nothing is working with me" in die Welt hinausbrüllt. Oder wenn er in "Lonely blue" als klassischer Dean Martin startet und am Ende mit aufgefülltem Alkoholpegel von der Bühne torkelt. Oder wenn er in "The locomotive" zu vermeintlich entspannter Melodie ganz und gar angespannte Worte aus dem Innersten nach außen entlässt: "I wish I was equal / If only that simple / I wish I was people." Oder wenn er am Ende des loungeartigen "Midnight 01 (Deep sea diver)" ganz kurz eine kleine, klassische Melodie wie aus einem alten Schwarzweißfilm anhängt und endgültig den Bezug zur Vergangenheit schafft. Oder wenn er in der schrammeligen Single "Dum surfer" bitterböse Horrorgeschichten erzählt, die auch noch bestens vom dazugehörigen Musikvideo unterstützt werden.

Auf so etwas muss man sich natürlich einlassen. "The ooz" ist, wie seine beiden Vorgänger, ein Stück weit auch eine Herausforderung, die belohnt wird. So lässt sich nicht mal unbedingt sagen, dass King Krule beispielsweise an den beiden mehr oder minder unnötigen Interludes "Bermondsey bosom" etwas Zeit hätte einsparen können. Hier zählt immer das Gesamtwerk. Dazu gehört auch ein durchwachsener, vollkommen verstrahlter Zweiminüter wie "Sublunary", oder das überraschend rasante "Vidual", das eine vertonte Achterbahnfahrt ist, die genauso abrupt endet, wie sie sich in die Tracklist geschummelt hat. Aber dann gibt es eben auch noch Stücke wie den entspannten Tagtraum "Czech one", dessen dezente Bläser im Hintergrund ebenso wie das Glockenspiel ein weiteres dieser kleinen Highlights ist, die man bei King Krule manchmal suchen muss, dann aber selten wieder vergisst. Wie ebenfalls die Intenstität des Titeltracks, der am Ende hochdramatisch mit geballter Faust auf der Brust um Antwort fleht: "You strum goodbye / Within your heartbeats / You say goodbye / I don't know why / Is there anybody out there / Could we align?" Es ist nicht die einzige Frage, die am Ende bleibt. Auch eine andere tut sich unweigerlich auf: Was, wenn Archy Marshall einfach wie Benjamin Button ist und rückwärts altert?

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Dum surfer
  • Slush puppy
  • Lonely blue
  • Czech one
  • The ooz

Tracklist

  1. Biscuit town
  2. The locomotive
  3. Dum surfer
  4. Slush puppy
  5. Bermondsey bosom (Left)
  6. Logos
  7. Sublunary
  8. Lonely blue
  9. Cadet limbo
  10. Emergency blimp
  11. Czech one
  12. A slide in (New drugs)
  13. Vidual
  14. Bermondsey bosom (Right)
  15. Half man half shark
  16. The cadet leaps
  17. The ooz
  18. Midnight 01 (Deep sea diver)
  19. La lune

Gesamtspielzeit: 66:43 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
er is guter ginger
2017-10-22 02:35:01 Uhr
skizzen hat er doch schon immer gemacht, schon zu beginn seiner karriere.
Schwarz (der echte)
2017-10-19 16:39:09 Uhr
Ja, Sound und Stimme finde ich eigentlich ziemlich geil. Wenn er doch nur das mit dem Songs schreiben irgendwie hinbekommen könnte!

whitenoise

Postings: 219

Registriert seit 17.06.2013

2017-10-19 15:31:09 Uhr
Das Fantano-Review hat nicht ganz unrecht. Es ist die Frage, ob man diese Skizzenhaftigkeit zulässt. Dieses Review kommt allerdings immerhin von jemandem, der "untitled.unmastered" sehr gelobt hat.
Anthony Fantano
2017-10-19 15:02:13 Uhr
King Krule returns with a series of vague, moody musical sketches.

4/10

maxlivno

Postings: 46

Registriert seit 25.05.2017

2017-10-17 17:58:23 Uhr
Album gefällt bisher sehr, auch die Rezension ist sehr gut und treffend wie ich finde. Die zwei Interludes hätten nicht drauf sein müssen, das Album ist auch ohne die beiden noch lang genug :D. Steht bei mir aktuell zwischen 7 und 8. Die 17 Songs sind einfach zu viel des guten, weil zwei drei "schwächere" Lieder drinnen sind, ohne die, wäre es eine klare 8.
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