Razz - Nocturnal

Razz- Nocturnal

Long Branch / SPV
VÖ: 08.09.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Morsezeichen

Das Emsland passt mit der häufig konnotierten Unaufgeregtheit ganz gut zu den Jungs von Razz. Der Hype um die vier Emporkömmlinge, die bei Veröffentlichung ihres Debüts "With your hands we'll conquer" beinahe noch Teenager und zum Nachfolger "Nocturnal" im Schnitt gerade mal Anfang 20 sind, hat sich nach dem Erstling zwar nicht so stark bemerkmar gemacht. Dennoch sind die Indierocker aus Meppen beileibe kein Geheimtipp mehr, können sich vor Campusfestivals, Stadt- und Kulturfest-Beschallungen sowie Festival-Anfragen kaum retten. Hinzu kommen Tourneen in kleinen und mittelgroßen Venues, bei denen vor allem eines zutage Tritt: die Unaufgeregtheit und die Stringenz, mit der Razz auf der Bühne agieren. Fokussiert, alle Konzentration auf die Songs gerichtet, entwickelt sich bei Razz-Konzerten eine wohlig-vertraute Atmosphäre, die natürlich von Sänger Niklas Keisers soulgetünchter Stimme zehrt. Daher darf der Vierer in einem beinahe schon abgestandenen Genre irgendwo zwischen Brit-Rock, Garage und New Wave tatsächlich Wiedererkennungswert für sich reklamieren.

Dieser ist auch auf "Nocturnal" zu vernehmen – selbst wenn sich die Truppe in "Trapdoor" einfach mal die Two-Door-Cinema-Club-Songschablone geliehen hat. Doch wer selbst solch eingängige Kompositionen intelligent arrangiert und Laune verbreitet, der braucht sich vor Plagiats-Vorwürfen kaum zu fürchten. Der hervorragende Opener "Paralyzed" gibt die für diese Band repäsentative Richtung vor, schiebt sich in leicht melacholischem New-Wave-Kleid ähnlich geschmeidig in die Ohrmuschel wie etliche Stücke auf dem sehr guten Erstling, während die flotteren Stampfer der Marke "By & by" und "Could sleep" gerade jenen große Ohren machen dürften, die sich die alten Editors zurückwünschen. Zumal bei allem Schönklang dieser Platte auch mal Garagenstaub aufgewirbelt werden darf, wie das bluesrockige "Step step step" belegt. Niklas Keiser klingt in jenem Song wie ein aufbrausender Alex Turner, während die Zeile "It's over and over the same / Just a repititive game" zwar für vieles im Leben gelten mag, nicht wirklich jedoch für "Nocturnal", das genügend Abwechslungsreichtum bietet.

Dazu trägt natürlich "Another heart / Another mind" bei, eine echte Perle der Platte und zugleich Kollaboration mit dem Vokalisten der ebenso aufstrebenden Giant Rooks. Die Gitarren stellen das Flirren ein, ein fein austarierter Synthie-Teppich übernimmt die Regie und der Drum-Beat animiert die beiden Sänger zur wechselseitigen Ekstase. Der verstärkt elektronische Fokus ist neu bei Razz und steht auch "Lecter" sehr gut. Keiser hat sein ohnehin feines Gesangsorgan im Vergleich zum Debüt verbessert und vermag es, Soul- und Blues-Anstrich ein wenig mehr zu variieren, sodass man sich im Falle der hittigen Single "Let it in let it out" nicht nur musikalisch an Interpol erinnert fühlt. Zugleich leitet das Stück den wirklich starken Schlussteil der Platte ein, an dessen Ende "Breathe in" den positiv-verträumten Abschluss markiert. Mit dem schönen "If there was a light" wird den Kollegen von White Lies mit der Taschenlampe ein paar Zeichen gemorst, falls diese ihre eigene Atmosphäre ein bisschen vermissen sollten: Kurz, lang, kurz – kurz, lang, kurz, lang – lang, lang, kurz kurz – lang lang, kurz kurz: RAZZ. Oder frei übersetzt: Ganz unaufgeregt.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Paralyzed
  • Another heart / Another mind (feat. Giant Rooks)
  • Let it in let it out
  • If there was a light

Tracklist

  1. Paralyzed
  2. Trapdoor
  3. Could sleep
  4. Another heart / Another mind (feat. Giant Rooks)
  5. Silver lining
  6. Step step step
  7. By & by
  8. Lecter
  9. Let it in let it out
  10. If there was a light
  11. Breathe in

Gesamtspielzeit: 42:14 min.

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Armin

Postings: 10028

Registriert seit 08.01.2012

2017-10-04 20:56:09 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Postings: 10028

Registriert seit 08.01.2012

2017-06-08 22:43:06 Uhr - Newsbeitrag
Am 8. September erscheint das neue und zweite Razz-Album. Mit „Nocturnal“ präsentieren sich die Emsländer als musikalisch gereifte Einheit mit einem untrüglichen Gespür für raumgreifende Melodien. Bestes Beispiel: Die erste Single „Paralysed“.

Berlin, 08.06.2017
Als die Meppener Band Razz 2012 auf irgendeinem Mini-Festival entdeckt wurde, waren Niklas Keiser (Gesang, Gitarre), Christian Knippen (Gitarre), Lukas Bruns (Bass) und Steffen Pott (Schlagzeug) gerade einmal 16, 17 Jahre alt. Die traumwandlerische Sicherheit, mit der sich die vier Freunde bereits damals in ihrem Post-Punk-inspirierten musikalischen Habitat bewegten, war indes atemberaubend. Man wusste sofort: In dieser Band schlummert ein großes Talent.

Fünf Jahre später ist dieses Talent in voller Reife erblüht: Nach der Veröffentlichung ihres Album-Debüts „With Your Hands We’ll Conquer“ (2015) waren Razz auf Megafestivals wie dem Hurricane zu Gast und spielten eine Tour mit Kraftklub. Sie haben Schule und Ausbildungen abgeschlossen und ihr Leben zuletzt komplett der Musik gewidmet. Und das hört man dem neuen, von Stephen Street (Blur, The Smiths u.a.) produzierten Album „Nocturnal“ deutlich an. Razz haben auf diesem Werk eine Tiefe und Reife erlangt, die sie beim charmant-archaischen Debüt noch gar nicht haben konnten. „Beim ersten Album war es ein reines Ausprobieren, inzwischen wissen wir ungefähr, wie so was geht“, sagt Niklas Keiser lachend.



Es ist ein Understatement: Razz haben sich für „Nocturnal“ nicht beirren lassen und sind ihren Kerntugenden treu geblieben. Von der Basis einer klassischen Rockband ausgehend, haben sie ihren Soundentwurf allerdings deutlich vertieft. Diese Musik ist breiter geworden, sie hat mehr Flächen, lebt von einer intensiven Dynamik und stilistischen Vielfalt. Natürlich mögen Interpol und andere für Razz wichtig gewesen sein, aber mit „Nocturnal“ haben sie sich von diesen Vorbildern emanzipiert und zu einer eigenen Sprache gefunden.

Dabei ist es während der Produktion keineswegs immer so souverän zugegangen, wie die Musik auf „Nocturnal“ nun klingt. Nicht zuletzt die erste Single „Paralysed“ behandelt Zweifel und zwischenzeitliche Versagensängste. „Wir hatten schon ziemlich viele Demos, aber es gab noch keinen einzigen Text“, sagt Niklas Keiser. „Also habe ich nachts wachgelegen: Sind die Songs gut genug, was will ich eigentlich sagen?“ Erfahrungen, die die Themen des Albums durchziehen wie ein roter Faden: „Just a blank page, a narrow cage/I wish that I could make an escape” singt Keiser in „Paralysed“, „Sometimes silence is the quietest violence“, heißt es in „Could Sleep“.

Nicht nur in diesen Momenten ist das entsprechend betitelte „Nocturnal“ ein Album der Nacht geworden – und ein Beleg für die These, dass besondere Kunst nur aus Zweifel geboren werden kann.

"Nocturnal" erscheint am 08. September 2017 über Long Branch Records/SPV.

Alle Livedaten von Razz:
http://www.fourartists.com/artists/r/razz.html
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