Jessica Lea Mayfield - Sorry is gone

Jessica Lea Mayfield- Sorry is gone

ATO / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 29.09.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Szenen einer Ehe

"Jessica Lea Mayfield muss die älteste 19-jährige der Welt sein", so begann Ex-Kollege Gerhardt seine Rezension zum Debüt "With blasphemy so heartfelt" der aus Ohio stammenden Singer-Songwriterin. Rezensent zu sein, ist manchmal sehr einfach, denn in diesem Fall muss man nichts weiter tun, als die "19" durch eine "28" zu ersetzen, und man hat den perfekten Eröffnungssatz für "Sorry is gone". Mayfield hat sich nämlich mit drei Studioalben und diversen Compilations mittlerweile nicht nur als feste Alternative-Country-Größe etabliert, sie musste in noch nicht einmal drei Dekaden auch schon mehr Leid ertragen, als es einem Menschen in seinem gesamten Leben zu wünschen ist. "Have you ever been buried alive?", fragt sie in "World won't stop" und spielt dabei auf ihre eigene atemlose Ohnmacht angesichts der von seelischer wie körperlicher Gewalt geprägten Ehe, die sie über viele Jahre erdulden musste, an. "Sorry is gone" ist der Versuch eines Befreiungsschlags, doch manche Narben heilen nie so richtig und so steht am Ende die nüchterne Botschaft, dass auch vergangene Lebensabschnitte niemals ganz aus der eigenen Identität verbannt werden können.

Aber der Reihe nach, denn von Resignation ist noch nichts spüren, wenn "Wish you could see me now" aus den Boxen poltert. Mayfield hat sich vom düsteren Americana-Minimalismus ihrer Anfangstage mittlerweile weit entfernt, ihre Musik kokettiert mit Grunge-Pathos und Noise-Ausbrüchen. So schreddert der Opener los wie ein Dinosaur-Jr.-Song, doch ihre klare Stimme behält über den Lärm stets die Oberhand. Darauf folgt mit dem Titeltrack ein unverschämt eingängiger, sonniger Jangle-Pop-Hit, der nicht zum letzten Mal 80er-Gitarren den Ton angeben lässt. Seine Leichtigkeit scheint sich zunächst mit der inhaltlichen Schwere der Thematik zu beißen, doch Mayfield kämpft sich hier aus der Opferrolle und zelebriert den hoffnungsvollen Auftakt in ein neues Leben. "The cold hard truth is, you couldn't love me enough", klagt sie in "Meadow" das klar definierte lyrische Du direkt an und macht damit die Ambiguität von "Sorry is gone" deutlich. Es soll zwar ein Album der Selbstbestimmung sein, egal ob sich diese in Aufbruchsstimmung oder Selbstzweifeln äußert, doch landet diese Konfrontation mit dem Ich zwangsweise auch immer wieder bei dem Mann, der ihr die entscheidenden Schäden zugefügt hat.

Am zerbrechlichsten zeigt sie sich im intimen, tief berührenden "Safe 2 connect 2", in dem sie ihre Zukunftsängste am deutlichsten ausspricht und nur mit Akustikgitarre instrumentiert auch ihrer Bluegrass-Vergangenheit am meisten huldigt. Bei aller textlichen Wirkungskraft darf dabei nicht vergessen werden, dass "Sorry is gone" auch musikalisch ein starkes Album ist. Mayfield beherrscht die ruhigen Momente wie das melancholische Kleinod "Maybe whatever" genauso mühelos wie die lauteren, wenn sie im fantastischen "Soaked through" gegen Shoegaze-Wände ansingen oder im nach Sonic Youth klingenden "Bum me out" automatisch in den Kopf dringende Kim-Gordon-Assoziationen abschütteln muss. Die unterschiedlichen Soundansätze werden dabei stets von ihrem Gesang und ihren Geschichten zusammengehalten, wodurch trotz der Stilvielfalt nie ein Eindruck von Zerfahrenheit entsteht. Am Ende schwebt "Too much terrible" sehnsuchtsvoll und traurig-schön davon, Mayfields nackte und dennoch zögerlich optimistischen Worte brennen sich so sehr ein wie nichts anderes auf dem Album: "I'm extremely unstable and unsocialized / It hurts to stand too long, but I won't give up hope". Die älteste 28-jährige der Welt wird nie mehr dieselbe sein wie früher, doch entschuldigen muss sie sich für nichts.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Sorry is gone
  • Soaked through
  • Safe 2 connect 2
  • Too much terrible

Tracklist

  1. Wish you could see me now
  2. Sorry is gone
  3. Meadow
  4. Maybe whatever
  5. Soaked through
  6. Safe 2 connect 2
  7. Bum me out
  8. WTF
  9. Offa my hands
  10. World won't stop
  11. Too much terrible

Gesamtspielzeit: 36:50 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2017-10-04 20:54:55 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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