Deerhoof - Mountain moves

Deerhoof- Mountain moves

Joyful Noise / Cargo
VÖ: 08.09.2017

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Einander durch

Ein paar Gedanken zu Deerhoof, die in etwa so unstrukturiert und durcheinander sind wie deren neues Album "Mountain moves":

Einmal: Deerhoof haben alles durchschaut. Und verstanden. Zeiten, in denen einem Album am Stück gelauscht wurden, sind passé. Auf Netflix spulen die ganz Hektischen mittlerweile in Serien vor, um schneller zu erfahren, was da noch kommt. Überraschungen? Pah, verzichte. Weil Musik konsumiert wird, anders ist das mit diesen Streaming-Playlisten nicht zu nennen. Wurscht, was läuft, es darf nur nicht still werden. "Mountain moves" ist da konsequent. Und kotzt Hörer förmlich an: Hip-Hop-Beats, Jazzsaxophon, Streicherparts, Dancefunkeln, Rockriffs, dann quietscht und zirpt es. Mosaikmusik. Ohne Schlüssel.

2.: Deerhoof suchen keinen Sinn mehr. Explorativ waten sie durch Stilelemente, die mal eben vorkommen. Anders als auf ihren früheren Alben: Sie reichen sich selbst nicht. Weshalb ein gutes Duzend Gastmusiker und -sänger auf "Mountain moves" mitspielen. Und gecovert wird auch noch. "Gracias a la vida" etwa, das so populär und wohlbekannt ist, dass es auch Konstantin Wecker mal gesäuselt hat. Oder "Freedom highway" von The Staple Singers, bei Satomi Matsuzaki & Co. eine Form Protestrock. Bob Marleys "Small axe" hört sich an, wie nachts minibartrunken in die Webcam geschludert.

Drittens: Idioten hoffen noch. Matsuzaki singt im gebremsten "Slow motion detonation": Feiern wir doch die Zukunft, die ihr hättet retten können. Weshalb sie später noch meint: "We dance merrily for we are sad." Natürlich verwursteln Deerhoof einen doofen Trump mit den Frauenmärschen nahe Washington, sie brechen eine Lanze für Wissenschaft und warnen, dass Monokultur die Felder kaputtmacht, sie aussterben lässt. Nur ist die Monokultur bei Deerhoof nicht auf den Süßmaisfeldern zu finden, sondern in der Gesellschaft. Mensch, mischt euch doch mal, ihr Langweiler, schallt es aus diesen Songs.

Abermals: Ein Satz reicht aus. Sieben Worte, die lauten: "You won't live in this house forever", was in "Palace of the governors" ja einiges bedeuten kann: Warte mal die Legislaturperiode ab, die Revolte, der Politikumsturz nahen schon, und Anarchie und Blasphemie, und überhaupt alles dreht sich immer weiter. Dazu panflötenähnelnde Synthesizer, ein sich andauernd überwerfendes Schlagzeug, als müsse der am Sessel klebende Politiker rausgeschoben und verdroschen werden. Wobei die Umsturzwut im Titelsong von Matana Roberts' fantastischem Saxophon weggeblasen wird. Spätestens hier ist wieder alles wirr.

Nummer Null: Wichtig ist, zu verstehen, dass Deerhoof sich von keiner Beliebigkeit fuchsteufelswild durch die Songs schikanieren lassen. Sortiert unsortiert ist das. Und auch nicht ungenießbar oder so avantgardistisch und experimentell, als würde jemand die klaren Formen in einem abstrakten Gemälde suchen. Eher ist "Mountain moves", als wäre es ein Marsch durchs Kunstmuseum im Schnelldurchlauf und erst danach, schnaufend auf den Museumstreppen, würde sich alles irgendwie zusammenfügen. Harmonien, Melodien – sie sind da, aber stehen neben Krach und Quatsch. Als hätten es die Flaming Lips so richtig auf die Spitze getrieben.

Letztens und erstens: Das kommt raus, wenn alles verstanden wurde. Im hyperschnellen Jetzt verläuft der Tag nicht mehr wie in "A day in the life" von den Beatles. Eher werden Berge bewegt, im Spießrutenlauf. Das Computerspiel dödelt am Morgen weiter, wenn zur Bushaltestelle gerannt wird, dabei die x-beliebige Playlist amüsieren soll, dann in der Welt da draußen alles hupt und schreit und beim Mittagsdöner wieder einer anderen Melodie gelauscht wird, bis daheim die Jingles und Einspieler aus dem Fernseher maulen. Das alles sind Deerhoof mit "Mountain moves": Viele pralle, globalisierte Leben.

(Maximilian Ginter)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Slow motion detonation
  • Come down here and say that (ft. Lætitia Sadier)
  • Freedom highway

Tracklist

  1. Slow motion detonation
  2. Con Sordino
  3. I will spite survive (ft. Jenn Wasner)
  4. Come down here and say that (ft. Lætitia Sadier)
  5. Gracias a la vida
  6. Begin countdown
  7. Your dystopic creation doesn't fear you (ft. Awkwafina)
  8. Ay that's me
  9. Palace of the governors
  10. Singalong junk (ft. Xenia Rubinos)
  11. Mountain moves (ft. Matana Roberts)
  12. Freedom highway
  13. Sea moves (ft. Chad Popple & Devin Hoff)
  14. Kokoye
  15. Small axe

Gesamtspielzeit: 39:38 min.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum