Moses Sumney - Aromanticism

Moses Sumney- Aromanticism

Jagjaguwar / Cargo
VÖ: 22.09.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Minus-Liebe

Moses Sumney hinterfragt alles. Und besonders das Normativ der Liebe. Er war noch nie verliebt. Wenngleich er Menschen begehrenswert findet. Aber eben nicht im romantischen Sinne. Die kennt Sumney nur aus Songs und der Poesie. Ob das noch kommt? Sumney hat keinen Schimmer. Aber er weiß, dass er weder asexuell ist noch orientierungslos und mit seinen Ansichten keine Raster bedient. Liebe, findet Sumney, wird definiert und genormt von der Gesellschaft, nur schwebt er außerhalb dieses konventionierten Kreises umher, fühlt sich weltenlos. Und das wühlt ihn auf. "Aromanticism" reißt seine Bauchdecke auf und gibt das innere Ringen um die Deutungshoheit preis, ohne das Außenseitertum oder Alleinsein zu idealisieren oder daraus Trotz und Selbstermächtigung zu ziehen.

Sumney wuchs in der Nähe von Los Angeles auf, wohnte vom zehnten bis 16. Lebensjahr mit seinen Pastoren-Eltern in Ghana und ging dann auf eigene Faust wieder zurück nach L.A.. "If lovelessness is godlessness will you cast me to the walkside", singt er mit dieser Ausnahme-Stimme. Berührend. Angekratzt. In teils schwindelerregenden Höhen. Ob er ihm ein Geheimnis anvertrauen könne, fragt Sumney den Hörer direkt. Die Antwort folgt ungebeten und postwendend: "My wings are made of plastic" repetiert er, begleitet von der Akustikgitarre, und addiert schlussendlich zu Great-American-Songbook-Streichern: "My wings are made up and so am I."

Ausgerechnet diese Songs über Minus-Liebe dringen durch bis ins Mark, sind hochemotional. Durch die Art von Sumneys Gesang, seine offenen Texte und die darauf ausgerichteten Arrangements. Der Opener "Man on the moon reprise" – Reprise, weil er Bezug nimmt auf Sumneys Track aus dem Jahr 2014 – ist ein halbminütiges, mehrstimmiges Vokal-Stück. Nur drei der elf Songs nutzen überhaupt Percussion. Und es ist umso beeindruckender und effektvoller, wenn es denn mal passiert. Wie im sensationellen "Quarrel", bei dem Thundercat Bassgitarre spielt. Piano, Keyboard, Harfe, Jazz, Radiohead – alles drin.

Alleine im Interlude "Stoicism", adressiert an seine Mutter, stecken ein Dutzend Ideen, und beiläufig verrät Sumney schon Harmonien des nachfolgenden "Lonely world". Noch so ein Kracher. Worauf der lyrische Fokus liegt, dürfte nach der x-ten Wiederholung der Adjektiv gewordenen Einsamkeit klar sein. Aber wie Sumney das in der zweiten Hälfte erneut in Thundercats Groove einbindet, die ADHS-haften Drums und die schaukelnden Bläser: Großartig! "And the sound of the void flows through your body undestroyed." War alles gut und wichtig, die Begegnungen, Kollaborationen und Support-Slots für und mit Dave Sitek, Sufjan Stevens, Beck, Solange, Flume und Chris Taylor sowie zwei veröffentlichte EPs, aber "Aromanticism" ist zweifelsohne der vorläufige künstlerische Höhepunkt in Sumneys Schaffen.

"I'm not trying to go to bed with you / I just wanna make out in the car", postuliert der Mann aus Kalifornien zu tröpfelnden R'n'B-Beat, während Flöte und Klarinette Soul der Siebzigerjahre im Sinn haben. "The cocoon-eyed baby" verrät, warum Sumneys Musik gerne als Geister-Folk bezeichnet wird, bei "Indulge me" bleiben die Gespenster draußen. Und "Doomed" mutiert zum wichtigsten Stück des Debüts, weil die gesellschaftlich geschälte Emotionalität Sumney waidwund hinterlässt. Das ist für ihn mehr als bloße Theorie auf Papier, "stoic suffering" für ihn so alltäglich wie die Kernfrage "Am I vital if my heart is idle – am I doomed?" Verdammt? Ja, verdammt, fast stünde hier noch ein Zitat des größten Matthias-Reim-Hits. Aber da ist ja das klassische L-Wort drin.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Quarrel
  • Lonely world
  • Doomed
  • Indulge me

Tracklist

  1. Man on the moon reprise
  2. Don't bother calling
  3. Plastic
  4. Quarrel
  5. Stoicism
  6. Lonely world
  7. Make out in my car
  8. The cocoon-eyed baby
  9. Doomed
  10. Indulge me
  11. Self-help tape

Gesamtspielzeit: 36:54 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Er muß es wissen
2017-10-05 19:39:40 Uhr
Schwülstiger, durchgegenderter R'n'B à la mode, und das auch von 'nem schwarzen Hipster - damit lockt man natürlich Lättaface hinterm Ofen hervor.

Stephan

Postings: 640

Registriert seit 11.06.2013

2017-10-05 19:27:07 Uhr
Bei mir auch derzeit Kurs auf Top5.

Leatherface

Postings: 1600

Registriert seit 13.06.2013

2017-10-04 22:43:54 Uhr
Absolut fantastische Platte. Locker Top 5 für dieses Jahr.

Armin

Postings: 10586

Registriert seit 08.01.2012

2017-10-04 20:56:43 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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