David Ramirez - We're not going anywhere

David Ramirez- We're not going anywhere

Sweetworld / Al!ve
VÖ: 08.09.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Wer ist hier der Boss?

*Ding-dong*: "Dürfte ich mit Ihnen über David Ramirez sprechen?" - "Noi, mir kaufet nix."

Hm, bedauerlich, aber so ist es: Ramirez schwebt weiterhin unter jedem Radar, dabei ist seine Musik superkompatibel mit dem Geschmack des durchschnittlichen Plattentests.de-Lesers, spielt er doch atmosphärisch abgeklärten, leicht romantischen, aber freilich niemals kitschigen Breitwand-Indierock, den man in seiner ganzen Art und Weise als "ur-amerikanisch" bezeichnen kann. Nicht ohne Grund: Auf seinem neuen Album "We're not going anywhere" unternimmt Ramirez den Versuch, das amerikanische Wesen der Jetzt-Zeit zu ergründen, mit viel Schmalz auf der Stimme und wehmütigen Klängen in der Hinterhand: das richtige Anästhetikum in einer Ära des chronischen Säbelrasselns.

The War On Drugs, Bruce Springsteen, Father John Misty und ein bisschen The Gaslight Anthem: Einige Referenzen, Einflussgrößen und soundästhetischen Nachbarn von Ramirez sind rasch ausgemacht. Und natürlich darf man sich die Frage stellen, ob man da nicht gleich zu den "Originalen" greifen sollte. Auf der anderen Seite weisen die Songs des gebürtigen Texaners immer einen eigenen Twist auf, laufen aus dem Ruder, drehen Kreise und nehmen auch mal Umwege, die einen an Orte führen, an denen sich Country, Blues, Folk und Indie-Rock freundlich "Gute Nacht" sagen. Nur um dann doch noch auf einen letzten Whisky in die nächste Bar zu ziehen.

Der tolle Opener "Twins" wäre eine solche Nummer: Stoische Drums stampfen traditionsbewusst durch texanisches Ödland, Ramirez' Stimme erhebt sich darüber und verabschiedet sich vom amerikanischen Traum, singt er doch: "Goodbye, America!" Auch das folgende "Watching from a distance" schiebt bosshaft an, vertraut auf lakonischen Gesang und ein melancholisches Piano, das hier voll und ganz im Zentrum steht. Wer also auf seinem Herbst-Sampler noch ein wenig Platz zwischen The War On Drugs und The National hat: Das hier wäre mal ein echter Geheimtipp für lange Spaziergänge durch buntes Laub.

Anschließend lässt es Ramirez auf hohem Niveau weiter plätschern: Seine Stücke mäandern gerne vor sich hin, nicht ganz so ziellos wie die Kompositionen von Adam Granduciel oder Kurt Vile, aber immer noch entspannt genug, um sich als Hörer darin verlieren können. Im Rauschen und Schunkeln, in der Offenheit des Sounds, der Klarheit und der Melodieseligkeit, die sich durch alle Tracks zieht. Fokussiert ist die Platte also nicht immer, eher hebelt sie die Zeit aus den Angeln. Hier sei bezeichnenderweise das verträumte "Time" genannt, das man sich so oder so ähnlich auch von Matt Berninger gesungen vorstellen könnte. Die großen Highlights nach viel Schönklang folgen dann insbesondere wieder gegen Ende der Platte: "Eliza Jane" erinnert nicht ganz zufällig an Elton John und The Who und für das finale "I'm not going anywhere" senkt Ramirez seine Stimme in tiefste Tiefen und schafft den theatralischen Schlusspunkt eines Albums, dem es kaum an Dramatik und Pathos mangelt. Wenn ihr doch nur die verdiente Aufmerksamkeit zuteil werden würde.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Twins
  • Watching from a distance
  • Eliza Jane

Tracklist

  1. Twins
  2. Watching from a distance
  3. People call who they wanna talk to
  4. Time
  5. Good heart
  6. Stone age
  7. Telephone lovers
  8. Villain
  9. Eliza Jane
  10. I'm not going anywhere

Gesamtspielzeit: 39:32 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2017-10-04 20:55:48 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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